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09.12.2021, Jamal Tuschick

»Einer der herausragendsten postkolonialen Schriftsteller der Welt. Kompromisslos und mit großem Mitgefühl durchdringt Abdulrazak Gurnah in seinen Werken die Auswirkungen des Kolonialismus in Ostafrika und seine Auswirkungen auf das Leben entwurzelter und migrierender Menschen.« Anders Olsson, Vorsitzender des Nobelkomitees (07. Oktober 2021)

Zumal den deutschen, vor allem im Eisenbahnbau engagierten Kolonist:innen billigte der lokale Volksmund der Swahil-Küste (im heutigen Tansania) in der Ära vor dem I. Weltkrieg magische Fähigkeiten zu.

„Einer der Jungen sagte, sein Vater habe gesehen, wie ein Deutscher seine Hand mitten in ein loderndes Feuer gehalten habe, ohne sich zu verbrennen, so als wäre er ein Geist.“

Magischer Volksmund

Yusuf schiebt Kohldampf. Der zwölfjährige Sohn eines Hoteliers betrachtet das Treiben auf dem Bahnhof seiner ostafrikanischen Geburtsstadt mit dem Interesse des Kinogängers. Da sieht er zum ersten Mal weiße Leute, „die ersten Europäer“. Yusuf mustert die Versprengten aus der Perspektive unbewusster Überlegenheit.

Das steht am Anfang eines erstmals 1994 erschienenen Romans, dessen Titel John Miltons 1667 erstmals publizierten lyrischen Epos Paradise Lost zitiert. 

Abdulrazak Gurnah, „Das verlorene Paradies“, Roman, aus dem Englischen von Inge Leipold, Penguin Verlag, 33 Seiten, 25,-

Ein reicher Onkel namens Aziz kreuzt ab und zu an der Spitze einer Karawane auf und beehrt die mediokre Verwandtschaft. Eines Tages findet sich Yusuf dem Tross des kapitalen Aziz einverleibt. Eben noch war er ein Kind im Staub der Straße vor seinem Elternhaus. Im nächsten Augenblick verbindet ihn nichts mehr mit den Bequemlichkeiten  im Rahmen mütterlicher Fürsorge. Aziz verliert ruckzuck seinen Neffenstatus. Er ist lediglich ein Rädchen im Getriebe eines Mächtigen. Yusuf dient stellvertretend für seinen Vater, der sich bei Aziz verschuldet hat. In Aziz' Gefolge wird der Knabe in einer fortlaufenden räumlichen und geistigen Bewegung den Spielregeln der weißen Zivilisation unterworfen. Yusuf erlebt die Entfremdung von seinem kulturellen Ursprung als durchgreifende Verächtlichmachung seiner Wurzeln. Seine Deklassierung markiert der Begriff „Wilde“. Yusuf stammt nach der vorherrschenden sozialen Logik slumhaft verstädterter Bäuerinnen und Nomanden von „Wilden“ ab. Das bindet und definiert ihn in einer Kastengesellschaft.

Yusuf passiert seinen Parcours der Erniedrigungen in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Der Kriegsausbruch mobilisiert den unbezahlten Laufburschen eines arabischen Großhändlers. Er läuft Soldaten der deutsch-ostafrikanischen Kolonialarmee* nach.

*Im späten 19. Jahrhundert suchten Zukurzgekommene wie Deutschland und Belgien ihren „Platz an der Sonne“ in anlehnender Konkurrenz zu imperialen Großmächten wie dem Osmanischen Reich. Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz wurden auf der Berliner Konferenz aka West Africa Conference aka Congo Conference festgeschrieben. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 konferierten im Reichskanzlerpalais Delegierte von dreizehn Staaten, die einer Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck gefolgt waren. Sie formulierten“the go-ahead to the extensive colonization of the continent – the arbitrary partition of Africa in absence of the Africans”  Quelle. Im Weiteren verabredete man, dass die Kolonialarmeen im Fall eines europäischen Krieges neutral bleiben sollten. Doch kam es anders.  

Aus der Pressemitteilung

Sich selbst zu beschreiben, falle ihm schwer, erzählte Abdulrazak Gurnah 2016 in einem Interview. Ob er postkoloniale oder Weltliteratur schreibe?

„Ich würde keines dieser Wörter wählen.“ 

Aus der Sicht seines deutschen Übersetzers Thomas Brückner sind Gurnahs Romane von einem hintersinnigen Humor geprägt. „Es gibt schwierige Autoren, die man übersetzen kann oder muss. Und es gibt welche, die viel leichter zu übersetzen sind, weil der literarische Gehalt im Leichtgewichtigen liegt. Insofern ist er schon ein ernstzunehmender und ernsthafter Autor“, sagt Brückner. „Ich hatte das große Glück, ihn immer wieder mal fragen zu dürfen, wenn mir ein paar Sachen unklar waren. Er hat sehr freundlich reagiert. Da die Übersetzung ins Deutsche häufig erst Jahre später erfolgt, musste ich mir öfter mal anhören: Das weiß ich nicht mehr.“

Gurnah war in seiner Küche, als er vom Nobelpreiskomitee erreicht wurde, wie der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, berichtet. Das Komitee habe eine „lange und sehr positive“ Unterhaltung mit ihm geführt. „In Gurnahs literarischem Universum verschiebt sich alles – Erinnerungen, Namen, Identitäten“, sagt Olsson. „Dies liegt wahrscheinlich daran, dass sein Projekt nicht endgültig abgeschlossen werden kann.“ Es ist eine Forschungsreise, die nie endet.

Auswahl kommt überraschend

Im Vorjahr war die US-Poetin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis geehrt worden, der ebenso wie die weiteren traditionellen Nobelpreise auf das Testament des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) zurückgeht. Während die Auswahl von Glück etwas unerwartet kam, ist die von Gurnah eine große Überraschung.

Zu den Favoriten wurden prominentere Schriftsteller wie etwa der Japaner Haruki Murakami oder die Kanadierinnen Margaret Atwood und Anne Carson gezählt. Ein Literaturnobelpreis für einen aus Afrika stammenden Schriftsteller war zwar schon seit Jahren erwartet worden – wenn, dann hatten Experten dafür aber am ehesten den Kenianer Ngugi wa Thiong'o ins Auge gefasst.  

...

Mit dem 1948 geborenen Autor kürt die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm einen nahezu Unbekannten. Obwohl er seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt, kennen ihn auch dort nur wenige. Dabei hat der Schriftsteller bereits zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Seine Ex-Uni, sein Verlag Bloomsbury – sie werden überrannt von Anfragen.

Klar ist: Gurnah ist der erste tansanische Autor, der den Nobelpreis erhält und der erste schwarze afrikanische Schriftsteller seit Wole Soyinka 1986. „Ich bin wirklich sehr, sehr überrascht“, sagte der frischgekürte Nobelpreisträger dem BBC-Hörfunk und lachte verlegen. „Und etwas geschockt.“ Er habe gezittert, als er von dem Preis gehört habe.

Das Thema des ehemaligen Professors für Englische und postkoloniale Literatur ist die Geschichte seiner alten Heimat Sansibar und der neuen Heimat England. Stark von den Eindrücken der brutalen deutschen Kolonialherrschaft und des Ersten Weltkrieges in Deutsch-Ostafrika beeinflusst, erzählt Gurnah von einfachen Menschen. In seinem jüngsten Buch „Afterlives“ etwa geht es um den jungen Ilyas, der seinen Eltern von deutschen Truppen geraubt wurde und Jahre später in sein Heimatdorf zurückkehrt, um gegen sein eigenes Volk zu kämpfen.

Gurnah habe stets über Vertreibung geschrieben, sagt Pringle, „auf die schönste und eindringlichste Art und Weise über das, was Menschen entwurzelt und sie über Kontinente hinweg weht“. Es wirkt ein wenig, als spiele seine eigene Geschichte in seine Literatur hinein. Denn auch Gurnah hat Vertreibung erlebt. 1964, nach einer Revolution auf Sansibar, das heute zu Tansania gehört, war er gezwungen, als junger Mensch seine Heimat zu verlassen. Die arabische Elite, die 200 Jahre lang über die afrikanische Mehrheit auf Sansibar herrschte, wurde gestürzt. Es folgten Massaker. Mit 21, mittlerweile in England angekommen, begann Gurnah zu schreiben, auf Englisch und nicht in seiner Muttersprache Suaheli. Seine erste Erzählung „Memory of Departure“ erschien 1987. Erst 20 Jahre nach seiner Flucht, 1984, konnte Gurnah nach Sansibar zurückkehren, um seinen im Sterben liegenden Vater wiederzusehen.  

 Aus der Ankündigung

Endlich wieder in deutscher Übersetzung lieferbar: das Buch, mit dem Abdulrazak Gurnah der Durchbruch gelang

Ostafrika, Ende des 19. Jahrhunderts: Der zwölfjährige Yusuf führt mit seiner Familie ein einfaches Leben auf dem Land. Als der Vater sich mit seinem kleinen Hotel verschuldet, wird Yusuf in die Hände von Onkel Aziz gegeben und landet im lebhaften Treiben der Stadt, zwischen afrikanischen Muslimen, christlichen Missionaren und indischen Geldverleihern. Die Gemeinschaft dieser Menschen ist alles andere als selbstverständlich und von subtilen Hierarchien bestimmt. Yusuf hilft in Aziz‘ Laden und bei der Pflege seines paradiesisch anmutenden Gartens. Doch als der Kaufmann ihn auf eine Karawanenreise ins Landesinnere mitnimmt, endet Yusufs Jugend abrupt. Die gefährliche Unternehmung bringt Krankheit und Tod und zeigt allen Teilnehmern schmerzhaft, dass die traditionelle Art des Handels keine Zukunft mehr hat. Was Yusuf erlebt, lässt ihn erwachsen werden. So verliebt sich der junge Mann nach seiner Heimkehr kopfüber, aber er und alle um ihn herum werden brutal mit der neuen Realität der deutschen Kolonialherrschaft konfrontiert.

Einfühlsam, lebendig und in leichtem, humorvollem Ton, erzählt Abdulrazak Gurnah in »Das verlorene Paradies« vom Erwachsenwerden in Zeiten des kolonialen Umbruchs. Im Original 1994 erschienen, stand der Roman u.a. auf der Shortlist des Booker Prize und stellte für Gurnah den Durchbruch als Schriftsteller dar. Jetzt ist er endlich wieder in der Übersetzung von Inge Leipold auf Deutsch zu lesen.

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter »Admiring Silence« (1996; dt. »Donnernde Stille«), »By the Sea« (2001; dt. »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und »Afterlives« (2020; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag.