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11.11.2021, Jamal Tuschick

„Wer gibt mir je die Streifzüge zurück, zu Pferde, mit fliegenden Haaren, durch die Berge und Täler der Sahel.“  

© Jamal Tuschick

Vor-pietistischer Drive

So wie die Architekten der Azteken keine profanen Ziele verfolgten, folglich auf das Gemeinwohl nichts gaben, in ihren Sakralbauten aber das höchste Niveau des Epochenwissens erreichten, so verschwendet und erhält sich Isabelle Eberhardt (1877-1904) nach einer Ökonomie, die Georges Bataille dem Sinn nach vor-pietistisch nennt.

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Nach dem Selbstmord eines Bruders hält Eberhardt nichts mehr in Europa. Sie trennt sich nicht nur von dem Kontinent, sondern auch von ihrem Verlobten, einem Diplomaten des Osmanischen Reichs. Die Zivilisationsmüde eilt nach Tunis, erwirbt den Hengst „Souf“ und reitet allein durch die Wüste nach Algerien. Born to be wild in einer polyglotten Variante.

© Jamal Tuschick

Hans Christoph Buch nannte Eberhardt „Rimbauds Tochter“. Er las die „Sandmeere“, magnetisch angezogen von den Begleitumständen.

Sonderschau des Daseins

Eberhardt unterhält Freundschaften zu Personen, die sie für einen Mann halten. So unerkannt feiert sie durchwachte Wüstennächte unter einem mit Ewigkeit prahlenden Himmel als Messen höchster Wahrhaftigkeit. Eberhardt vertieft sich in den mystischen Islam und in das Journal der Brüder Goncourt. In ihr arbeitet der Widerspruch zwischen sich verzehrenden und unternehmenden Kräften. Sie synchronisiert die Bosheit der Brüder Goncourt mit dem Bruderschaftspathos geheimreligiöser Zirkel.  

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Eberhardt gelingt das ganze Bild der aktiven Träumerin ohne Vorbild und Umgebung. Die Liebhaberin des müßigen Streifs beobachtet sich und erkennt vor allen den ikonografischen Charakter ihrer sozialen Gebärden. Ein filigranes, genderfluides Geschöpf „versteift“ sich darauf, „der Säufer, der Verderbte, der Scherben stiftende Rohling zu bleiben“.
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Sie schließt sich einem französischen Militärkonvoi an und wechselt die Begleitung, weil der Kommandant des Expeditionscorps ihr sexuell nachstellt. Mit muslimischen Pilgern dringt Eberhardt immer weiter in die Sahara vor. Die Namen der Oasen haben einen „mythischen Klang“ für die Reisende.

Die Wüste als Seelenlandschaft

Raoul Schrott beschreibt die Erfahrung der Wüste als Schauplatz einer Offenbarung wie vor ihm Paul Bowles. Aber Eberhardt setzt sich dieser Sonderschau des Daseins ohne Netz und doppeltem Boden aus. Sie geht volles Risiko. Eine „magische Anziehungskraft“ zieht sie in die glühende Leere, die auch einmal fruchtbar war. Siehe Schwimmer in der Wüste und die Höhle der Schwimmer.

„Die Höhle der Schwimmer befindet sich im südwestlichen Ägypten, nahe der Grenze zu Libyen, auf dem Gilf-el-Kebir-Plateau in der Sahara. Sie wurde im Oktober 1933 von dem ungarischen Forscher Ladislaus Almásy (László Ede Almásy) entdeckt. Sie enthält Höhlenmalereien von schwimmenden Figuren.“ Wikipedia  

Die Initiierte ernährt sich von Datteln und Zigaretten. Sie zeichnet und schreibt wie im Fieber. Das Atlasgebirge schiebt sich in weiter Ferne wie eine schroffe Küstenlinie vor den Horizont.

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Ihrer Zeit erscheint sie unbegreiflich. Hans Christoph Buch nannte sie viel später „Rimbauds Tochter“ und überschrieb so eine Versammlung von Vermutungen. Buch hatte 1977 einen von Paul Bowles übersetzten Band der in Europa vergessenen Schriftstellerabenteuerin in der Buchhandlung von Lawrence Ferlinghetti „auf der Grant Avenue in San Francisco“ entdeckt, und sich mit dieser Entdeckung ein Feld erschlossen.

„Was mich zum Kauf bewogen hatte, war vor allem das Photo der Autorin auf dem Frontispiz: (eine männlich wirkende Europäerin) in tunesischer Tracht ... die mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung über den Photographen hinwegsah.“

Buch las die „Sandmeere“, magnetisch angezogen von den Begleitumständen.

„Kein Zweifel, Isabelle Eberhardt hat wirklich gelebt.“

© Jamal Tuschick