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06.12.2021, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Vorsichtshalber unverheiratet

„Was unterscheidet eine friesische Hochzeit von einer friesischen Beerdigung? - Bei der Beerdigung ist ein Besoffener weniger dabei.“

Gerkan Battūta war in Norden an der Küste aufgewachsen, in einer Einer-gegen-alle-Konstellation. Allein unter riesigen Fischköpfen war die Schulbibliothek zur Zuflucht geworden. Gerkan entging den Schwärmen ferner ins Training. Er wurde gut genug, um den Besten einer Goldenen Ära nahe zu kommen. Seine Götter hießen Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe, Klaus-Dieter Petersen. Gerkan betete ihre Rekorde herunter. Er rekonstruierte Spielzüge.

Gerkan trug einen berühmten Namen.

„Nach dieser Reise kehrte Ibn Battūta mit einer zweiten Hadsch nach Mekka zurück und lebte dort ein Jahr lang, um sich dann auf eine zweite große Reise einzuschiffen, diesmal das Rote Meer hinunter entlang der ostafrikanischen Küste.“ Wikipedia

Als Schüler hatte sich Gerkan hinter einer Mauer aus Handballbegeisterung versteckt. Er war nun Arzt. Kiezarzt. In einer Gegend für Ausgegrenzte ließ Gerkan es sich gut gehen. Zur häuslichen Weitläufigkeit gehörte ein Panoramablick aufs Elend, das im richtigen Abstand wie der allerschönste Trubel erschien. Man sah buchstäblich herab auf die Emanationen und die Protagonist:innen der Sucht.  

Ja, Gerkan hatte alles richtig gemacht. Doch wie sagt Feridun Zaimoglu gern: „Den Kanaken kannst du dir nimmer aus der Fresse wischen“. Das nagte. Gerkan hatte einen weißen Beruf, eine weiße Frau, eine weiße Wohnung, eine kolossale Garage und ungefähr zweihundert Kochbücher. Er war im kommunalen FDP-Kulturausschuss. Im Flur wartete ein Kinderwagen auf die Dinge, die da kommen mochten. Doch half das alles nicht.

Gerkan sagte „meine Frau“, war aber mit Dara vorsichtshalber nicht verheiratet. Das Paar hatte eine Denkmalschutzkommission eingerichtet, zur Bewahrung „der schönen Momente“.

„Schatz, ist das nicht schön!“

„Schatz, guck doch mal!“

„Schatz! Herrgott noch mal!“

„Was ist denn, Schatz!“

Einvernehmlich fand das Paar die slumige Umgebung ideal für eine szenische Doppellesung mit Dara & Pavla, handwarmem Kartoffelsalat und kaltem Kaffee; schonend angebaut in künstlichen Paradiesen. Gerkan beging so seinen dreißigsten Geburtstag. Am vorläufigen Ende der lyrischen Eruptionen belebten nur noch Verstrahlte den Schauplatz. Da war ein lustvoll infantiler Joysticker. Eine Reisekauffrau schwelgte in Ausrottungsfantasien. Wer ihren Geschmack nicht traf, war des Todes. Ein bereits Verabschiedeter kehrte mit Blut am Ärmel zurück. Er berichtete von Verwundeten auf der Straße.

„Das warst du doch“, behauptete Gerkan. 

„Ich dachte, du bist Arzt. Das muss dich interessieren. Du stehst unter Eid.“

„Ich kann an meinem Geburtstag kein Blut sehen“, erklärte Gerkan.

„Wir alle denken ... und sagen doch etwas anderes“, sagte Dara und gab prätentiös die Hand ans Kinn. Zweifellos träumte sie von einer Familie. Grundsätzlich passten Daras Träume zu Gerkans Plänen.