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06.11.2021, Jamal Tuschick

Würde sich heute jemand so verhalten wie Brigadier Balla, er wäre sofort seinen Job los und fände auch nirgendwo einen neuen. 

Eingebetteter Medieninhalt

Planfetischismus

„Sechzehn Schornsteine stützten den Himmel über der Stadt.“ So steht es geschrieben in Erik Neutschs Roman Spur der Steine, erschienen 1964 im Mitteldeutschen Verlag.

Der Autor beschreibt eine Industriezone in der Vormauerzeit. Noch geht es um die gesamtdeutsche Befreiung der Arbeiter:innenklasse. Man will Westdeutschland überflügeln und die Überlegenheit des Sozialismus beweisen. Die zur Maschine gewordene Landschaft wird als beispielhaft und vorbildlich für ein vereintes Deutschland dargestellt. Neutsch erfindet dem Giganten ein Schkona. Eine Batterie von Fabriken bildet ein Chemiekombinat. Nach allem greift der Auf- und Ausbau, das Leben ist eine Baustelle. 

Epischer Sozialismus

Neutsch überschrieb seinen Roman mit einem Brechtzitat:

„Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns; Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“ 

Aus der Perspektive von 1964 war das eine optimistische Zielangabe. Mit anderen beschritt der Autor den Bitterfelder Weg.

„Unter dem Motto ‚Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!‘ fand am 24. April 1959 im Kulturhaus des Chemiekombinats Bitterfeld die erste von zwei Autorenkonferenzen des Mitteldeutschen Verlages statt.“ Quelle  

Man schürfte die Wahrheit aus den Gruben der Produktion. Man feierte den Gigantismus. Der ökologische Fußabdruck war kein Thema. Neutsch entsprach der Nachfrage. Die Ecken und Kanten seines Arbeiterhelden Hannes Balla gehörten zu dessen Leistungsstolz. Keine Planerfüllung ohne Bier. Keine Rekorde ohne die Erfahrungen der Praktiker:innen, die allen Plansolltheorien selbstverständlich widersprachen. 

Der Wind drückt Emissionen in die Straßen. Russ verbindet sich mit allem. Der Schmutz bildet einen „grauen Putz“. Staub ist schwarz. Im Qualm entfaltet sich ein „fauliger Geruch von Schwefelgasen“. Neutsch veredelt den Dreck zum Schmuck der Arbeit. Von der ersten Seite an verbreitet er Heiterkeit in dystopischen Szenen. Wer in den 1960er Jahren schon am Start war, erinnert sich. So sah es bei uns aus, egal ob hier bei uns oder da bei uns. 

Ein „brauner Schleier“ verbirgt die Sonne im Juli des Handlungsauftakts. Ein Auflauf von zwanzigtausend Menschen bietet sich Balla als Widerstand an. Er stemmt sich dagegen. Er stößt durch die Menge. Ihre Laufrichtung widerstrebt ihm. Der sozialistische Symbolismus donnert wie eine Pappmaché-Stampede.    

Neutsch charakterisiert Balla als Baustellen-Diktator. Wer sich ihm nicht ausliefert, ist geliefert; der kriegt kein Bein auf den Boden in Ballas Herrschaftsgebiet. Ballas Kommandos gelten „wie in der Armee“. 

Dem sozialistischen Menschen gestattet sind Schweiß, Gestank und unausgegorene Führungsformate. Die sozialistische Produktion muss auch nicht sauber sein. Einer Climate Justice Warriorin unserer Tage drehte sich der Magen, würde sie denn mit oder gegen Balla im sozialistischen Wettbewerb stehen.  

Neutsch trumpft mit bellizistischer Prosa auf. Ein Gefolgsmann des Brigadiers duckt sich unter dem „Beschuss der Blicke“.

Zum Film

Drei Konfliktfäden webt die Verfilmung von Sechsundsechzig in den ersten fünf Minuten zum Handlungsseil, mit dem sich mancher gleich aufhängen könnte. Der Film verschwand drei Tage nach der Uraufführung im Keller, in Beyers hochgelobtem Buchenwaldstreifen „Nackt unter Wölfen“ sind die Kommunist:innen im KZ so fest und famos wie Brigadier Balla auf dem Bau. Analog zu den Verwandlungen selbstständig wirtschaftender Bauern/Bäuerinnen in Kollektivist:innen: widerfährt Balla das Wunder der Einsicht, nicht nur stolz zu sein auf sein Handwerk als permanente Autonomiebehauptung:

„Ihr könnt Partei machen, wenn ich Feierabend habe.“

Der zweite Zündstoff steckt im Mangel. Managementfehler - „Planfetischismus“ fällt als problematisches Wort.

Dazu kommt drittens Katrin „Kati“ Klee als neue Ingenieurin. Auftritt der vorgesetzten Frau. Mit ihr stemmt sich aber auch ein Staat gegen Arbeitskräfteschwund. (Man bildet für den Westen aus.)

Manfred Krug zeigt als Hannes Balla der Welt und ihren Nebelkrähen den blanken Arsch. Er säuft mit seinen „Ballas“ und führt sie großspurig an. Er haut mit Stuhlbeinen zu. Er tritt einen Kollegen vom Kipper, da er den Kies für „seinen“ Bau braucht. Er ergreift Frauen, die so ergriffen quietschen. Heute ginge nichts mehr davon. Nichts Vorbildliches ist Balla geblieben. Manfred Krug überspielt die Überzeichnungen. Ich sehe ihm trotzdem nicht gern bei der Arbeit zu. Bloß wie er weich wird wegen Kati, das ist doch nice ausgeschildert mit den Vorfahrtszeichen des sozialistischen Realismus. Balla will mit Kati ins Kino:

„Wegen Ihnen würde ich mir sogar einen DEFA-Film angucken.“ Das ist ein Brüller fürs Politbüro.

Krystyna Stypulkowska spielt die empfängliche Kati. Männer versuchen sie mit Herabsetzungen und Verniedlichungen („kleine Chefin“, „Mäuschen“) zu entschärfen. „Fräulein“ ist noch korrekt.

*

Nichts wird wahr ohne sein Gegenteil. Realismus vs. Idealismus - Ballas Gegenspieler heißt Parteisekretär. Eberhard Esche spielt Werner Horvath. Auf seine Art ist Werner genauso stur und schneidig wie der Holzer. Er will den „Texaskönig“ für die Republik gewinnen. Der „Weltverbesserer“ (Balla über Werner) gewinnt erst einmal Katis Zuneigung. Das hat Folgen.

Es raucht zwischen Balla und dem Sekretär. Noch weiß Balla nicht, was Selbstkritik ist. Alle anderen sind mit dem Sujet vertraut wie mit jeder Partei-Routine: „Na ja, irgendwann trifft es jeden.“

Werner wird gerügt und rügt selbst: „Wir loben und tadeln nach Nutzen und Notwendigkeit.“

Er ist verheirateter Vater, das Liebesspiel mit Kati demontiert ihn. An einem heiligen Abend pendelt er zwischen seinen Frauen. Balla ballert sich zu. Er sinniert über Werners Idealismus und über Deutschland in Stücken: „Drüben ist Scheiße und hier … waren doch eben noch ein Haufen Flaschen (auf dem Bord).“ Eine geniale Abschweifung. Ein Kollege mit einer Vergangenheit als Hauptmann munkelt im Gegenzug: „Ich hatte auch mal ein Ideal. Bei jedem Schuss dachte ich, er fiele für Deutschland.“