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2021-12-09 06:46:03, Jamal Tuschick

Als ich heute Cem Özdemir mit allem Öko-Schnick ins Kanzleramt radeln sah, dachte ich, das hätte unserer Friede gefallen. Zur Zeit der geschilderten Ereignisse stellte sich Friedes Programm dem Publikum als lustfeindlicher Fanatismus dar.

Velo-Aktivist der ersten Stunde © Jamal Tuschick

Öko-Schnick

Als Robert Schumann 1829 nach Frankfurt kam, hörte er am Main die Nachtigallen schlagen und der flatternde Flieder und die wogenden Akazien dufteten stark. Das entspricht dem Grundton vieler Beschreibungen durch die Jahrhunderte. Man fand Frankfurt reizvoll, reich an Promenaden und Terrassen. Von seiner geografischen Lage ebenso wie von einem milden Klima begünstigt, glänzte „der große Kanal, durch den alles Gold Europas fließt“, so Johann Kaspar Riesbeck 1780. Die enge Judengasse, blutige Fleisch-Schirne und der Morast Sachsenhausens verdorben den Eindruck nicht. Biederer Bürgersinn beobachtete darin ohnehin nur objektive Bedingungen städtischen Fortschritts.

„Biederer Bürgersinn!“

So sprach unsere Friede aus Friedberg. Eine vorzeitig überzeugte Zug- und Radfahrerin. Als ich heute Cem Özdemir mit allem Öko-Schnick ins Kanzleramt radeln sah, dachte ich, das hätte unserer Friede gefallen. Zur Zeit der geschilderten Ereignisse stellte sich Friedes Programm dem Publikum als lustfeindlicher Fanatismus dar. Friede ächzte unter den Zumutungen verätzender Ächtung. Sie war so desolat, dass sie Streicheleinheiten bei der kurdischen Aktivistin Nihan schnorrte.

Im Jahr Neunundneunzig wollte sich der Sommer nicht schmal machen für den Herbst. Die Hitze brachte den Asphalt zum Kochen. In unserem Burg-Lesekreis nahmen wir Hansjörg Schertenleibs „Das Zimmer der Signora“ durch. Vor den Toren der Burg bogen sich der Schenken Bänke unter der Last der Bürger:innen. Wir blieben lieber für uns im Singsaal, Stefano heißt Schertenleibs Held in der „Signora“. Der Tod des Vaters zwingt den Ich-Erzähler zu einer Reise. In Cremona läßt er sich von einer dominanten Gefährtin seiner Jugend zur Brust nehmen.

„Auf dem Nachtischchen lag die Bibel. Der Teppich war dunkelgrau. Ich konnte Carla auch im Dunkeln zusehen.“

So wird das Thema umrissen: Eros, Thanatos, Blasphemie.

„Stefanos Unglück ist seine Nachlässigkeit“, verkündete Friede. Sie spielte sich auf, ohne es zu merken. Eine unausgesprochene Frage lautete: „Was will die Deutsche bei uns?“

Die Nachlässigkeit führt dazu, dass Stefano eingezogen wird. Den Dienst leistet er ab in einem von greisengeilen Inkontinenzfällen und alzheimernden Duce-Verehrern bevölkerten Veteranenheim. Die Huster und Spucker erinnern entfernt an ein mit der Fettschürze beschwertes Beckettsches Personal.

Earth Tones*

Man sagt, das alte Frankfurt sei 1944 in drei Tagen untergegangen. Die Stadt habe sich bis zur Unkenntlichkeit des Ursprünglichen gewandelt. Ich vergab die Aufgabe, Plätze zu finden, die Vorkriegsschilderungen illustrierten. Murat und ich erkundeten die Wallanlagen, das war ein fünfzig bis hundertfünfzig Meter breites mit Bäumen und Denkmälern bestandenes Band. Den Stadtkern schloss das Band auf einer Länge von 5.3 Kilometer ein. Zur Begrünung mit Linden und Nussbäumen war man ab 1765 übergegangen, nachdem die Evolution der Waffentechnik den Wällen ihre militärische Funktion genommen hatte. Darum drehte sich das Spaziergangsgespräch so wie um Douglas Coupland. „Microsklaven“, Couplands zweites Buch, stand auf der Burg-Leser:innenliste.

*Earth Tones heißen jugendliche Vegetarier:innen (Kiffer, Vinyl-Fanatiker) in Couplands ersten Bestseller „Generation X“.