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2021-12-19 07:34:41, Jamal Tuschick

Gestern in Lübeck gesehen: Susanne Kandt-Horn, Friedenspanorama, Eines Tages … 1974 © Jamal Tuschick

Das spanische Jahr Sechsunddreißig

„Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“. Cees Nooteboom

„Vor der Schöpfung war nichts. Gott hat auch bei null angefangen. Wir stellen ein paar Wurfzelte auf“, sagte Einar. Frankfurt kroch vor ihm, er hätte einen Schrebergarten auf die Bühne bringen und von dem Schrebergarten behaupten können, das ist alles, was sich noch sagen lässt. Wir saßen im Frankfurter Hof, Schleef, Müller, Antigone von Pechstein und ich. HM dozierte zur Last der Verantwortung an verschiedenen Spielplätzen, er sprach nur zu Antigone, sehr deutlich an Einer und mir vorbei:

„Wenn man sich Bilder von höchsten Würdenträgern vergangener Zeiten anschaut, dann fällt auf, dass sie sich gerade halten. Warum, glaubst du, hielten sich Könige gerade? Die Kronen waren schwer. Wenn man es schwer hat, dann macht man sich gerade.“

HM war nur in Klammern bei sich. Er soff sich zur Rinne hin. Die Hoteltoiletten waren bewohnbar wie eine Schlossetage.

Antigone separierte sich so elegisch wie hochmütig. HM sah ihr gebannt nach. Ihr Rücken sagte mir, dass sie das wusste. HM nahm noch einen Whisky, vermutlich um sich auf andere Gedanken zu bringen. Auf der Rennbahn des Assoziativen blieb er unschlagbar.

An einem anderen Abend

Ich war geneigt so gerade zu gehen wie ich es gelernt habe. Wie tief fliegende Tornados überquerten Böen die Boulevards. In der aufgerückten Arktis wirkte die Burg wie eine von der Straße gedrängte Anlaufstelle für letzte Maßnahmen vor einer neuen Eiszeit. (Wir verkehrten damals ständig in der Burg.)

Vor dem Burgtor schlug Novemberkälte alles zusammen.

Die Spur des Abends führte uns in das spanische Kulturvereinshaus an der Staufenmauer. Juri erpresste mich mit seinem Bedürfnis, verstanden zu werden. Seine neue Freundin wähnte sich unter Leuten, denen man mit dem üblichen Mist kommen durfte. Nettes Sätze endeten mit Fragezeichen. Ja, sie hieß Annette, Juri hatte sie im Solar Fire kennengelernt. Sie gab das stille Wasser, das war ihr Trick. Ich hielt Nette für eine taube Nuss. Juri malte für sie Szenen in Farben von Delacroix aus. Nach wilder Fahrt ließ er Goya mit Delacroix kollidieren. Juri beschwor einen Kanonenofen, das spanische Jahr Sechsunddreißig und Martha Gellhorn. Von Bedeutung war, was Picasso zu dem deutschen Offizier über Guernica gesagt – und wie sich das mit Hemingway und F. Scott Fitzgerald viel früher in Paris tatsächlich verhalten hatte.

Juri zog eine Linie von Brecht zu Schwarzenegger. Er gab an, wie er es von den Großen gelernt hatte.

„Wenn sonst nichts geht, dann sagt man zumindest ein paar bestimmende Worte. ... Dann wurde dieser Agnes in den Mantel geholfen ... diese herzerfrischenden Geysire des Ressentiments ... bei dem ist das doch unbedingt das letzte Aufbegehren vor der totalen Resignation. ... Ich zu dieser Baracke: Siehe es als Privileg, dass ich dich ...“

Immer mehr Leute kamen zur Erweiterung der Runde, jeder ein Schirrmacher zumindest.