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24.12.2021, Jamal Tuschick

Polarisierte Aufteilung

„Die alte Freiheitsforderung: Gleiches Recht für alle wurzelt viel mehr in der Verschiedenheit als in der Gleichheit der Menschen.“ Magnus Hirschfeld

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Bereits im 19. Jahrhundert gab es eine kritische Auffassung der polarisierten Geschlechterbetrachtung „in entweder männlich oder weiblich“. Das Preußische Landrecht sah eine Freiheit vor, die es einer Person „mit unbestimmten Geschlechtsmerkmalen im Alter von achtzehn Jahren erlaubte, selbst zu entscheiden, „welchem Geschlecht (sie) angehören“ wollte. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 hob die Regelung in einem offensichtlichen Rückschritt auf.  

Nicht Störung, sondern Spielart

Karl M. Baers unter dem Pseudonym N. O. Bodys publizierte, fiktionalisierte Autobiografie „Aus eines Mannes Mädchenjahren“ erschien erstmals 1907. Es folgten zahlreiche Auflagen und eine (verschollene) Verfilmung. Der Titel geriet in Vergessenheit, bevor ihn ein mächtiges Interesse wieder erfasste.

N. O. Body, „Aus eines Mannes Mädchenjahren“, ein Standardwerk der Gender Studies und eines der ersten Ego-Dokumente über Transidentität, herausgegeben und mit einem Nachwort von Hermann Simon, mit Beiträgen von Christina von Braun, Marion Hulverscheidt und Konstanze Plett sowie den historischen Begleittexten von Magnus Hirschfeld und Rudolf Presber, Hentrich & Hentrich, 19.90,-

Baer kommt am 20. Mai 1885 in Arolsen als Martha Baer zur Welt. Die Bestimmung als Mädchen erfolgt irrtümlich „aufgrund von Pseudohermaphroditismus“. Martha absolviert eine „Ausbildung in Nationalökonomie, Soziologie und Pädagogik in Berlin und Hamburg“ und wirkt als „Volkspflegerin“ mit feministischem Ansatz.

1906/07 erfolgt die Geschlechtsangleichung und eine Korrektur des Geburtseintrags. Karl Baer heiratet Beile Halpern. 1909 wird er Witwer. In zweiter Ehe heiratet er Elza Max. Seinen Lebensunterhalt verdient er zunächst als Versicherungsangestellter in Berlin. Ab 1911 arbeitet er für die jüdische Gemeinde. 1938 emigriert das Ehepaar nach Palästina. Baer stirbt 1956. Beerdigt wird er auf dem Kiryat-Shaul-Friedhof von Tel Aviv. (Nach Wikipedia)

„Ich war ein anormal gebautes Mädchen, das war alles.“

Der Autor plaudert blumig aus den Nähkästchen der „kleinen Heimatstadt“ seiner Heldin. Nora tobt nach „wilder Bubenart“ herum; lauter Rollengebote ignorierend.

Nora mag aussehen wie ein Mädchen. Sie fühlt aber einen Jungen in sich. Das schreibt ihr ein Verhalten vor, mit dem sie aneckt. 

Niemand kennt ein Wort für die Not der Heranwachsenden. Drei Geschwister verliert Nora an eine „epidemische Kinderkrankheit“. In der Zwischenzeit verflüchtigt sich der Wohlstand in ihrem bürgerlichen Elternhaus.  

Mädchen sind Nora zu sanft. Dafür überkommt sie ein merkwürdiges Behagen, wenn Hilde und Lene „mit drolliger Geschäftigkeit Gesicht und Hals“ der Freundin streichelt.

Nora gerät in eine Favorit:innenrolle. Dass man ihr den Vorzug gibt, ist sie ganz und gar nicht gewöhnt.

„Diese Spiele machten mich zuerst darauf aufmerksam, dass ein körperlicher Unterschied zwischen den kleinen Mädchen und mir bestand, aber ich konnte als Kind natürlich die Tragweite dieser Entdeckung nicht ganz erfassen.“

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„Es gibt ja unter den Kindern eine Art Freimaurerei; so kann im Kinderland ein Wort lange von allen gekannt sein, ehe die Großen etwas erfahren.“

So überschreibt der Autor ein Phänomen, dass ihn in den ersten Lebensjahren hinter einen Nebel des Begreifens zieht. Nora spielt im Verein mit jenen, die sie verhöhnen, sämtliche Rollen einer bürgerlichen Tochter in kleinstädtischen Verhältnissen. Das mitunter schneidende Verhalten der Anderen gibt ihr Rätsel auf, während Erwachsene Noras Andersartigkeit nicht zu bemerken scheinen.  

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Pubertäre Verwicklungen zwingen Nora, unter falscher Flagge zu segeln. Sie heuchelt menstruelles Unwohlsein. Unauffällig scheitert sie an sämtlichen Marken einer „normalen“ Entwicklung. Erotisch hingezogen fühlt sie sich zu einer Emma, die in Martha nur die Freundin erkennt. 

Der Autor erzählt von den prä-adoleszenten Vexiermomenten so einleuchtend, dass sich bei mir eine Ahnung einstellt, welche Genusschancen er selbst in seiner juvenilen „Verkleidung“ entdeckte. Dem heimlichen Knabe boten sich in der Rolle einer  Auszubildenden, die sich mit anderen „Lehrmädchen“ die Unterkunft teilt, besondere Gelegenheiten. 

„Ich hielt diese Freude am weiblichen Körper für ein rein ästhetisches Behagen. Der Gedanke an sexuelle Anziehung kam mir fast nie.“

Im Weiteren bleibt die Lage schwierig. Noras schwankendes Selbstverständnis findet nie Bestätigung in einer einfühlenden Deutung ihrer Ausnahmestellung im weiblichen Kosmos. Vom Anpassungsdruck erpresst, imaginiert sie eine rollenkonforme Identität. Als unter ihren Stand gefallene höhere Tochter stellt sie ihre Bildungsvorsprünge den Kolleginnen zur Verfügung. Sie entwickelt ein Interesse an Frauenrechten und avanciert zur gefragten Rednerin. 

„Der Frauenverein in Starnowo lud mich zum Vortrag ein.“

Nora löst stürmische Empfindungen bei ihrem Publikum aus. Viele Aktivistinnen reagieren hingerissen auf das changierende Wesen einer Couragierten. Doch begegnet ihr erst in Starnowo eine „Königin“, der sie sich nicht entziehen kann.  

Nora lernt die unabweisbar-brennende Sehnsucht nach einem Frauenkörper kennen. Hanna Bernhardowna erliegt dem passenden Verlangen, noch als Verheiratete. Oszillierend zwischen Vortragsrednerei und Journalismus, reist Nora von der Ukraine via Berlin nach Norwegen.

Die Geschlechtsangleichung liegt gleichsam auf dem Weg. Aus Nora wird Norbert. Norbert strebt eine legale Verbindung zu Hanna an. Zu achten hat er nun darauf, Damen nicht mit geschlechtsgenossenschaftlicher Vertraulichkeit zu nahe zu treten. 

„Ich musste mich hüten, im Gespräch mit Damen nicht Themata zu berühren, die ein Herr mit Damen im Allgemeinen nicht bespricht.“

Nicht Störung, sondern Spielart

Das Geschlecht eines Menschen ruht viel mehr im „Gehirn als in den Genitalien“. Magnus Hirschfeld

Der Forscher und Mediziner äußert sich im Nachwort: „Die wissenschaftliche Literatur über Fälle von irrtümlicher Geschlechtsbestimmung findet in der hier veröffentlichten Lebensbeschreibung eine wesentliche Ergänzung und Bereicherung. Es berichtet hier zum ersten Male eine intelligente Persönlichkeit in eingehender Schilderung über die hochtragischen Folgen eines Irrtums.“

Hirschfeld verknüpft Baers Fiktionalisierung der eigenen Krise mit „Schülerselbstmorden und Kindertragödien“. Er deutet so eine Dunkelziffer an, deren Treiber in den Dunkelkammern konventioneller Identitätsklammern lauern. 

Er kritsiert Wissenschaftler:innen, die „schlankweg Störungen und Missbildungen“ da annehmen, wo die „antike Auffassung ... Spielarten, Varietäten und Besonderheiten der Gattung Mensch sah“.  

Aus der Ankündigung

Mit seiner 1907 unter Pseudonym veröffentlichten Autobiographie gewährte Karl M. Baer erstmals einen Einblick in das Aufwachsen im falschen Geschlecht. N.O.Body schrieb sich die qualvollen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend von der Seele: Sein Geschlecht war nicht eindeutig bestimmbar; seine Eltern ließen ihn als Mädchen aufwachsen.

Hermann Simon löste das Rätsel um die Identität des Autors und erzählte dessen Lebensgeschichte von der Frauenrechtlerin und engagierten jungen Sozialarbeiterin im Kampf gegen Mädchenhandel zu einem Mann, der später im Berliner jüdischen Kulturleben eine wichtige Rolle spielte.

Diese überarbeitete und kommentierte Neuauflage vertieft den Blick auf die erste Frauenbewegung, auf die medizinischen Möglichkeiten der Diagnostik und Beurteilung von uneindeutigem Geschlecht um die Jahrhundertwende und auf die veränderte Registrierung und Gesetzgebung durch die Einführung der Standesämter und des Bürgerlichen Gesetzbuches. 

Es gibt kein vergleichbar belegtes Ego-Dokument, an dem sich sowohl der individuelle als auch der gesellschaftliche, medizinische und juristische Umgang mit uneindeutigem Geschlecht um 1900 ablesen lassen. Es liefert einen wichtigen Beitrag zur Gender- und Identitätsgeschichte, der auf die aktuelle Debatte um die Dritte Option Bezug nimmt und diesen historisch untersetzt. Die Aufzeichnungen gelten bis heute als Standardwerk in den Gender Studies. An ihr lassen sich zudem Anerkennung und Ausgrenzung doppelter Minderheiten innerhalb und außerhalb der eigenen Gemeinschaft nachvollziehen: Was bedeutet es jüdisch und queer zu sein? 

Herausgegeben und mit einem historisch-biographischen Nachwort von Hermann Simon

Mit dem Originalvorwort von Rudolf Presber und einem Vorwort von Christina von Braun

Mit dem Originalnachwort von Magnus Hirschfeld 

Medizinhistorische Kontextualisierung von Marion Hulverscheidt

Rechtshistorische Kontextualisierung und Bezug zur Dritten Option von Konstanze Plett

„Dieses Buch ist ein Buch der Wahrheit. Ich habe von einem armen Leben erzählt, das durch viele Wirrnisse gehen mußte, ehe der einsame, unglückliche Wanderer den richtigen Weg fand.“ N.O.Body, Aus eines Mannes Mädchenjahren  

„Das Geschlecht des Menschen ruht viel mehr in seiner Seele als in seinem Körper […]“ Dr. med. Magnus Hirschfeld im Nachwort