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2021-11-26 06:13:27, Jamal Tuschick

Evolutionäre Spielfigur

Obwohl Misogynie oft den persönlichen Ton anschlägt, ist es am produktivsten, sie politisch zu begreifen

Nichts zeigt deutlicher das Ende einer Epoche an als jene Frauenbilder, die in meiner Generation zur Identifikation einluden. Ich rede von Marilyn Monroe und Jayne Mansfield, deren Ikonografie in der gegenwärtigsten Lesart herabsetzenden und längst vom Markt genommenen Zuschreibungen geschuldet sind. Der letzte Schrei von gestern verhallt nicht als geachtete Ladenhüterin im kulturellen Gedächtnis so wie zum Beispiel religiöse Vorschriften, die durch Jahrtausende geschleppt und bis auf den heutigen Tag nicht ausgemustert wurden.

Die Radikalität der Verhältnisse, die das Jetzt definieren, lässt sich daran erkennen, dass sie die Vergangenheit einfach abstoßen und alle Anschlüsse verweigern.

Auf den Klippen der Zukunft sieht man bereits die bleichen Gebeine jener Altenweißenmänner, für die Frauen bloß Unter-Gebene waren. Die gebende Frau, die sich nicht unverfroren zeigen darf, ist eine Figur der institutionalisierten Degradierung. Die Gebende legitimiert sich dienend und erfüllt so die Erwartung von Männern, die sich von Frauen Trost versprechen und das Versprechen aus einem Anspruch ableiten.

Keine ernstzunehmende Zeitgenossin wird sich dazu hinreißen lassen, im Altenweißenmann eine von der Geschichte abgeurteilte evolutionäre Spielfigur auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit zu sehen. Vielmehr steckt im Portfolio des Altenweißenmannes die Macht an den Hashtagbarrieren der neuen sozialen Bewegungen vorbei, Forderungen durchzusetzen.

Misogyne Strukturen unterstützen maskuline Suprematie und schmälern die Möglichkeiten von Frauen, Wirkungen der Misogynie öffentlich darzustellen. Die Strukturen ermöglichen soziale und physische Strangulationen. Die Täter kommen oft aus dem gesellschaftlichen Nahbereich ihrer Opfer, oft sind es Intimpartner. Sie üben eine schwer beweisbare Gewalt aus.

Die Strangulierte wird in dem Vakuum der Rechtlosigkeit zum zweiten Mal Opfer. Manchmal geht die Krise ohne Katharsis wie ein Schauspiel über die Gesellschaftsbühne – und zwar sowohl zur Belehrung als auch zur Abschreckung. Öffentlich gemachte Übergriffe wie Vergewaltigungsvorwürfe, die gegen den Ehemann erhoben werden, erscheinen vor Gericht mitunter unhaltbar.

Die Misogynie sitzt im Recht und potentiell auf jedem Amtsträgerstuhl. Sie ist ein Allgemeinplatz in ihrer alltäglichen Banalität. Sie beruft sich selbst ein, wenn die Ordnung gestört wird, indem ein Mächtiger unter Druck gerät, weil eine Angegriffene, die ihr Heil in der Anzeige sucht, nicht gleich alles wieder zurücknimmt und das Gegenteil behauptet.