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18.11.2021, Jamal Tuschick

„Das kathartische Unternehmen“ (Henning Fülle) bürgerliches Theater verlor sich in der konkreten Nachkriegszeit in der Bedeutungslosigkeit. 

Von links: Kenneth Brown, Walter Höllerer, Judith Malina, Julian Beck/ Das LCB im Sommer © Jamal Tuschick

Inszenierte Wirklichkeit

Ein kleiner Spielraum genügt dem großen Grauen. Die sofort überlasteten Zuschauer:innen sehen ein Stück „inszenierter Wirklichkeit“ (Henning Fülle); kommen aber kaum dazu, das zu begreifen. Die Erpressungen, denen die Delinquenten ausgesetzt sind, erreichen das Publikum als monumentale Zumutung. The Brig handelt von den pervers-kafkaesken Zuständen in einem US-Militärgefängnis innerhalb einer Kaserne auf einer japanischen Insel. Die arrestierten Soldaten sind vollkommen entrechtete Protagonisten einer Erniedrigungsorgie im Abu Ghraib-Stil. Nur, dass sie von ihren eigenen Leuten nach Schema F fertiggemacht werden.

„Die Uraufführung ... im Sommer 1963 in New York ... wurde als eine neue Form des politischen Theaters ... kontrovers diskutiert.“ Tobias Hering

Dem deutschen TV-Publikum wurde das brutale Kammerspiel 1964 in der Aufzeichnung eines Living Theatre-Gastspiels an der Berliner Akademie der Künste vom 18. 11. 1964 vorgesetzt. In US-amerikanischer Obhut präsentierte sich die junge Bundesrepublik als variierende Ausgabe im Puppenhausformat. Die Regression war eine Totalität. 

Tobias Hering, Nora Molitor und Henning Fülle analysierten am 15. November im Literarischen Colloquium Berlin Keimzeitproduktionen des westdeutschen Theateraufbruchs. 

„Das kathartische Unternehmen“ (Henning Fülle) bürgerliches Theater verlor sich in der konkreten Nachkriegszeit in der Bedeutungslosigkeit. 

Die meisten Deutschen waren nicht gewillt, im großen Bruder The Big Evil zu sehen. Das hob Fülle in seiner Analyse hervor. Der Kritiker führte aus: So kurz nach der Kubakrise sei an der „Systemgrenze“ zum Kommunismus die Bereitschaft gering gewesen, der Schutzmacht etwas krumm zu nehmen. Vielmehr nahm man die US-Army als Garantin der westlichen Freiheit wahr. 

Man unterstellte der Sowjetunion einen nuklearen Angriffswillen, bevor die UDSSR über Atomwaffen verfügte. Das Gleichgewicht des Schreckens wurde erst 1949 hergestellt. Szenarien nahmen den Schrecken vorweg - mit aufgerückten Grenzen. Der Russe (BRD-Jargon) stand vor der Tür. Die Amerikaner:innen im Gefolge von John Foster Dulles und Dwight David Eisenhower wünschten sich die deutsche Auxiliartruppe als Panzerarmee mit einer Mannschaftsstärke von 500.000 Mann. Daran scheiterte zunächst der „Beauftragte des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“. Um den Protest im Lager der Wiederbewaffnungsgegner zu schwächen, hatte Adenauer den Posten zur Bürde eines (christlichen) Gewerkschaftsführers gemacht. Der Mann hieß Theodor Blank und nach ihm hieß ein Amt, das ab 1950 die Bundeswehr etablierte. Franz Josef Strauß, der gern erster Verteidigungsminister der Bundesrepublik geworden wäre, attestierte den Deutschen eine „antimilitärische Psychose“.   

Eine Veranstaltung in Zeiten der Pandemie/ Der Kritiker und 'Der Kritiker'. So heißt die Bronzeskulptur von Günter Kaden am Teterower Mühlenteich. © Jamal Tuschick

Brutales Kammerspiel

Walter und Renate von Mangoldt-Höllerers Bestandsaufnahme „Modernes Theater auf kleinen Bühnen“ war „ein Reflex auf die Situation, dass alles, was im Theater auf der Welt (um 1965) passierte, außerhalb Deutschlands stattfand“. Henning Fülle

„Indolent, medioker, indifferent und schmerzfrei“, nannte Henning Fülle das Theater der Nachkriegssteinzeit. „In allen ästhetischen Ausdrucksformen (sei man) hinter den anderen Künsten hergehinkt“.

Eine Veranstaltung in Zeiten der Pandemie 

Die Widerrufung des Edikts von Nantes (Ludwig XIV/1685) bescherte dem außerfranzösischen Europa eine Konjunktur des Wissens. Die hugenottische Exil-Exzellenz machte sich auch in Preußen bemerkbar. Ein vergleichbares Phänomen bildete sich direkt nach dem II. Weltkrieg in New York ab. Dem Faschismus nach Amerika entgangene deutsche Theaterleute gründeten und inspirierten das Living Theatre und andere Motoren der Avantgarde, während in Westdeutschland der bürgerliche Theaterbetrieb aus dem letzten Loch pfiff. Bemerkt wurde die Misere von Walter Höllerer, der Anfang der 1960er Jahre ein omnipräsenter Erklärer war. Er erkannte, was der deutschen Theaterlandschaft Not tat und organisierte Nachhilfestunden für die Sitzengebliebenen. Als Nachhilfelehrer:innen engagierte er  Träger:innen von Zukunftsinformationen aus dem angelsächsischen Sprachraum, von denen einige ihr Innovationspotential in Deutschland entfaltet hätten, wäre ihnen nicht der Nationalsozialismus in die Quere gekommen. Unter Höllerers Schirmherrschaft mutete man am 18. 11. 1964 dem TV-Publikum eine Inszenierung von The Brig zu; zur Aufführung gebracht in der Berliner Akademie der Künste. Höllerer instruierte das Auditorium vor Ort mit selbstverständlicher Strenge. Das Fernsehen genoß genauso Vorfahrt wie eine Kolonne von Staatskarossen.

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Die Autorität des Publizisten dokumentiert eine Aufzeichnung, die am 15. November im Literarischen Colloquium zu sehen war. Die Konserve aus der Startphase westdeutschen Bildungsfernsehens arrondierte die Präsentation von „The Brig“. Man sieht auf engstem Raum entfesselten Sadismus.

The Brig is a play written by former U.S. Marine Kenneth H. Brown (born 1936). It was first performed in New York by The Living Theatre on May 13, 1963, with a production filmed in 1964 by Jonas Mekas. It depicts a typical day in a U.S. Marine Corps military prison called the brig. Brown spent 30 days in a brig for being absent without leave while serving with the Third Marines at Camp Fuji, Japan in the 1950s.” Wikipedia

Aus der Ankündigung des Literarischen Colloquium Berlins

… permission to cross the white Line, Sir!

Das »Living Theatre« und »THE BRIG«
Filmdokumente aus New York und Berlin, 1964
Mit Henning Fülle, Tobias Hering und Nora Molitor

Das erste Stück, das die vom LCB 1964 initiierte Reihe Modernes Theater auf kleinen Bühnen zeigte, war »THE BRIG«. Entstanden auf der Grundlage eines Manuskripts des ehemaligen Marines Kenneth Brown und inszeniert von Julian Beck und Judith Malina mit ihrer Truppe »The Living Theatre«, wurde es am Entstehungsort in New York mit Begeisterung angenommen und von Jonas Mekas, einem der bekanntesten Vertreter des New American Cinema, gefilmt. Bei der Aufführung in der Berliner AdK filmte der SFB. Wir zeigen Mekas’ »THE BRIG« und Teile des Fernsehmitschnitts und diskutieren die Spannungsverhältnisse von Film und Theater sowie von Institution und freier Kunst.

Die Veranstaltung ist Teil von //„The gatekeepers exist to be overthrown.“ 
Amos Vogel – Reprisen und Repliken (II)//, eine Hommage des Arsenal – Institut für Film und Videokunst.