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11.12.2021, Jamal Tuschick

Wir sind noch da! Mutige Frauen aus Afghanistan

„Ich wusste, wenn sie (die Taliban) mich erwischen, überlebe ich das nicht.“ Aryana Sayeed

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„Kaum jemand hatte erwartet, dass sich eine Armee von 300.000 Mann einfach auflösen und die Waffen niederlegen würde angesichts einiger Tausend barfüßiger, ignoranter und bösartiger, bärtiger Männer mit Turbanen, die auf Motorrädern unterwegs waren.“ Aryana Sayeed

Das Achselzucken des Westens

Tage nach dem finalen Achselzucken des Westens entschlossen sich Leidtragende am Brennpunkt des Desasters zur Publikation eines Sammelbandes mit dem Fanalcharakter eines Aufschreis.

Uns alle packte das Entsetzen, als wir – im medialen Echo der Weltereignisse - die Taliban auf Kabul vorrücken sahen und aus den Nachrichten erfuhren, dass bereits informelle Gespräche mit den künftigen Machthabern in Gang gekommen seien und die ersten diplomatischen Kanäle zur Kanaille gebohrt würden. Vor dem Fernseher die Fassung zu verlieren, ist billig. Ich las dann die journalistisch arrondierte Klage eines Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr. Er nutzte ein großes Periodikum für einen kleinen Einblick. Beim Bier zum Feierabend vor Jahren. Ein Ausbilder unterhält sich mit einer Ortskraft. Der Einheimische sagt:

„Irgendwann werdet ihr weg sein, dann werden die Taliban immer noch da sein. Und die wissen, wer wir sind.“

Spätestens in diesem Augenblick hätte es dem Ausbilder wie Schuppen von den Augen fallen müssen. Die Ortskraft würde niemals die Demokratie verteidigen, jeder vor Ort ausgegebene Steuereuro verbesserte eben auch die feindliche Infrastruktur. Illustriert wurde das von einer TV-Szene, in der islamische Zeloten kurz nach dem Fall von  Kundus in der Fitnessbaracke des aufgegebenen Feldlagers mit Kurzhanteln spielten. Sie wirkten beinah ratlos, ob der Fülle. Sie erschienen als Beschenkte, obwohl sie Geächtete sein sollten.

Wie konnte das passieren?

Nahid Shahalimi, „Wir sind noch da! Mutige Frauen aus Afghanistan“, mit einem Vorwort von Margaret Atwood, Suhrkamp, 22,- 

Tage nach dem finalen Achselzucken des Westens entschlossen sich Leidtragende am Brennpunkt und im Dunstkreis des Desasters zur Publikation eines Sammelbandes mit dem Fanalcharakter eines Aufschreis. 

„Die Entscheidung, ein Buch mit Beiträgen von Frauen aus Afghanistan herauszubringen, fiel ... nach der Einnahme der Hauptstadt Kabul durch die Taliban am 15. August 2021.“   

Es ging um Transformationen von „Sprachlosigkeit, Wut, Trauer und Ohnmacht“.

Margaret Atwood meldet in einer Grußadresse ihre Faszination für den Umstand, dass „kein ausländischer Invasor einschließlich der Briten“ jemals in Afghanistan Fuß fassen konnte. Die Majestätische stellt klar: „Ohne Frauen kann kein Land lange bestehen. Egal, wie sehr ein Regime Frauen hasst und straft, ganz ohne sie kommt es nicht aus. Aber von welcher Art werden diese Frauen sein? Wir werden es sehen.“

Nie habe sie die Zeit gehabt, um zu trauern, erklärt Herausgeberin Nahid Shahalimi. Die Katastrophen jagten sich und jagen sich weiter in einer Kumulationszone der Ungerechtigkeiten.  

„Die Taliban haben das Land unter den Augen einer fassungslosen Öffentlichkeit unter ihre Kontrolle gebracht.“

Nach Shahalimi äußert sich die Kabuler Musikerin Aryana Sayeed. Ihre Biografie exemplifiziert das Leid von Expatriierten, die vor lauter Sehnsucht nach ihrer Heimat zu Weltkünstler:innen geworden sind. Frei von Pathos, erklärt Aryana Sayeed: „Ich wusste, wenn sie (die Taliban) mich erwischen, überlebe ich das nicht.“

Eingebetteter Medieninhalt

Aus der Ankündigung

Dieses Buch lässt 13 hochkarätige und couragierte Frauen aus Afghanistan in Textbeiträgen und Interviews zu Wort kommen. Sie schreiben über berufliche und gesellschaftliche Errungenschaften als Programmiererin, Filmemacherin, Politikerin, Journalistin u.a.m.; sie berichten über die Angst und den Schmerz vor dem drohenden Verlust der Heimat, aber vor allem über das, was die Mädchen und Frauen vor Ort schon jetzt verloren haben: Freiheit, Selbstbestimmung, Lebensfreude.

Entstanden ist ein aufrüttelndes Buch, verbunden mit dem Appell, afghanische Mädchen und Frauen nicht zu vergessen und sich zu solidarisieren, denn sie haben wie wir ein Recht auf ein freies Leben in Würde. Ein Recht, für das wir an ihrer Stelle in der freien Welt kämpfen müssen, denn Afghanistan ist nur geografisch weit weg. Radikale Ideen kennen keine Grenzen.

Mit einem Vorwort von Margaret Atwood und Gastbeiträgen von Theresa Breuer, Dr. Inge Haselsteiner, Susanne Koelbl, Düzen Tekkal und Prof. Dr. Maria Wersig.

Seit ihrer Flucht aus Afghanistan hat Nahid Shahalimi in Pakistan, Indien, Kanada, den USA, Spanien und Deutschland gelebt. In Montreal studierte sie u.a. Bildende Kunst und Politik. Seit 2000 lebt sie mit ihren beiden Töchtern in München, wo sie als Künstlerin, Autorin und Aktivistin tätig ist. Sie ist national und international an vielen humanitären Projekten aktiv beteiligt.