MenuMENU

zurück zu Main Labor

22.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Pandemie und Klimawandel

Und dann kam die Pest im Rattenpelz der Neuzeit.

Die Pest war eine unabweisbare Invasorin. Mit staatsmännischer Gewalt ließ sie sich nicht einhegen. Solange man wenig über sie wusste, stritt der Glaube mit dem Aberglauben. Die Reaktionsreigen im Pestkontext erinnert an die Ermächtigungsinszenierungen im Zuge des Klimawandels. Der Soziologe Bruno Latour behauptet, dass wir das Europa, in dem die Pest mächtig war, vergessen müssen. Unsere Geschichte, so Latour, erklärt die Gegenwart nicht mehr. So wie die Pest ohne effektive Antagonist:innen Europa im Griff hatte, so übermächtig sei nun der Temperaturanstieg.

„Der Boden Europas hat ein anderes Wesen angenommen.“

Wir, die wir uns sesshaft finden, befänden uns längst auf der Wanderung. Sind wir so blind, wie es die Leute waren, die von der Pest überfallen wurden? Es geht nicht mehr allein darum, wer die ökonomischen Hebel bewegt. Vielmehr äußert sich die Erde selbst zu unserem Nachteil.

Sagt Latour.

Er erklärt das auf die übliche Weise mit dem Schwinden von Kräften. Die Erfinder:innen der Globalisierung werden zu Opfern der Geister:innen, die sie riefen. Wie stets in einer Lage, die Chronist:innen barbarisch nennen, plädieren die einen für Abschottung und die anderen für Öffnung. Aufzugehen in einem größeren Verband und Teil der großen Wanderung zu werden, berührt ein menschheitsgeschichtliches Motiv, in dem Angst & Aufbruch zusammenspielen. Latour holt Hilfe bei Dostojewski, der „in der ersten Blüte des Liberalismus (erkannte, dass) rationales Denken keinen entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten“ hat.