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05.11.2021, Jamal Tuschick

Charkower Chaussee

In einem Niemandsland zwischen Revolution und zaristischer Restauration verwilderten Waisenkinder in brutalen Notgemeinschaften. Banden marodierender Minderjähriger stellten die sich formierende Sowjetunion vor ein pädagogisches Problem im Übergang zwischen verworfener Vergangenheit und unklarer Zukunft.

Anton Semjonowitsch Makarenkos Literatur gewordene Pädagogik gehörte zum Bestand Kasseler Volkserzieher:innen sozialistischer Provenienz im Dunstkreis meines Vaters. Makarenkos Werk bildete einen monolithischen Block im elternhäuslichen Bücherschrank. Mir bot es sich zu einer abenteuerlichen Vermengung mit Karl May-Episoden an. So bildhaft wie zerknirscht erzählt der Autor in der Heimgeschichte „Ein pädagogische Poem. Der Weg ins Leben“ von schwergängigen (von gegenseitigem Misstrauen bestimmten) Anfängen der Arbeit mit verwahrlosten Heranwachsenden, die als Halsabschneider:innen von der Allgemeinheit gemieden und von Spezialist:innen beinah nur mit spitzen Fingern organisatorisch eingefasst wurden. 

„Die unrühmlichen Anfänge der Gorki-Kolonie“

Makarenko beschreibt zuerst eine rau-märkische Kiefernwaldsidylle in der Gegend von Poltawa. Die Charkower Chaussee  führt zu einer „Kolonie für Jugendliche, die sich gegen das Gesetz vergangen haben“. Vor der Revolution leiteten „ausgediente Unteroffiziere“ die Einrichtung. Die verknöcherten Militärs erzogen mit dem Stock. 

Nun sollen Akteure, die griechisch-katholisch im „Leibhusarenregiment ihrer Majestät“ sozialisiert wurden, nach sowjetischen Maßstäben auf den kindlich-erbitterten Widerstand einwirken. Der neue Mensch nach einem Ideal der 1920er Jahre muss auf beiden Seiten zum Vorschein gebracht werden. Das ist die erste Romaninformation im Geist des sozialistischen Realismus. Was uns heute bigott vorkommt, lag damals vor jeder Erprobung und folglich auch vor jeder Desavouierung.

Der neue Mensch entwickelt sich in permanenter Selbstkritik, in einer ununterbrochenen Diskussion, die eine anstrengende Praxis begleitet. Die Idee wurde sofort pervertiert. Doch auf den blanken Punkt gebracht, lässt sich wenig gegen sie einwenden. 

Makarenko beschreibt das Absurdistan des kaiserlichen Kommunismus. Mit den Allüren von Leibeigenen behaftete Leute sollen Verkehrsformen in einem kollektiven Eigentumsrahmen verherrlichen. Kinder, die das Faustrecht nur deshalb überlebt haben, weil sie schon mit drei so profund wie Mike Tyson mit dreizehn zuschlagen konnten, werden in Abgründe totaler Verständnislosigkeit gestoßen. Ein Miteinander kannten sie bis eben nur im Verein der Starken zum Nachteil Schwächerer. 

Zuerst widmet sich der Anstaltsleiter einem Fass voller Vorurteile. So charakterisiert der Erzähler seinen Wirtschafter Kalina Iwanowitsch. 

„Mit seiner Erziehung fing ich gleich am ersten Tage an.“

Das liest sich wie ein Kinderspiel, solange man die russische Kommunion ignoriert, die unter den sowjetischen Prozessen tektonisch weiterarbeitet. Nach einer antiken Vorstellung ergibt sich Russland in einer mytischen Schicksalsgemeinschaft aus Gehorsamen und dem gottgleichen Zaren. Das ganze Land ist ein Sprengel. Im letzten Rotzlöffel atmet die Heiligkeit Russlands.  

Die Direktiven der neuen Zeit sind usurpatorisch, während die zaristische Sklaverei erhebend war, zumindest auf einer Metaebene der Betrachtung. Alle versperren sich dem Genossenschaftsgedanken, und bläut man diesen Gedanken den Zöglingen ein, dann betreibt man kritikwürdige Kommandopädagogik. 

Kurz gesagt, den Erzähler hält ein Dilemma von biblischen Ausmaßen gefangen. Wie er sich dreht, dreht er sich gegen die Laufrichtung alter Gewohnheiten. Er stellt eine blutjunge und engelsgleiche Gymnastiastin namens Lidija Petrowna ein. Man hält ihm ihre Ahnungslosigkeit vor. Er kontert blumig. Lidija sei „das reinste Geschöpf der Welt“. Der Pionier will ihre Reinheit als Impfstoff einsetzen. 

Die ersten Zöglinge treten auf. Sie tragen elegante Stiefel und Frisuren nach der letzten Mode. Verurteilt wurden sie wegen bewaffneter Raubüberfälle. Den Idealismus vor Ort quittieren sie mit hämischen Mienen. Man hat ihnen beigebracht, sich niemals beeindruckt zu zeigen. Man soll sich an ihnen die Zähne ausbeißen. Vom ersten Tag an beweisen sie ihre Unabhängigkeit. Sie horten Diebesgut. Sie gehen nicht in den Wald, um da Brennholz zu schlagen. Stattdessen decken sie Bretterdächer ab. Vor den Erzieherinnen reißen sie Zoten. Sie lassen ihre Messer aufblitzen. Unter ihnen ist ein Mörder, wie sich rasch herausstellt.

Lidija verschlägt so viel Bosheit die Sprache. 

Das pädagogische Personal fürchtet sich vor den Delinquenten in einem epischen Winter. 

„Jeden Abend hörte man auf der Charkower Chaussee Hilferufe.“

Der Erzähler versichert sich mit einem Revolver gegen direkte Angriffe. Er wälzt Erziehungsliteratur. Das Loch seiner Enttäuschung wächst. Gleichzeitig fegt Baron Pjotr Nikolajewitsch Wrangel (1878 - 1928 ) mit den letzten Kaisertreuen der Weißen Armee die Gegend.