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2021-12-23 06:41:03, Jamal Tuschick

Max Neumann, Ohne Titel © Jamal Tuschick

Aufgedonnerte Mauerblume

Er zwirbelt an sich herum, ein steinalter Pfau, der sich bestimmt stets attraktiver fand als seine Frau. Sie ist die aufgedonnerte Mauerblume mit dem schönen Mann.

Das westdeutsche Paar steckt die Köpfe zusammen: „Dass die sich immer als Opfer stilisieren müssen.“

Sie fallen auf, die Wessis, an diesem Abend in der Tucholsky-Buchhandlung. Vermutlich erscheinen sie sich imposant mit ihren Extras. Er hat die Ärmel gekrempelt und so einen Stulpeneffekt erzielt. Sein Bart ist auf Kaiser getrimmt. Er zwirbelt an sich herum, ein steinalter Pfau, der sich bestimmt stets attraktiver fand als seine Frau. Sie ist die aufgedonnerte Mauerblume mit dem schönen Mann. Das Urteil zischt sie mit fanatischer Schärfe: „Dass die sich immer.“

Du Volksgerichtshof von einer Frau, denke ich. Wie überall wähnt sie sich in der Überzahl. Davon geht sie einfach aus. Wo sie ist, ist Westen.

Sie hat die Orientierung verloren. Außer ihr, ihrem Gatten, dem Buchhändler und einer Zaunkönigin in der letzten Reihe sind nur Ossis am Start. Missbilligung breitet sich aus. Sie bildet sich ab auf den Gesichtern einer Résistance. Der kulturelle Dissens ist mit Händen zu greifen.

Maike Schnur stellt ihr neues Buch vor, „Ost-Boomer“. Sie erscheint als Galionsfigur. Von ihr geht etwas Vorbildliches aus. Wenn Maike Schnur sagt, sie habe recherchiert und nicht bloß auf eine Lücke im Bewältigungsbedarf und auf Google gesetzt, glaube ich das. Sie war eine Ausnahmeathletin. Mir bleibt schleierhaft, wie sie es seelisch fertigbrachte, ihren Namen aus der Rekordliste streichen zu lassen. Sie veranlasste das als Protest gegen das Zwangssystem Doping in der DDR.

Jetzt erzählt sie von einer ungehörten Generation.

„Wir waren die Babyboomer des Ostens. Wir kriegten den vollen Einschluss von Geburt an ab.“

Sie habe „sich selbst markiert, um Unterschiede herauszustellen“. Die Unterschiede zu den BRD-Zeitgenoss:innen so wie die Unterschiede zu Älteren (mit der doppelten Diktaturerfahrung) und Jüngeren (der Klassenfeind im Klassenzimmer) in der DDR.

Maike Schnur liest aus ihrem Buch den Anfang. Mich erinnert der Auftakt an Uwe Johnsons vermischte Prosa. Ich kenne nur ostdeutsche Nostalgiker:innen, die in ihrem Gefühlsosten schwelgen. Oft sind das Wendegewinner:innen in der zweiten Generation, die mit ihrer Kaufkraft und der Kaufkraft ihrer Eltern Tag für Tag Restposten einer Ursprünglichkeit schleifen, die sie mit einem besseren Deutschland assoziieren. Den armen Ossi kennen die auch nur aus dem Fernseher und vom Spätkauf. Lustig ist, wenn solche Sieger:innen den Kollwitzplatz mit der Begründung verweigern, dass da die Schwaben sind. Schwaben als Sammelbegriff für „die anderen“. Dabei sind sie selbst längst die anderen, also Schwaben. Schwaben oder weg von den Fenstern des Prenzlauer Bergs.

Nach meinen Beobachtungen stehen DDR-Dissident:innen dem vereinten Deutschland besonders fern. Jemand könnte zudem einwenden, dass eine Westsozialisation in der Berliner Republik Fremdheitsgefühle nicht ausschließt. Schließlich gibt es auch die alte Bundesrepublik nicht mehr. Meine Prägungsfiguren, von Willy Brandt bis Siegfried Unseld, repräsentieren außer Kurs gesetzte Werte. Doch will ich mir daraus keinen Kranz flechten. Ich muss mir nur Fünfzigjährige im Allgemeinen angucken, um klarzusehen, dass ich kein gemeinsames Band brauche.

„Ost-Boomer“ soll ein Debattenbeitrag sein. Ich wünsche Maike Schnur, dass viele mit ihr ins Gespräch kommen wollen.