MenuMENU

zurück zu Main Labor

2021-12-17 06:26:26, Jamal Tuschick

Karlheinz Braun (später Verlag der Autoren) war „der junge Mann“ von Helene Ritzerfeld, er führte Silvia Bovenschen bei Suhrkamp ein und besuchte mit der künftigen Ikone Vorlesungen von Adorno. Bovenschen erzählte, sie habe zuerst nicht mehr als und & oder verstanden. © Jamal Tuschick

Genialer Kurzschluss

Walter Faber, ein Ingenieur mit internationalem Radius, strandet in der Mayaruinenwelt von Tamaulipas. Jemand meditiert über die astronomische Fingerfertigkeit der Erbauer:innen von Pyramiden und Palästen, die seit Jahrhunderten im Dschungel verfallen. Faber konzediert mathematisches Vermögen, um es gleich in den Senkel zu stellen:

„Trotzdem brachten sie (die Maya) es mit ihrer Mathematik zu keiner Technik und waren deshalb dem Untergang geweiht.“

Auf einem Höhengrat des Hochmuts extemporiert Faber zu einem wegweisenden und bahnbrechenden Übergang, den die Mayas nicht passierten. Michel Serres fasst den genialen Kurzschluss so auf:

„Galileis wahre Erfindung ... war der Zusammenhang, den er zwischen Mathematik und Erfahrung herstellte. Den Griechen, die darum keine exakte Wissenschaft von der Welt kannten, war deren Schnittpunkt verborgen geblieben. Galilei dagegen setzt Gleichung und Versuchsanordnung zueinander in Beziehung. Durch einen so blendenden wie fruchtbaren Kurzschluss zwischen einer virtuellen und …“

Faber erschöpft sich in brütender Hitze vermutlich in einer Anlage, die als Balcón de Montezuma aka Balcon del Chiue historisch wurde. Er mault präpotent herum, träumt von Bier und nimmt mit schlechtem Rum vorlieb. Er raucht zu viel.

Faber erscheint im Gegenlicht der Gegenwart so überzeichnet wie eine Comic-Figur. Seine Lakonie ist haarsträubend. Von Erzählkunst keine Spur.

Rauchen gestattet

Die Geschichte spielt vor mehr als sechzig Jahren. Sie beginnt mit einem Abflug in einer Propellermaschine unter den besonderen Umständen eines Blizzards über der amerikanischen Ostküste.

Max Frisch beschreibt die Modernitätszeichen im Zusammenhang mit der noch exklusiven Aero-Mobilität.

Zum ersten Mal erschien der Roman im Herbst 1957. Der Titel verbindet den Namen des Helden Walter Faber mit dem Begriff des homo faber. Als Ingenieur verkörpert Faber den von Wahrscheinlichkeiten geleiteten, schaffenden Menschen. Ausgerechnet ihm widerfährt das Unwahrscheinliche.

„Homo faber“ ist zu Tode besprochen worden. Trotzdem will ich die Gelegenheit der jüngsten Neuauflage nutzen, um mich einmal wieder zurückzuversetzen in eine Zeit, als der Suhrkamp-Verleger so hieß wie der Verlag.

Nach dem Krieg teilte sich Peter Suhrkamp mit Bermann Fischer das Büro und die Sekretärin. Ich schrieb über Helene Ritzerfeld, sie fand den Artikel reißerisch. Sie verriet mir das Zauberwort von Suhrkamp - Treue. Nibelungentreue. Suhrkamps Nachfolger hatte den passenden Vornamen - Siegfried.

Gottfried Bermann war Arzt, bevor er Verleger wurde.

Helene Ritzerfeld hatte eine Schreibmaschine über den Krieg gerettet, mehr Equipment war nicht am Anfang. Suhrkamp, Ritzerfeld und Bermann Fischer waren bis zur Sezession in einem beruflichen Alltag vereint. Suhrkamp ist eine Ausgründung des S. Fischer Verlags. Alles, was gut war, kam entweder von S. Fischer oder von Suhrkamp. Es führte u.a. zum Verlag der Autoren, zu der Frankfurter Verlagsanstalt, zu Schöffling & Co. und zu Eichborn.

Ritzerfeld hatte sich für Suhrkamp entschieden und in dem neuen Verlag die Abteilung „Rechte und Lizenzen“ aufgebaut. Karlheinz Braun (später Verlag der Autoren) war „der junge Mann“ von Helene Ritzerfeld, er führte Silvia Bovenschen bei Suhrkamp ein und besuchte mit der künftigen Ikone Vorlesungen von Adorno. Bovenschen erzählte, sie habe zuerst nicht mehr als und & oder verstanden.

Ritzerfeld fand meinen Artikel „reißerisch“, ich blieb ungerührt wie jeder Jagdhund. Ich lebte von meinem Instinkt und war lieber in der Lokalredaktion als in der Feuilletonetage. Ich lernte von Wirt:innen, Fotograf:innen, Drucke:innen, Anwält:innen und (besonders viel) von Archivar:innen. Lese ich heute meine Sachen von damals, finde ich sie oft messerscharf und auf den Punkt gebracht.

*

Faber raucht selbstverständlich im Flugzeug. Ihn strapaziert das Redebedürfnis seines Nebenmannes.

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb am 4. April 1991 an den Folgen eines Krebsleidens in seiner Wohnung in Zürich. 1930 begann er sein Germanistik-Studium an der Universität Zürich, das er jedoch 1933 nach dem Tod seines Vaters (1932) aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Er arbeitete als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung. Seine erste Buchveröffentlichung Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt erschien 1934 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. 1950 erschien Das Tagebuch 1946-1949 als erstes Werk Frischs im neugegründeten Suhrkamp Verlag. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.