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27.11.2021, Jamal Tuschick

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Trübe Pracht

Heiner Müllers „Auftrag – Erinnerung an eine Revolution“ öffnet in karibischen Farben. Krokodile tauchen aus Verwünschungen auf: „Die Schlangen sollen deine Scheiße fressen, deinen Arsch die Krokodile, die Piranhas deine Hoden.“

Das zu schreiben, hat bestimmt Spaß gemacht. Die trübe Pracht garniert einem Einschub. Der Einschub ist eine Vergegenwärtigung des „Auftrags“. Die Welt, in der Müller den „Auftrag“ schreibt, sieht an Ecken und Kanten aus wie seine Beschreibung. Ein realistischer Rahmen füllt sich mit surrealem Schaum. Man könnte über einen Traum reden, auf einer psychologischen Kreuzung zwischen Franz Kafka und Wilhelm Genazino, insofern man von einem Angestellten-Alptraum reden könnte.

Das wäre naheliegend.

Zur Handlung: Das erzählende Ich steht zwischen Männern „in einem alten Fahrstuhl“. Das ist eine Klapperkiste, ein Seelenverkäufer von einem Lift. Der Erzähler beschreibt sich:

„Ich bin gekleidet wie ein Angestellter oder wie ein Arbeiter am Feiertag. Ich habe mir sogar einen Schlips umgebunden, der Kragen scheuert am Hals, ich schwitze. Wenn ich den Kopf bewege, schnürt mir der Kragen den Hals ein.“

Der Erzähler hat einen Termin beim Chef, „in Gedanken nenne ich ihn Nummer Eins“, und vergessen, in welcher Etage der Chef regiert. Es könnte die vierte sein. Noch vermutlicher, die zwanzigste. Der Erzähler geht davon aus, wo auch immer, nur eben an der richtigen Stelle „einen Auftrag“ zu kriegen.

„Der Auftrag“ im Ganzen als ein Stück aus dem Jahr 1984 handelt von drei temporär republikanischen Brandstiftern, namentlich Debuisson, Galloudec und Sasportas.

Sie sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest:

„Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“ und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

Der Erzähler in der Gegenwart des Autors trabt bei weitem nicht so hoch. Wie gesagt, er könnte sein Desaster nur träumen hinter einem Fenster aus Marzahn. „Die Lebenslüge des Zusammenhangs“, so Müller, „findet im Traum nicht statt.“ (Kristin Schulz) Das ist eine Spur. Der Leser ist aber so frei wie der Autor und sollte aus seiner Autonomie etwas machen. Also, nicht immer nur Traum und verfremdete Wirklichkeit.