MenuMENU

zurück zu Main Labor

14.11.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Vulkanische Ruhe

Mit der Absicht, das Schauspiel des fortschreitenden Nachmittags an einer bestimmten Stelle in Ruhe zu betrachten, erreicht Tillmann den Park. Ein Kinderbasar auf der Promenade vereitelt die Absicht. Die Beflissenheit der Kinder, ihr abgegucktes Geschäftsgebaren, spielt zusammen mit dem Repertoire der Nussknacker:innen aus dem Altenheim im Prüfling.

Tillmann resigniert auf einer Wiese, Karolin war heute nicht im Kindergarten. Er hat Gesternabend mit Lydia verbracht, von ihm aus ging alles in Ordnung. In ihrer Wohnung raucht Lydia am liebsten Camelohne, das bleibt seltsam auch noch vierundzwanzig Stunden nach der Beobachtung. Sie sucht sich ihre Kioske nach ihren Feierabendvorlieben aus. Sie lässt sich von Tillmann nicht belehren. Wenn er sagt, in Frankfurt heißt es Wasserhäuschen, sagt sie trotzdem weiter Kiosk. Bei Schnaps sagt sie nein, in Frage kommt allenfalls Fernet. Die angeblich in ihrem Ausweis behauptete Größe hält Tillmann für falsche Angabe. Lydia marschiert trainiert auf, mit einem in tausend Kursen geschulten Körper. Spirituelle Gymnastik ist ihre Droge. Sie erklärte Tillmann schon einmal das Programm und die Reihenfolge: Yoga, Duschen, Sex-Yoga, Yoga-Sex.  

Ständig klingelte ihr Telefon, von einem Freund war den ganzen Abend nicht die Rede. Lydia schwärmte routiniert für frische Petersilie und Pfefferminze. Sie war in Indien, Pakistan, Afghanistan als Rucksacktouristin. Sie strahlte vehement, anscheinend eingenommen von Tillmanns vulkanischer Ruhe.

Für Tillmann ist schon Seckbach weit. Lydia wohnt an der Seckbacher Grenze in einer Senke. In einem Siedlungshaus, das man der Gegend nicht wünscht. Die zweckstarre Nachkriegsarchitektur verätzt bäurischen Bestand.

...

Einmal hatte ihn LYdia dazu aufgefordert, „Didgeridoo“ zu buchstabieren. Tillmann wurde ausgelacht, weil er das nicht konnte. Da bemerkte er einen unerwarteten Bildungsstolz.

Tillmann trottet mit seinem Fahrrad über die Wiese zu Khans Kiosk. Keiner käme auf die Idee, diesen Kiosk Wasserhäuschen zu nennen. Früher gab es hier nur Klos. Damals passierte Tillmann die Klos auf seiner Dauerlaufstrecke. Er läuft schon lange nicht mehr. Ein orientalischer Trittbrettfahrer der Brezelbuben verkauft in viel Fett gebratene Teigrollen mit Überdosen Kardamon in den Füllungen. Man sieht, dass der Händler mit Sinn für appetitliche Details handelt. Sein Korb ist schmuck. Die Servietten passen farblich zu den Rollen und sind raffiniert gefaltet. Die Ansprache wirkt kalkuliert. Der Mann suggeriert dem Publikum, er sei den Leuten unterlegen.

Khan verhält sich gegenüber Ambulanten, als wären sie Lieferant:innen und an ihn gebunden. Er bietet selbst Speisen von einfacher Art an, Khan verliert Geld an die fliegenden Händler:innen. Trotzdem dürfen sie in seinem Revier Geschäfte machen.

Mit zunehmender Armut wird in der Öffentlichkeit immer mehr verzehrt. Alles frisst aus der Hand. Unter einem Baum löst sich Karolin von einem Mann, der zügig abfährt. Vielleicht hat sie ihn nur zum Abschied umarmt, jedenfalls hat Tillmann nicht mehr gesehen. Jedenfalls verfolgt sie nicht die Abfahrt des anderen. Sie wendet sich umgehend dem Platz zu und sieht Tillmann von einer Warte entrückter Überlegenheit an. Ihr Blick sagt, du läufst mit nach wie ein Hund. Was glaubst du denn, was ich für dich Besonderes habe?

„Bist du krank?“ fragt Tillmann, unfähig, Karolin unbefangen zu begrüßen. Sie antwortet nicht. Auf Khans persönlicher Bank häufen sich Pistazien und Sonnenblumenkerne, man trinkt Sachen, die nicht zum Verkauf bereit gehalten werden. Khan lädt Tillmann und Karolin ein, sich zu seinen Freunden zu setzen. Eine Auszeichnung. Karolin will das Angebot annehmen.

„Wozu?“ fragt Tillmann. Er ist ein Kind des Nordends und braucht von keinem Khan eine Bestätigung seines Rangs.