MenuMENU

zurück zu Main Labor

2021-12-21 08:34:18, Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Adorno als Aphrodisiakum

Der auf Flaschen gezogene Hegel’sche Geist der Dialektik - Adorno war als Verführer unschlagbar, jedenfalls in der Kombination mit einem jungen Mann, der in dem Ruf stand, zu verstehen, wovon die professorale Rede war und eben nicht bloß zu ahnen, wovon die Kritische Theorie handelt.

In seiner Vorlesung vom 21. 11. 1963 wendet sich Adorno gegen „eine Art von verantwortungsloser Drauflosdenkerei, die sich an die Sachgehalte, mit denen sie es zu tun hat“, ruchlos vergreift. Der Vordenker pointiert seine Kritik mit der Wendung „free for all“. Doch verortet er jedweden philosophischen Darkroom-, Wasserhäuschen- und Discounter-Text auf einem gemeinsamen Unterstrom mit der Dialektik. Adorno spricht von dem „auf Flaschen gezogen(en) … (Hegel‘schen) Geist der Dialektik“. Hegel habe die Feuerfestigkeit der Dialektik ex negativo bestimmt; indem er behauptete, dass schließlich die korrupteste und heruntergekommenste Form dialektischen Denkens sich „als formale Methode“ auch jenen aufzwinge, die sie gar nicht verstehen.

Punajuurikenttä notiert die schillernden Formulierungen des Meisters ohne Nebenabsichten. Er hat vergessen, was einmal in seinem Leben zentral war.

In der einfachen Vergangenheit von gestern

In den ersten zwei Beziehungsjahren reichte es, wenn Punajuurikenttä eine akademische Bemerkung in der Adorno-Preisklasse dem Gespräch vor einem Koitus beimengte, um Gentiana auf einen Vorhof der orgastischen Erfüllung zu führen. Das war beiden so klar, dass sie darüber manchmal gemeinsam lachen mussten. Manchmal blieb Punajuurikenttä das Lachen aber im Hals stecken, weil ihn Gentianas snobistischer Sexansatz zu Befürchtungen einlud. Es musste doch nur jemand vorbeikommen, der noch besser schwadronieren konnte, um ihn als Liebhaber abzulösen.

Doch bevor ein Rivale seine Chance witterte, erreichte das Paar sein Tal des erotischen Todes.

„Du bearbeitest mich wie einen Schrieb zur Wiedervorlage“, bemerkte Gentiana eines Nachmittags. Er habe den Sex mechanisiert, lautet der Hauptvorwurf. Er praktiziere das Bewährte, sie sei sexuell überhaupt nicht mehr auf seinem Schirm präsent.

Ihre Unzufriedenheit und seine Ratlosigkeit

Punajuurikenttä wundert sich über die eigene Anfälligkeit für schale Lösungen. In der Uni ist er jedenfalls kreativer als mit Gentiana im Bett. Zugleich steht seine Liebe außer Frage.

Gentiana verweigert sich der Standarddeutung. Sie will den Geschlechterkampf nicht als Krampf der Gedimmten abhaken. Sie ist leidenschaftlich gern eine implodierte weiße Akademikerin im Mittelstandskokon. Auch steht Gentiana nicht der Sinn nach einem exotischen Troubadour. Ihr gefällt der blass-dünnhäutige Südniedersachse Punajuurikenttä im ewigen Kord besser als alle lateinamerikanische Flamboyanz.

Mag Punajuurikenttä den meisten Kommilitoninnen so langweilig wie ein altes Käsebrot erscheinen, Gentiana schätzt die vorzeitig gesetzte Art und ein Geschlechtsteil, dass sie, gebildet, den stillen Don nennt. Dass der Stille sich ihr nun so weit versagt, dass sie kein Lob mehr weiß, bringt Gentiana dahin, an ihrer Unterlippe zu kauen und sich den Kopf zu zerbrechen.