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14.11.2021, Jamal Tuschick

#Lob

Lieber Herr Tuschick,

Sie haben uns mit Ihrem so trefflichen Text über das Buch sehr erfreut.   

Herzliche Grüße und alles Beste weiter für Textland

Margarete Schwind

S C H W I N D K O M M U N I K A T I O N   

Margarete Schwind und Sabine Schaub GbR  Presse- und Öffentlichkeitsarbeit  Knesebeckstraße 96, 10623 Berlin  

„Ich hatte das Gefühl, als wäre ich auf einen anderen Planeten oder in ein anderes Erdzeitalter geraten, von dem der Mensch kein Wissen, an das er keine Erinnerung hat.“ Richard E. Byrd

Wenn die Natur wie Gerhard Richter malt, Norwegen 2011 © Jamal Tuschick

Heiner Müllers frühe Gedichte lassen sich als Nachwort zu seiner Jugend lesen

„Der den Traktor fährt / Kann den Tank fahren / Ebenso. / Der den Spaten führt / Kennt das Gewehr // Jeder Grasfleck, vertreten / Von deinem Stiefel / Wird gerächt.“

Beschwört das nicht die militarisierte Volksgenossenschaft? Bald wird Müller Gelegenheit haben zu behaupten: „Unsere Lyrik ist Kunstgewerbe für Jäger und Sammler, es passt kein Telefon in ein Gedicht, alles Butzenscheiben, die Wirklichkeit bleibt vor der Tür.“

„Aber es hat die Klasse mehr Gesichter / Als immer Stiefel auf der Welt sind und / Das Blut in dem Gesicht des Fallenden / Macht doch die rote Fahne nur sichtbarer!“

Welten liegen zwischen diesem Optimismus und der Einsicht: „Immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann. Der Panzerzug der Revolution ist geronnen zu Politik. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt. In uns die Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt.“

Anfang der 1950er Jahre lebt Müller illegal in Berlin. Am Westen interessieren ihn nur die Filme, in jeder S-Bahnstation gibt es ein Kino. Müller kommt aus der Kleinstadt, da sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Er dichtet wie der Weise vom Berg: „Ihr lasst euch gern in euren Flüssen treiben / den sommerlichen, wenn der Himmel brennt. / Im Regen fragt ihr: wie lang wird der bleiben / vergessend: es ist Wasser, das ihr kennt.“

Berlin raucht noch, die Stadt „wird nie ganz in Ordnung kommen“. Halbasiatisch ist sie, eine Membran des Ostens. Eine Insel im Sumpf. Müller genießt seine Entwurzelung. Er erlebt die Erhebung von Dreiundfünfzig als Aufstand befehlsgewohnter Studienräte. Nazis, die nicht schwer belastet sind, werden auf dem Bau eingesetzt. Es rekrutiert sich die Arbeiterklasse aus nationalsozialistischen Lehrern und gewesenen Offizieren. Die kriegen Schwerstarbeiterzulage, ihre Kinder sind als Arbeiterkinder privilegiert im Arbeiter- und Bauernstaat. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Der Lyriker Müller bewegt sich in einem zwar abgesteckten, doch elastischen Rahmen. Er ist ein Sänger seiner Gesellschaft. Er rechnet ab, manchmal nur mit einer Silbe: „Osterfahrung – Der auszog den Osten zu erobern / Leichthin, wie der Esser das Mahl / Wo ist er? / besiegt / (I)st er. Das Mahl / Hat den Esser besiegt.“