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2021-12-20 07:24:22, Jamal Tuschick

Lübecker Domdetail © Jamal Tuschick

Mittelalterliche Jetlag-Lounge - Lübeck als Paradeplatz bürgerlichen Selbstbewusstseins

Im Mittelalter hatte eine überseeische Hafenstadt jenes Reichweitenrenommee, mit dem heute Städte aufwarten, die als internationale Drehscheiben wahrgenommen werden. Was für uns Airport-Air ist, war damals der Molen-Flair. In der Hochzeit hanseatischer Dominanz besaß Lübeck die Ausstrahlung einer Metropole, die weltweit keinen Vergleich scheuen musste. Das Selbstbewusstsein der wasserkantigen Macher:innen manifestiert sich in lauter Edelvarianten von Alltagsgegenständen. Zu besichtigen zurzeit im Sankt-Annen-Museum.

Altardetail/ (Die) Möllner Skulpturen © Jamal Tuschick

Aus dem Katalog

Das Innere des Lübecker Weltkulturerbes - Leben im historischen Lübeck

Wer die Altstadt Lübecks durchwandert mit ihrem romanischen Straßennetz, den rund 4.500 Grundstücksparzellen, den Giebel- und Traufenhäusern, den Gängen und den mittelalterlichen Kirchen, Klöstern, Stiften, dem Rathaus und dem Holstentor, erfährt viel über das äußerlich Sichtbare dieses Kulturerbes. Aber er wird so gut wie nichts vom Leben hinter den Mauern sehen. Wie wohnten und lebten die Bürger, Kaufleute und Handwerker hinter den Fassaden ihrer Backsteinhäuser? Davon kann man sich heute nur noch im St. Annen-Museum ein Bild machen: Das Obergeschoss des 500 Jahre alten St. Annen-Klosters bietet seinen Besucher:innen eine Folge von Ausstellungsräumen, die exemplarisch erfahrbar machen, mit welchem Mobiliar sich die Bürger:innen umgaben, wie sie ihre Wohnräume dekorierten und ihre Tische deckten, wie sie sich kleideten, wie sie feierten und an welchen Werten und Normen des Zusammenlebens im Alltag sie sich orientierten.

Die Raumfolge wurde bei der Gründung des Museums vor fast 100 Jahren eigens zur Vermittlung der Wohn- und Alltagskultur nach Raummaßen errichtet. Sie folgt im Wesentlichen einem bestimmten Bautyp, dem „großen Giebelhaus mit Seitenflügel“. Dieser Haustyp mit Diele, Dornse (beheizbarer Raum), Küche, Saal und Kammer, der sich in Lübeck um 1300 als Standardbau durchgesetzt hatte, wurde von Kaufleuten und Handwerkern genutzt, die viel Platz benötigten. Dazu gehörten Brauer, Schmiede, Gerber, Färber und Tuchmacher. Das Dielenhaus diente aber ebenso Mitgliedern der Führungsgruppe, die außerhalb der Stadt Herrenhäuser besaßen, als repräsentative Stadtwohnung. Mehr als die Hälfte der Museumsräume wurde damals mit originalen Raumeinbauten, Decken und Wandverkleidungen ausgestattet, die bei der Modernisierung vieler Altstadthäuser um 1900 vor der Vernichtung bewahrt werden konnten.

Die Dauerausstellung der kulturhistorischen Sammlung des St. Annen-Museums betont die Bedeutung Lübecks als Musikstadt von Tundern bis zur Festivalstadt und bietet einen eigenen Bereich für Kinder und deren Lebenswelten im Lübeck des 19. Jahrhunderts.