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03.11.2021, Jamal Tuschick

„Die Ausstellung im Museum Barberini widmet sich bis 9. Januar 2022 der bislang kaum erforschten Rezeption französischer Lichtmalerei in Russland und zeigt anhand von über 80 Werken – von Ilja Repin bis Kasimir Malewitsch – die Internationalität der Bildsprache um 1900.“

1879 malte Ilja Repin seine Familie: „Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern“, Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau © Jamal Tuschick

Mediterrane Freilichtsensationen

„Als Wassily Kandinsky 1896 in einer Ausstellung in Moskau vor ein Gemälde aus der Serie der Getreideschober von Claude Monet trat, sah er zu seiner Irritation ein Bild leuchtender Farben – ohne einen Gegenstand erkennen zu können. Diese Störerfahrung bestätigte ihn darin, in seiner Malerei auf das Motiv zu verzichten. Diese Anekdote ist ein kleiner Mosaikstein in einer vielschichtigen Wirkungsbeziehung zwischen dem französischen Impressionismus und der russischen Kunst zwischen 1860 und 1925.“ Ortrud Westheider, Direktorin, Museum Barberini

Russische Themen/Französische Manier

Ilja Repin (1844 - 1930) absolviert die Grand Tour. Seine Begabung glänzt in Farben kaiserlicher Anerkennung. Er pendelt zwischen Wien und Paris. Repin begegnet Édouard Manet, fällt im Pariser Salon von 1875 durch und verzichtet im Weiteren auf die Vergünstigungen seines Reisestipendiums. 1876 kehrt Repin nach Russland zurück. Da gewährt man ihm jene Anerkennung, die ihm in Westeuropa vorenthalten wurde.

Fortan widmet sich Repin russischen Themen. Unter dem Einfluss von Tolstoi wird er zum Vegetarier. 

1879 malt er seine Familie, siehe Auf dem Feldweg. Wera Repina mit ihren Kindern. Die Ansicht entsteht auf dem Freisitz des Industriellen Sawwa Iwanowitsch Mamontow. Der Schauplatz hat eine eigene Gravitation als Künstler:innenkolonie. Das Gut Abramtsevo dient einem restaurativen Impetus als Refugium. Auf der Abramtsevo-Agenda steht die Revitalisierung traditioneller russischer Handwerkskunst. Repins Familienbild erzeugt dazu einen Gegensatz. Die spaziergängerisch-leichtfüßige Präsentation seiner Ehefrau Wera Alexejewna, der Kinder und einer Gouvernante entspricht nicht allein einer Hommage an die französische Freiluftmalerei. Vielmehr erfüllt sie Bedingungen einer modisch-westlichen Freizeitgestaltung. Das ist der Witz des Bildes. Er widerspricht dem Geist von Abramtsevo, ohne das rückwärtsgewandte Projekt zu kritisieren. 

Das Holz einer Täfelung ist zwar noch gar nicht verwittert, evoziert aber schon eine Zukunft, in der es die gute alte Zeit symbolisieren wird. © Jamal Tuschick

Vorweggenommene Patina und Herrschaftsmalerei - Frankreich bot den avancierten russischen Maler:innen ein Programm, das von den mäzenatisch auftretenden Nobilitierten des Zaren gern genommen wurde. Seit 1898 bestand eine direkte Zugverbindung zwischen Moskau und Nizza. Es ergaben sich touristische Projekte mit den Aspirationen der Sommerfrische.- Konstantin Korowin, „In Süd-Frankreich“, 1908 © Jamal Tuschick

In einer durch und durch säkularen Malerei trotzt das Sakrale gar nicht selten in den Gesichtern der Porträtierten. In überwältigenden Darstellungen von Ornament und Verbrechen aka Schönheit und Charakter vollzogen die Maler:innen die Apotheose. © Jamal Tuschick

Weicher Clash of Cultures

Es war ein weicher Clash of Cultures. Den russischen Reflex auf den Impressionismus deuten Expert:innen als kollaborierende Begegnung von slawischem Drama und französischer Leichtigkeit. Tatsächlich verband sich mit dem Nexus eine Entspannung. Frankreich bot den avancierten russischen Maler:innen ein Programm, das von den mäzenatisch auftretenden Nobilitierten des Zaren gern genommen wurde. 

Vorweggenommene Patina und Herrschaftsmalerei

Seit 1898 bestand eine direkte Zugverbindung zwischen Moskau und Nizza. Es ergaben sich touristische Projekte mit den Aspirationen der Sommerfrische. Auch die Technikfaszination der italienischen Futurist:innen wirkte auf diesen Moment der russischen Malerei. Der Augenblick verschleierte die politische Großwetterlage und so auch die drängenden Themen eines vorrevolutionär zerrissenen Landes, das jede Menge feudal-idyllische Ansichten bot, solange man das Elend der Bäuerinnen ignorierte.  

Auf eine verspielte Weise bestätigte der russische Impressionismus die Monarchie. Seine Sujets variierten Stadien im Reigen eines Müßiggangs, der in Russland andere Voraussetzungen hatte als in Westeuropa. Einige Repräsentant:innen suchten den klassischen Peak der ermalten Szenen in vorweggenommener Patina. Das Holz einer Täfelung ist zwar noch gar nicht verwittert, evoziert aber schon eine Zukunft, in der es die gute alte Zeit symbolisieren wird. 

Schließlich will ich noch eine Sache hervorheben. In einer durch und durch säkularen Malerei trotzt das Sakrale gar nicht selten in den Gesichtern der Porträtierten. In überwältigenden Darstellungen von Ornament und Verbrechen aka Schönheit und Charakter vollzogen die Maler:innen die Apotheose. 

Pressetext

Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde

Die Ausstellung im Museum Barberini widmet sich bis 9. Januar 2022 der bislang kaum erforschten Rezeption französischer Lichtmalerei in Russland und zeigt anhand von über 80 Werken – von Ilja Repin bis Kasimir Malewitsch – die Internationalität der Bildsprache um 1900.

Seit den 1860er Jahren zog Paris als führende europäische Kunstmetropole Maler der Akademien von Moskau und St. Petersburg an. In der Auseinandersetzung mit der impressionistischen Malerei des modernen Lebens befreiten sie sich vom Regelwerk des akademischen Realismus in Russland. Die Begegnung mit der französischen Malerei inspirierte Künstler wie Ilja Repin, Konstantin Korowin und Valentin Serow zu Darstellungen, die neben dem Eindruck des Gegenwärtigen Momente einer sinnlichen, dem Leben zugewandten modernen Welt zeigten. Elektrisches Licht, die Auslagen der Schaufenster und die Architektur der modernen Boulevards boten ihnen Motive, denen sie mit großer malerischer Freiheit begegneten. 

Das vom Impressionismus inspirierte Malen unter freiem Himmel veränderte die russische Kunst und machte das Thema Landschaft populär. Repin, Wassili Polenow und ihre Schüler Korowin und Serow erkundeten die Natur um Moskau und reisten in die Weiten des Nordens. Das Malen en plein air und ein skizzenhafter Stil führten die Künstler an Motive einer Lebensfreude heran, die sich von den existentiellen Themen der russischen Kunst lossagte. Die Künstler fingen das Unbeschwerte des modernen Freizeitvergnügens auch auf der Datscha in lichtdurchfluteten impressionistischen Interieurs ein. Das Studium des Lichts in Innenräumen und auf den Gegenständen von Stillleben führte zur Aufwertung dieser an der Moskauer Akademie gering geachteten Gattungen. In Portraits und Familienbildern wiederum verknüpften die russischen Künstler Unmittelbarkeit mit psychologischer Deutung zu einer eigenen Spielart des Impressionismus. Fragen der nationalen Identität spielten dabei ebenso eine Rolle wie das Verhältnis zur realistischen Tradition innerhalb der Malerei.  

Eine zweite Generation russischer Künstler in Paris lernte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Postimpressionismus und Fauvismus eine Malerei kennen, die mit leuchtenden Reinfarben experimentierte. Die Landschaftsmalerei wurde zum ersten Experimentierfeld für Künstler wie Michael Larionow, Natalja Gontscharowa und Kasimir Malewitsch. Sie sahen sich als Impressionisten, bevor sie nach 1910 mit dem expressiven Rayonismus und dem ungegenständlichen Suprematismus die russische Avantgardekunst begründeten. In der befreiten Farbe fanden die Maler eine Energie, die für die Dynamik und Erneuerung einer neuen Zeit stand. Impressionistische Beobachtung wurde in kubistische und futuristische Flächenzergliederung transformiert und in Malewitschs Serie Weiß auf Weiß als lichthaltiges Nichts verabsolutiert.

Die Ausstellung umfasst mehr als 80 Leihgaben u. a. der ABA Gallery, New York, des Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid, der Sammlung Iveta und Tamaz Manasherov, Moskau, der Sammlung Vladimir Tsarenkov, London, der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau, des Staatlichen Museums der Bildenden Künste der Republik Tatarstan, Kasan Sammlung Elsina Khayrova, London, des Stedelijk Museum, Amsterdam, sowie aus Privatsammlungen. 

Eine Ausstellung des Museums Barberini, Potsdam, und des Museums Frieder Burda, Baden-Baden, in Zusammenarbeit mit der Staatlichen Tretjakow-Galerie, Moskau. Die Schau sollte von 7. November 2020 bis zum 14. Februar 2021 im Museum Barberini in Potsdam und im Anschluss im Museum Frieder Burda gezeigt werden. Gemäß der am 30. Oktober erlassenen Verordnung des Landes Brandenburg zur Eindämmung der Corona-Pandemie war das Museum Barberini in der Ausstellungszeit geschlossen. In Abstimmung mit den Kooperationspartnern, der Staatlichen Tretjakow-Galerie, Moskau, und dem Museum Frieder Burda, Baden-Baden, wurde eine neue Laufzeit für die Schau im Barberini abgestimmt: Die Ausstellung ist nun vom 28. August 2021 bis 9. Januar 2022 in Potsdam zu sehen.