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24.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Das graue Nichts

Gallinero Junction ist eine dieser Boomer:innenfestungen, die Uneingeweihten wie unterversorgte Weiler vorkommen: in einem Wüsten-mythischen Dahinten, wo sich Fuchs und Eselhase auf Kalifornisch Gutenacht sagen. Den phantasievoll-performativ zur Schau gestellten Hass auf Tourist:innen lernt die Geoökologin Kaisa Koskelon als Rauchzeichen einer esoterisch-tribalen Hermetik zu deuten. Der Stamm formierte sich als Öko-Sekte in der Hochzeit von Charles Manson. Damals chopperte man in die Wüste, um da zu easyridern. Aber wem sage ich das? Nach einer kleinen Ölkatastrophe ergriffen Aktivist:innen Besitz von dem Flecken und hielten fortan Fremde davon ab, ihre Gemeinschaft zu erweitern. Die Dueño de la casa de gallina nutzen ein kompliziertes Wasserrecht, eine labyrinthische Bebauungsplanung und noch mehr Schikanen, um unüberwindbar hohe Hürden vor jeder Neubürgerin zu errichten. Eine Spezialistin befasst sich hauptamtlich mit der Abwehr jedweder Ansiedlungsversuche. Kaisa begegnet der abgedeckten Militanz auf Schritt und Tritt. Fast alle erwachsenen Bürger:innen von Gallinero Junction sind in der División de defensa vereint. Gleichzeitig ist man sich untereinander nicht grün.    

Was zuvor geschah

Kaisa soll den Vorlass der in Gallinero Junction seit einem halben Jahrhundert heimischen Climate Justice Warriorin Liḍana Cāha sichten. Im Haus der Weltberühmten lebt der siebzehnjährige Johābeba Shayi. Seine Funktionen in Liḍanas System bleiben Kaisa verborgen. Johābeba, kurz Jo, wirkt auf Kaisa wie ein Magnet. Immer tiefer taucht Kaisa in die Glückskabbala der in einem Dauerrausch der Seligkeit Verbundenen ein. Liḍanas Aufzeichnungen macht Kaisa zu ihrer ständigen Lektüre.   

Mühsam bändigt Kaisa einen Bunch widersprüchlicher Empfindungen. Ahnt sie, dass auch an ihr eine Vergangenheit klebt, die niemals abfallen wird?

Bis eben hat Kaisa das Übliche, also irgendwas mit Ökomedien und Aktivismus gemacht. Das in einem übergangenen Jugendstil (Art nouveau) und kaum rezipierten Art déco der 1950er Jahre erbaute Haus ihrer Arbeitgeberin sitzt wie ein „kukīwochini inibelaleni ina soda init’et’aleni“ in einer Felsenmuschel. Der Anstrich lässt zu wünschen übrig. Wind und Wetter veranstalten im ozeanischen Dunstkreis ein Festival der Erosion. Kaisa haust in der roh belassenen, allenfalls als Lager geeigneten Mansarde. Nachts vernimmt sie das Kampfgeschrei der kleinen Räuber:innen im Dachstuhl. Froh ist sie für jede Unterbrechung der unheimlichen Frist bis zum nächsten Morgen.   

Tagsüber fiebert sie in Korrespondenzen, Krankenakten, Restaurant- und Hotelquittungen und beliebigen Notizen.

Ein graues Nichts ergreift von Kaisa Besitz und mästet ihre Befürchtungen. Das Monster gibt Befehle. Es flüstert Kaisa von innen ins Ohr, während die Gewissenhafte sich zu der Einsicht durchquält, zur Hebung eines Schatzes bestellt worden zu sein. Sie zieht Millionenwerte aus Müllbergen der Achtlosigkeit. 

Still schweigt das graue Nichts nur, wenn Jo auf Kaisa beruhigend wirkt.