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28.11.2021, Jamal Tuschick

Der Verlag Hentrich & Hentrich liefert wichtigen Debatten der Gegenwart Grundlagen. 

Aus der aktuellen Produktion von Hentrich & Hentrich © Jamal Tuschick

Die Diaspora in Schwedisch-Pommern

„Am 21. Juni 1697 wies die Regierung an, dass sämtliche Juden Schwedisch-Pommern zu verlassen hätten … (der) konzessionierte Juden David Elias in Ueckermünde“ kam der Aufforderung nicht nach. Quelle 

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„Um es kurzzufassen: Ich bin der typische Nachkriegs-Berliner mit Stationen in allen vier Sektoren in Berlin. Geboren 1948 im Jüdischen Krankenhaus im französischen Sektor. Meine Eltern brauchen eine Ausfuhrbescheinigung für mich, weir wir im russischen Sektor, in Pankow, damals Teil von Ost-Berlin, lebten. Dort bin ich zur Schule gegangen und groß geworden und habe bis 1987 dort gelebt. Dann kam mein Wechsel nach West-Berlin …“ Benno Simoni, Quelle

Die Israelfahne beim Fahnenappell in Ueckermünde © Jamal Tuschick

Sozialistische Identität versus religiöse Prägung

„Jeder Doofe fährt nach Glowe“ heißt der Beitrag von Benno Simoni. Glowe war ein besonders reizvolles DDR-Urlaubsziel. Simonis Ferienlagerlaufbahn begann allerdings in Ueckermünde. Beim täglichen Fahnenappell zogen die Jugendlichen auch eine Israel-Flagge auf den Mast, gefertigt von Werktätigen einer pommerschen Schneiderei.  Der Chronist erinnert sich an Wilfried Fink, der eine Ausbildung am Rabbinerseminar in Budapest begann, dann aber Selbstmord beging. 

Sandra Anusiewicz-Baer, Lara Dämmig, „Jung und jüdisch in der DDR“, Hentrich & Hentrich, 24,90 Euro

Der Leipziger Fink studierte von 1967 bis 1969 in Budapest, legitimiert und unterstützt vom Staatssekretariat für Kirchenfragen. „Die Vorsteher der Gemeinden misstrauten dem behördlichen Ehrgeiz.“ Quelle 

Die DDR brachte keinen Rabbiner hervor. „Koschere Lebensmittel waren in nur einem Laden in Berlin erhältlich.“ Quelle

„Nach marxistischen Vorstellungen sollten religiöse Prägungen keine Rolle für die neu zu schaffende Identität der ostdeutschen Bürger spielen.“ Quelle 

„Der … mecklenburgische Minister für Volksbildung und Kultur, Gottfried Grünberg, hielt der jüdischen Gemeinde vor, dass sie Hilfspakete aus den USA erhielt: ‚Ihr seid keine jüdische Gemeinde, sondern eine amerikanische Speckpakete-Empfängerorganisation.‘“ Quelle

Das Ferienlager als kindliche Zentralerfahrung spielt auch in Helgas Biografie eine bedeutende Rolle. In ihren von Lara Dämmig fixierten Aufzeichnungen „Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen“ erzählt Helga von glücklichen Ferien in Boltenhagen*, Güstrow, Ueckermünde und Glowe, wo dann auch ihre Kinder Erlebnisse sammelten.  

*Das erste jüdische Ferienlager in Boltenhagen fand 1960 statt. 

„Für die wenigen (jüdischen) Kinder (in der DDR) gab es ein jüdisches Ferienlager an der Ostsee. Dort lernten viele Kinder, auch die von Herbert Lappe, überhaupt erst einmal ein paar Worte Hebräisch und wie man Schabbat feiert.“ Quelle

Klein und divers

„Klein und divers“ waren, so die Autorinnen Sandra Anusiewicz-Baer und Lara Dämmig in ihrem Report „Jung und jüdisch in der DDR“, die acht jüdischen Gemeinden in der DDR

„Kein Gespräch über jüdische Gegenwart ohne den Blick zurück.“

Der einzige Ostblock-Hotspot jüdischer Religionsvorbildlichkeit war das 1877 gegründete Rabbinerseminar in Budapest. Die DDR brachte keinen Rabbiner hervor. Zur Belebung des jüdischen Gemeindelebens trug maßgeblich der Westberliner Oberkantor Estrongo Nachama bei, der als griechischer Staatsbürger ungehindert zwischen der Front- und der Hauptstadt pendeln konnte. Nachama verdankte seinen sephardischen Vorfahren ein Vermächtnis, das sich an dem Brennpunkt der Weltgeschichte ganz besonders ausdrucksstark auswirkte. Er war mit seiner Stimme gesegnet und von seinem Schicksal gezeichnet. 

Eingebetteter Medieninhalt

Eingebetteter Medieninhalt

Als hätte es keine jüdischen DDR-Normalos gegeben, Bäcker:innen, Schuster:innen, Bitterfeld:innen beim Aufbau des Sozialismus: so stellt sich der aufgelassene Staat in einer Glanz & Gloria-Erzählung von der ebenso linientreuen wie intellektuellen „kommunistisch-jüdischen DDR-Elite“ dar. Diese Auffassung deutete „Hinweise auf Antisemitismus in der DDR“ als imperialistische Interventionen und Invektiven des Klassenfeinds.  

Die größte deutsche Synagoge stand in der DDR. Das älteste Rabbinerseminar der Welt lag hinter dem Eisernen Vorhang. 

„Klein und divers“ waren, so die Autorinnen, die acht jüdischen DDR-Gemeinden. Nur eine Minderheit „der in der DDR lebenden Jüdinnen und Juden“ schlossen sich zusammen. Bloß in Berlin gab es „regelmäßig wöchentliche Schabbatgottesdienste in der Synagoge Rykestraße“ im Kollwitzkiez. 

„Am 29. Juli 1945 (traute) ... Martin Riesenburger das erste Paar nach dem Holocaust.“ Wikipedia

„In der DDR gab es keine Möglichkeit, Rabbiner, Kantoren oder Lehrkräfte für die jüdischen Gemeinden heranzuziehen.“ 

Der einzige Ostblock-Hotspot jüdischer Religionsvorbildlichkeit war das 1877 gegründete Rabbinerseminar in Budapest. Die DDR brachte keinen Rabbiner hervor. Zur Belebung des jüdischen Gemeindelebens trug maßgeblich der Westberliner Oberkantor Estrongo Nachama bei, der als griechischer Staatsbürger ungehindert zwischen der Front- und der Hauptstadt pendeln konnte.  Nachama verdankte seinen sephardischen Vorfahren ein Vermächtnis, das sich an dem Brennpunkt der Weltgeschichte ganz besonders ausdrucksstark auswirkte.   

Aus der Ankündigung

Wie fühlten sich junge Jüdinnen und Juden in der DDR? Welche Bedeutung hatten die Familie, die jüdische Gemeinschaft, aber auch das nichtjüdische und gesellschaftliche Umfeld und die Shoah für ihr jüdisches Selbstverständnis? 

Durch Interviews mit ostdeutschen Jüdinnen und Juden, die als Kinder und Jugendliche in den jüdischen Gemeinden der DDR aufwuchsen, vielfältiges Foto- und Videomaterial, Erinnerungsstücke, Briefe, Postkarten und Tagebuchaufzeichnungen erzählen die Autorinnen ein bisher unterbelichtetes Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte.

Ihr Ausgangspunkt ist das jüdische Kinderferienlager des Verbands der jüdischen Gemeinden in der DDR, das ab 1961 jedes Jahr an der Ostsee stattfand und paradigmatisch für einen geschützten, aber auch vor der Mehrheitsgesellschaft verborgenen jüdischen Ort steht. Die Kinder, die aus der ganzen DDR dorthin kamen, wuchsen meist in einem nichtjüdischen Umfeld auf. Sie wussten wenig über das Judentum, die einzige Verbindung bestand oft nur über die von Verfolgung und Exil geprägte Familiengeschichte. Für sie war das Ferienlager eine erste Begegnung mit dem Judentum und mit anderen jüdischen Kindern. 

Mit einem Beitrag von Annette Leo
Mit Fotografien von Thomas Sandberg

Zu den Autorinnen

Sandra Anusiewicz-Baer studierte Erziehungswissenschaften, Judaistik und Islamwissenschaften in Berlin und Haifa sowie Kulturmanagement in Hamburg. Seit 2013 leitet sie das Zacharias Frankel College, eine Ausbildungsstätte für konservative/Masorti Rabbinerinnen und Rabbiner in Berlin. Ihre Dissertation mit dem Titel „Die Jüdische Oberschule in Berlin. Identität und Jüdische Schulbildung seit 1993“ erschien 2017. Sie ist in der Dresdner jüdischen Gemeinde aufgewachsen.

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Lara Dämmig studierte Bibliothekswissenschaft und Management von Kultur- und Non-Profit-Organisationen und arbeitet für mehrere jüdische Organisation in Berlin. 1998 war sie Mitbegründerin von Bet Debora, einem europäischen Netzwerk jüdischer Frauen.