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17.11.2021, Jamal Tuschick

Walter und Renate von Mangoldt-Höllerers Bestandsaufnahme „Modernes Theater auf kleinen Bühnen“ war „ein Reflex auf die Situation, dass alles, was im Theater auf der Welt (um 1965) passierte, außerhalb Deutschlands stattfand“. Henning Fülle

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„Indolent, medioker, indifferent und schmerzfrei“, nannte Henning Fülle das Theater der Nachkriegssteinzeit. „In allen ästhetischen Ausdrucksformen (sei man) hinter den anderen Künsten hergehinkt“.

Eine Veranstaltung in Zeiten der Pandemie

Von links: Kenneth Brown, Walter Höllerer, Judith Malina, Julian Beck © Jamal Tuschick

Vor Kopf von links: Tobias Hering, Nora Molitor, Henning Fülle © Jamal Tuschick

Auf einem Abtritt der Verzweiflung

Die Widerrufung des Edikts von Nantes (Ludwig XIV/1685) bescherte dem außerfranzösischen Europa eine Konjunktur des Wissens. Die hugenottische Exil-Exzellenz machte sich auch in Preußen bemerkbar. Ein vergleichbares Phänomen bildete sich direkt nach dem II. Weltkrieg in New York ab. Dem Faschismus nach Amerika entgangene deutsche Theaterleute gründeten und inspirierten das Living Theatre und andere Motoren der Avantgarde, während in Westdeutschland der bürgerliche Theaterbetrieb aus dem letzten Loch pfiff. Bemerkt wurde die Misere von Walter Höllerer, der Anfang der 1960er Jahre ein omnipräsenter Erklärer war. Er erkannte, was der deutschen Theaterlandschaft Not tat und organisierte Nachhilfestunden für die Sitzengebliebenen. Als Nachhilfelehrer:innen engagierte er Träger:innen von Zukunftsinformationen aus dem angelsächsischen Sprachraum, von denen einige ihr Innovationspotential in Deutschland entfaltet hätten, wäre ihnen nicht der Nationalsozialismus in die Quere gekommen. Unter Höllerers Schirmherrschaft mutete man am 18. 11. 1964 dem TV-Publikum eine Inszenierung von The Brig zu; zur Aufführung gebracht an der Berliner Akademie der Künste. Höllerer instruierte das Auditorium vor Ort mit selbstverständlicher Strenge. Das Fernsehen genoß genauso Vorfahrt wie eine Kolonne von Staatskarossen. 

Brutales Kammerspiel

Die Autorität des Publizisten dokumentiert eine Aufzeichnung, die vorgestern Abend im Literarischen Colloquium Berlin zu sehen war. Die Konserve aus der Startphase westdeutschen Bildungsfernsehens arrondierte die Präsentation von „The Brig“. Man sieht auf engstem Raum entfesselten Sadismus. 

The Brig is a play written by former U.S. Marine Kenneth H. Brown (born 1936). It was first performed in New York by The Living Theatre on May 13, 1963, with a production filmed in 1964 by Jonas Mekas. It depicts a typical day in a U.S. Marine Corps military prison called the brig. Brown spent 30 days in a brig for being absent without leave while serving with the Third Marines at Camp Fuji, Japan in the 1950s.” Wikipedia

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Tobias Hering, Nora Molitor und Henning Fülle diskutierten im LCB die Keimzeit des westdeutschen Theateraufbruchs. 

Aus der Ankündigung des Literarischen Colloquium Berlins

… permission to cross the white Line, Sir!

Das »Living Theatre« und »THE BRIG«
Filmdokumente aus New York und Berlin, 1964
Mit Henning Fülle, Tobias Hering und Nora Molitor

Das erste Stück, das die vom LCB 1964 initiierte Reihe Modernes Theater auf kleinen Bühnen zeigte, war »THE BRIG«. Entstanden auf der Grundlage eines Manuskripts des ehemaligen Marines Kenneth Brown und inszeniert von Julian Beck und Judith Malina mit ihrer Truppe »The Living Theatre«, wurde es am Entstehungsort in New York mit Begeisterung angenommen und von Jonas Mekas, einem der bekanntesten Vertreter des New American Cinema, gefilmt. Bei der Aufführung in der Berliner AdK filmte der SFB. Wir zeigen Mekas’ »THE BRIG« und Teile des Fernsehmitschnitts und diskutieren die Spannungsverhältnisse von Film und Theater sowie von Institution und freier Kunst.

Die Veranstaltung ist Teil von //„The gatekeepers exist to be overthrown.“ 
Amos Vogel – Reprisen und Repliken (II)//, eine Hommage des Arsenal – Institut für Film und Videokunst.