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23.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Mehr Müller

Gedicht oder Drama oder dramatischer Entwurf: das sind nur Worte für keinen Roman

Existenzialismus, sozialistischer Realismus … Inge Müller tötet mit bloßen Händen die Blattläuse in ihren Beeten. Sie sorgt für Papier, jedes Blatt wird über die Kanten beschrieben. Sie schreibt Parolen gegen Wehmut, Frieden ist, ohne Angst einzuschlafen. Ist, keine Sorgen um die Kinder der Republik haben zu müssen.

Interesse ist Haftung. Auf dem Interesse haftet das Interesse an der Republik.

Es ist nicht staatstragend, was das Paar zu Papier bringt, und trotzdem DDR. „Du kannst DDR zu mir sagen“, wird Heiner Müller im „Bau“ schreiben.

Ein Schreiben für die Ewigkeit. Jedes Stück muss so haltbar sein, dass es sein Verbot überlebt. Der Schulterreiter des Sprachbewusstseins heißt Shakespeare.

„Mythen sind sehr frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“

„Wenn man betroffen ist, hört die Ästhetik auf.“

(Ich finde, das Gegenteil kann ebenso der Fall sein. Der Speer und seine Verzierung kommen aus der gleichen Repertoireerweiterung des gejagten Jägers.)

Müller gewährt den Texten Topografien auf Rechnungen. Gedicht oder Drama oder dramatischer Entwurf: das sind nur Worte für keinen Roman. Sieht man die Welt mit Müllers Augen, kann das nur heißen: Die Romane sind alle geschrieben. Denn sonst käme der Text einfach so zu ihm, dem Zuständigen.

Ab und zu fällt Müller zu viel ein. Manches Gedicht bricht aus in die große Müller-Erzählung von den Schrecken der Epoche, diesen Spiegeln der menschlichen Tragödie.

„Es gibt eine verkommene Haltung zum Tragischen.“

Gedichte gehen über Stock und Stein und Grabrede … auf ihren Transitstrecken des melancholischen Eigensinns.