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13.11.2021, Jamal Tuschick

Roxane Gay dekonstruiert Klischees aus dem Geist patriarchaler Anmaßung.  

Das „Ökosystem der Nachbarschaft“ einer Gated Community in Florida entbehrt für die in Nebraska aufgewachsene Marcy alle Dimensionen des Selbstverständlichen. Die Frau aus Omaha fühlt sich in Naples seelisch aufgeschmissen. © Jamal Tuschick

Patriarchale Anmaßung

Das „Ökosystem der Nachbarschaft“ einer Gated Community in Florida entbehrt für die in Nebraska aufgewachsene Marcy alle Dimensionen des Selbstverständlichen. Die Frau aus Omaha fühlt sich in Naples seelisch aufgeschmissen.  

Die Bible-Belt-Post-Puritanerin spielt eine Hauptrolle in „Florida“. Marcy leidet unter dem gesellschaftlichen und sportlichen Ehrgeiz ihrer Nachbarinnen. Es widersprebt ihr, an dem Attraktivitätsmarathon teilzunehmen, dessen Mindestanforderungen sie in verhöhnender Weise deklassieren. Ausgerechnet die Spezialistin für das tägliche Community-Workout im Spektrum zwischen Spinning und Kickboxen bietet sich als emphatische Instanz an.

Roxane Gay, „Schwierige Frauen“, Stories, aus dem Amerikanischen von Anne Spielmann, btb, 20.-

Caridad kennt ihren Platz als Trainerin der Gattinnen. Im Gefüge rangiert sie neben den Gärtner:innen, knapp über den Poolcleaner:innen und sonstigen Reinigungskräften. Tricia putzt bei den Reichen mit dem Alleinstellungsmerkmal, weiß zu sein. Weiß und schön und jung. Sie stammt aus den Everglades. Ihre Leute „leben sie tief in den Sümpfen, man muss das Luftkissenboot nehmen“.  

Die Autorin dekonstruiert Klischees aus dem Geist patriarchaler Anmaßung.

Zu „Verrückte Frauen“  

Im Nachgang eines unverbindlicher Schäferstunde erkennt er in einem Diner: Sie ist eine Frau, die isst. Ihr Appetit verschlägt dem Verehrer den Atem. In einem Augenblick findet er sie traumhaft, im nächsten Augenblick erklärt er sie einem Freund gegenüber für verrückt. Er ignoriert ihre Anrufe. Als sie dann vor seiner Tür steht, kehrt er den Geschmeichelten heraus. 

„Ich hab’s echt drauf.“

Sie will aber nur ihre auf dem Sofa vergessene Aktentasche wieder in Besitz nehmen. 

Gay listet eine Reihe einladender Missverständnisse auf. Sie begünstigen eine herabsetzende Sicht auf Frauen und sorgen seriell für Verengungen in der Kommunikation. Der raumgreifende Habitus eines Chefs, der seinen Hintern auf den Schreibtisch einer Angestellten pflanzt und ihr unverhohlen in den Ausschnitt guckt, zwingt die Subalterne in einen schmalen Verhaltenskorridor. Ihre Wut darf sie nicht rauslassen. Doch fasst sie den „scharfen Brieföffner mit festem Griff“. 

Unbeschreibliche Enttäuschungen

Gay umkreist die Frage, warum sich weibliche Beiträge so leicht denunzieren lassen. Sie stößt vor in Zonen unbeschreiblicher Enttäuschungen.

„Von Geburt an sah der Junge seinem Vater zum Verwechseln ähnlich. Ist dem Arsch wie aus dem Gesicht geschnitten, sagte ihre Mom gewohnt vulgär im Kreißsaal.“ 

Die Entbundene suchte nach Merkmalen der Verbundenheit mit dem Kind. 

Sie fand nie, „wonach sie suchte.“

Post-Puritanerin - Zu „Florida“

Marcy wächst im Mittleren Westen auf. Geprägt von einem Milieu, dass „rotes Fleisch“ und Kartoffeln für essenziell hält, fühlt sie sich eindeutig definiert. Die Klarheit trübt sich nach einem Umzug ein.

Marcy spielt die Hauptrolle in „Florida“. Die Bible Belt-Post-Puritanerin verschlägt es nach Naples. Da unterscheidet sie sich von anderen Frauen. Die sind durch die Bank „tief gebräunt, die Gesichter schmal durch erhungerte Disziplin, vom selben Chirurgen zurechtgeschnipselt. Sie beglotzten Marcys vergleichsweise üppige Gestalt voller Abscheu“. Ihre Trainingsklamotten sind schicker als „Marcys gesamte Garderobe“.  

Die Komplimente ihres Mannes erscheinen Marcy nur noch mechanisch. 

Feministische Verve und schriftstellerisches Vermögen - Roxane Gay entlarvt Innenverkleidungen der Attitüden im Geschlechterkampf als psychologisches Sperrholz.

Psychologisches Sperrholz

Zu „Ich werde dir folgen“

Warum er? fragt Roxane ihre Schwester in der ersten Stunde nach deren Trauung. Carolina weiß sich verstanden, wenn sie erklärt: „Für einen richtig guten Mann wäre ich nicht gut genug, und Darryl ist wirklich kein schlechter Mann.“

*

Darryl gehört sofort dazu; in dem heruntergekommenen Südstaaten-Kiez seines Krisen-Exils. Auf einem Parcours uferlosen Scheiterns trägt der Abstieg gerade Nevada-Farben. Darryl spürt seinem Versagen in Reno als Manager auf einem Kleinflugplatz nach, selbstverständlich ahnungslos in jeder Hinsicht. 

„Darryl kannte sich nicht besonders gut aus mit der Fliegerei oder Arbeit an sich.“

Die Schwestern besuchen den Bumper. Die eine erzählt, die andere fühlt sich als Ehefrau verpflichtet, ihrem Gatten körperlich nahe zu sein. Darryl führt seine Frau und die Schwägerin aus.    

Er grüßte „alle paar Schritte jemanden mit einem Kopfnicken, als gehöre ihm der Laden. Das Restaurant war dunkel und leer. Unser Kellner, ein baumlanger, magerer Junge …“

Die Erzählerin macht kein Hehl aus ihrer Abneigung. Darryls deprimierendes Dasein erscheint viel normaler als Carolinas Interesse an dem Depp. Gay hält ständig an sich, um nicht ruppiger vom Unvermögen ihres Schwagers zu erzählen. Ein Eisen im Feuer ihrer Wut ist eine Missbrauchsgeschichte, die sie mit ihrer Schwester teilt: eine doppelte, die Schwestern verschweißende Kindheitskatastrophe, die gerade in die Verlängerung geht. 

Zu „Wasser, sein ganzes Gewicht“

Bianca erfüllt alle Bedingungen an eine Selbstoptimiererin nach dem aktuellen Standard. Sie luncht „zweckmäßig“, überholt sich selbst auf dem Laufband, brilliert funktionselitär als Keyboard-Warriorin. Sie ist „flink“ und fluffig und trotzdem ganz und gar Gefangene eines merkwürdigen Fluchs. Wo Bianca aufkreuzt, fängt die Welt an zu lecken. 

Sie steht im Regen, während für alle anderen die Sonne scheint.

Wasserschäden folgen Bianca auf dem Fuß. In der unmittelbaren Handlungsvergangenheit hoffte sie auf Erlösung. Dean, der erste Mann ihres Entzückens, sollte das Wasserverdammnis von ihr nehmen; sie befreien mit seiner Liebe. 

Zu „Das Kainsmal“ 

“Simplification is the ultimate sophistication.” Leonardo da Vinci

Mit dem Architekten Jacob fällt sie beim Rohbausex „in die Sterne“. Der Liebhaber begegnet der Ich-Erzählerin mit einer bekümmerten Freundlichkeit, die einen krassen Kontrast zu der druckvollen Sexualität ihres Gatten Caleb liefert.

Caleb und Jacob sind Zwillingsbrüder. Beide geben sich als Ehemänner der Erzählerin aus. Beide treten als Bettgenossen von Jacobs Freundin Cassie auf. Zuerst dachte ich, die Konstellation sei zu verstiegen. Indem ich sie mir schreibend vergegenwärtige, erkenne ich ihre Simplizität.

In „Das Schweigen der Lämmer“ erklärt Dr. Hannibal Lecter der FBI-Agentin Clarice Starling das Leben sowie die Grundlagen investigativer Interventionen.

„Oberste Prinzipien Clarice. Simplifikation… lesen Sie bei Marc Aurel nach. Bei jedem einzelnen Ding die Frage, was ist es in sich selbst? Was ist seine Natur? Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?“

Lecter: „Wie beginnen wir zu begehren, Clarice? Suchen wir uns Dinge zum Begehren aus? Strengen Sie sich mit allen Kräften an, jetzt eine Antwort darauf zu finden.“

Starling: „Nein. Wir können...“

Lecter: „Wir beginnen das zu begehren, was wir jeden Tag sehen.“

*

Die Zwillinge wähnen sich undurchschaut. Manchmal wechseln sie mitten in der Nacht die Position. Die Erzählerin wird schwanger von ... mit ...   

Aus der Ankündigung

Diese Frauen kämpfen, diese Frauen geben nicht auf. Diese Frauen sind unsere Gegenwart: arm, reich, schwarz, weiß, sie sind Ehefrauen, Mütter, Wissenschaftlerinnen, Nachbarinnen, Verbrecherinnen, Liebende, Mächtige, von Gewalt Heimgesuchte. Das Schwesternpaar, das seit ihrer gemeinsamen Entführung als Kinder unzertrennlich ist. Die Frau, die mit einem Zwilling verheiratet ist, der manchmal von dessen Bruder ersetzt wird. Die Stripperin, die aufs College geht, und die schwarze Ingenieurin, die ihre Vergangenheit nicht vergessen kann: Sie alle sind gleichzeitig zu viel und zu wenig. Wir sind wie sie und geben nicht auf.

Zur Autorin

Roxane Gay, geboren 1974, ist Autorin, Professorin für Literatur und eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen und literarischen Stimmen ihrer Zeit. Sie schreibt u.a. für die New York Times und den Guardian, sie ist Mitautorin des Marvel-Comics »World of Wakanda«, Vorlage für den hochgelobten Actionfilm »Black Panther« (2018), dem dritterfolgreichsten Film aller Zeiten in den USA. Roxane Gay ist Gewinnerin des PEN Center USA Freedom to Write Award. Sie lebt in Indiana und Los Angeles.