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12.12.2021, Jamal Tuschick

„Die meisten die Erde bevölkernden Arten legen über alle Breitengrade hinweg ein mehr oder weniger ähnliches Verhalten an den Tag, während sich unsere Kulturen, Sprachen, Konventionen oder Verträge binnen kürzester Distanzen und unter vergleichbaren klimatischen Bedingungen oft erheblich unterscheiden.“ Michel Serres

Falsches Licht

In Ernest Hemingways literarischem Durchbruch „Fiesta“ leidet der impotente Ich-Erzähler Jacob ‚Jake‘ Barnes unter der unglücklichen Liebe zu Brett, die er als Lazarettengel im Ersten Weltkrieg kennengelernt hat. Im Paris der Roaring Twenties trifft Jake die zur Lady aufgestiegene Krankenschwester Brett Ashley wieder. Er wird Zeuge ihrer Affären. Er drängt in die Rolle des Vertrauten, um in zig Durchgängen an ihr zu zerbrechen. Es ist wie eine Sucht, aber auch wie ein Phantomschmerz. Das Erektionsunvermögen steigt Jake zu Kopf, während Paris auf dem Kopf steht und mit den Ohren wackelt. 

Rachel Cusk, „Der andere Ort“, Roman, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 22,-

Brett heißt auch die sagenhaft glamouröse Begleiterin des bis zur Zwielichtigkeit umwitterten Malers L. 

Die „Religiosität“ gemalter Landschaften

Die „Religiosität“ gemalter Landschaften affiziert das erzählende Ich in Paris. Es schlendert durch die Ausstellung eines Malers, der im Roman als L kursiert. Wir verwenden das Wort Religion so leichtherzig, mit allenfalls abgesunkenen Begriffen von den Wortwurzeln. Man schwankt zwischen relegere und religare. Ein Panamint Valley trennt die Bedeutung der Wörter. Im konkreten Fall passt indes beides. M, die Erzählerin, scheint Ls Werk verfallen zu sein; jedenfalls lösen die Bilder viel mehr aus, als die Begegnung mit einem egomanischen Autor in der Vornacht. Sie kaut noch an einer Zurückweisung. Gleichzeitig fühlt sie sich in ihrer Ehe „hündisch“ gebunden. Sie projiziert auf einen angenehm leichtgängigen Alltag im Nirgendwo des englischen Marschlandes. Den Gatten skizziert sie als besonders ausgeglichenen Gentleman-Landwirt mit einem urbanen Portfolio in der Hinterhand. 

Tony schwimmt in einem „Ozean des Schweigens“.

Ms Aufzeichnungen stellen sich als Ansprache dar. Ihrem geistigen Gegenüber, Jeffers, unterstellt M weitreichende Intuition. Sie hebt Jeffers auf das Podest einer moralischen Instanz.  

*

M empfängt Brett und L auf ihrem Anwesen. Die Gastgeberin fühlt sich von der unerwarteten Frau (an der Seite des Bewunderten) brüskiert. M erlebt Brett als Störung. Die Fremde wirft ein falsches Licht auf Ms Dinge. Brett macht Ms Leben verkehrt. 

L verweigert jedwede Beteiligung an einer Bedeutungsschwangerschaft. Er ist nur zu Besuch.

L erscheint als Routinier bei der Annahme von Angeboten wohlhabender Freund:innen und Bekannten. Er führt das Leben eines Ausgehaltenen.

Inzwischen entspricht L zwar keiner Mode mehr, er erfährt aber auch keine Ausmusterung. 

Aus der Ankündigung

Eine Frau lädt einen berühmten Maler in ihr Haus in einer abgelegenen Küstenregion ein. Es ist ein erdrückend heißer Sommer, und sie hofft, sein künstlerischer Blick werde das Geheimnis ihres Lebens und ihrer Landschaft lüften. Nur kommt es ganz anders. Denn nicht nur weigert er sich, sie zu malen, er meidet sie geradezu, scheint sie regelrecht vorzuführen in ihrer Bedürftigkeit. Und verbündet sich unterdessen mit ihrem Mann, und nähert er sich nicht auch ihrer Tochter an? (Deren Schönheit und Jugend sie nicht gleichgültig lassen.) Was soll sie tun? Sich kampflos ergeben? Oder versuchen, auch gegen ihre zum Leben erwachten Dämonen anzukämpfen und ihren Willen durchzusetzen? Der andere Ort ist ein atmosphärisch hoch entzündliches Kammerspiel. Rachel Cusk erzählt darin von weiblichem Schicksal und männlichem Privileg, von der dramatischen Geometrie menschlicher Beziehungen und von Kunst, die uns retten – oder zerstören kann.