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20.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Einar für alle

Ich habe erlebt, wie Einar Schleef das Publikum zur Geisel machte. Er zwang andere in seinen Prozess mühevoller Wortbildungen. Einar rang für alle. Schleef starb 2001 in Berlin. 

Autobiografische Wucherung - Im Referatspräsens 

Schleef wird Vierundvierzig in Sangerhausen geboren. Barbarossaland unter dem Kyffhäusergebirge. Man sagt „Dreckarsch“ zueinander, wenn der Vater dem Sohn ein offenes Wort einschenkt. Der Sohn schreibt vom neunten Lebensjahr an mit. Anne Franks Tagebuch dient der Anregung. Dass man etwas für sich behalten kann. Ein früher Eintrag: „Auf der Straße Panzer.“

Der Text geht durch das Ich, das beglaubigt ihn. Das Ich geht durch den Text, das erhält es. Monumentalität und Kleinkram werden nicht geschieden.

Anfang der Sechziger geht Schleef nach Berlin und studiert in Weißensee Bühnenbild. Er wirkt an lauter ersten Linien, die Mutter versteckt seine Tagebücher vor dem Vater und der Stasi unter den Kohlen im Keller.

„Was sagen all diese Bücher über mich aus?“, fragt er sich. „Ach, es ist so viel Unwahres darin, so viel Lüge und Widerspruch.“

Schleef korrigiert sich, es ergibt sich eine autobiografische Wucherung. Darin wird schlechtes Gedächtnis beklagt: „Ich vergesse, ich beende ein Buch, eine Inszenierung und habe alles vergessen, kein erinnerliches Detail, keine Namen.“

Schleef inszeniert am Berliner Ensemble, an der Wiener Burg, in Frankfurt am Main. Im Westen fängt er an zu fotografieren. Die Aufnahmen kommen zu den „Backsteinen aus Worten, die ich den Leuten um die Ohren schmeiße“.  

„Auf der Straße Panzer.“ - Im Juni Dreiundfünfzig notiert Schleef: „Polizisten schlagen Männer zusammen, Blut vor dem Rathaus.“ Der Vater schlägt den Sohn. Der Sohn fällt aus dem Zug und aus der Rolle. Er fällt unangenehm auf. Schleef selbst resümiert fünfzig Jahre später bei der Abschrift seiner Notizen: „Mir fehlte die Kraft, die Brutalität, mir fehlte die Liebe.“

Er stellt fest: „Ich kann nur Schreibmaschine.“