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14.12.2021, Jamal Tuschick

Artifizieller Ruhestand

L hat sich in einem artifiziellen „Ruhestand als künstlerische Eminenz“ eingerichtet. Niemand erwartet von ihm noch „unverhoffte Hervorbringungen“ (Michel Serres). Er nomadisiert und pomadisiert nach dem Vorbild der reisenden Regierung. Die Domizile seiner Gönner:innen besucht er wie Oasen. L entspannt im fremden Luxus. Jahr für Jahr absolviert er seine Grand Tour; als bestünde seine Begabung auch darin, sich Bewunderung zu erhalten. 

Es muss schließlich immer jemand bewundert werden. Wenn man das erst einmal verstanden hat. 

Rachel Cusk, „Der andere Ort“, Roman, aus dem Englischen von Eva Bonné, Suhrkamp, 22,-

L zieht mit Brett umher. Die reichgeborene Müßiggängerin leidet unter Antriebsschwäche und Offenbarungsdruck. Sie erklärt sich wie eine Gebrauchsanleitung. M erträgt sie allenfalls, ohne sich ganz der Faszination einer unabhängigen Person, die sich nach Herzenslust und gänzlich unstrategisch äußert, entziehen zu können. Brett verstellt ihr den Weg zu L. M leidet unter dem Mangel an Nähe, während L ihr mit seiner unumwundenen Art zusetzt. 

*

Die Kräfte des Universums übertreffen sich, sobald Dinge (Meteoriten) aus dem All die Erdoberfläche da durchschlagen, wo ein Hotspot aus jenem Feuer durchbricht, das unter den tektonischen Platten brennt. Dann kommt es zur kosmischen Konversation oder, wenn Sie es so wollen, zum Titan:innentalk. Wir alle sind Kraftwerke aus Sternenstaub; die Erde ist ein Hotspot im Ganzen (ungefähr Raoul Schrott). Wir sehnen uns nach Meetings in der Preisklasse Yucatán/Dekkan-Trapp. Besonders M sehnt sich nach potenzierter Potenz. Sie hat einen prächtigen Tony zum Mann, einen Edellandwirt von sagenhafter Herkunft. Doch das reicht nicht. 

Wie gesagt, L verweigert M die Gefolgschaft. Er will Freelancer bleiben, in der Welt streunen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ihm liegt die erotische Aufmerksamkeit einer überversorgten Brett. Nicht geheuer indes ist ihm das Leidenschaftsphantasma der getriebenen M. 

Die „Religiosität“ gemalter Landschaften - Was zuvor geschah

Die „Religiosität“ gemalter Landschaften affiziert das erzählende Ich in Paris. Es schlendert durch die Ausstellung eines Malers, der im Roman als L kursiert. Wir verwenden das Wort Religion so leichtherzig, mit allenfalls abgesunkenen Begriffen von den Wortwurzeln. Man schwankt zwischen relegere und religare. Ein Panamint Valley trennt die Bedeutung der Wörter. Im konkreten Fall passt indes beides. M, die Erzählerin, scheint Ls Werk verfallen zu sein; jedenfalls lösen die Bilder viel mehr aus, als die Begegnung mit einem egomanischen Autor in der Vornacht. Sie kaut noch an einer Zurückweisung. Gleichzeitig fühlt sie sich in ihrer Ehe „hündisch“ gebunden. Sie projiziert auf einen angenehm leichtgängigen Alltag im Nirgendwo des englischen Marschlandes. Den Gatten skizziert sie als besonders ausgeglichenen Gentleman-Landwirt mit einem urbanen Portfolio in der Hinterhand. 

Tony schwimmt in einem „Ozean des Schweigens“.

Ms Aufzeichnungen stellen sich als Ansprache dar. Ihrem geistigen Gegenüber, Jeffers, unterstellt M weitreichende Intuition. Sie hebt Jeffers auf das Podest einer moralischen Instanz.  

*

M empfängt Brett und L auf ihrem Anwesen. Die Gastgeberin fühlt sich von der unerwarteten Frau (an der Seite des Bewunderten) brüskiert. M erlebt Brett als Störung. Die Fremde wirft ein falsches Licht auf Ms Dinge. Brett macht Ms Leben verkehrt. 

L verweigert jedwede Beteiligung an einer Bedeutungsschwangerschaft. Er ist nur zu Besuch.

L erscheint als Routinier bei der Annahme von Angeboten wohlhabender Freund:innen und Bekannten. Er führt das Leben eines Ausgehaltenen.

Inzwischen entspricht L zwar keiner Mode mehr, er erfährt aber auch keine Ausmusterung. 

Aus der Ankündigung

Eine Frau lädt einen berühmten Maler in ihr Haus in einer abgelegenen Küstenregion ein. Es ist ein erdrückend heißer Sommer, und sie hofft, sein künstlerischer Blick werde das Geheimnis ihres Lebens und ihrer Landschaft lüften. Nur kommt es ganz anders. Denn nicht nur weigert er sich, sie zu malen, er meidet sie geradezu, scheint sie regelrecht vorzuführen in ihrer Bedürftigkeit. Und verbündet sich unterdessen mit ihrem Mann, und nähert er sich nicht auch ihrer Tochter an? (Deren Schönheit und Jugend sie nicht gleichgültig lassen.) Was soll sie tun? Sich kampflos ergeben? Oder versuchen, auch gegen ihre zum Leben erwachten Dämonen anzukämpfen und ihren Willen durchzusetzen? Der andere Ort ist ein atmosphärisch hoch entzündliches Kammerspiel. Rachel Cusk erzählt darin von weiblichem Schicksal und männlichem Privileg, von der dramatischen Geometrie menschlicher Beziehungen und von Kunst, die uns retten – oder zerstören kann.

Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, hat die international gefeierte Outline-Trilogie, die Memoirs Lebenswerk und Danach sowie zahlreiche weitere Romane und Sachbücher geschrieben. Sie ist Guggenheim-Stipendiatin und lebt in Paris.