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25.12.2021, Jamal Tuschick

Leuchtende Tristesse

Michele Cossati nennt seine Frau Mama. Er hält sie für so durchschaubar, dass er es wagt, sie leer zu finden; während Valeria erfüllt ist von einem Geheimnis. 

In der Hochzeit des italienischen Neorealismus und so auch in dessen Farben gönnt sich die Hausfrau und Mutter das Vergnügen klandestiner Aufzeichnungen, in denen sich die leuchtende Tristesse der konkreten Nachkriegsära spiegelt. 

Brüderliche Gattenliebe

Liebesgabe oder Kontribution

26.November 1950 - Dem feiertäglich ausschlafenden Gatten holt Valeria im Trafik an der nächsten Ecke Zigaretten. Die Autorin verschweigt, ob das Päckchen als Liebesgabe oder als Kontribution einer Tributpflichtigen auf der Schleiflackoberfläche des Nachttischs deponiert werden wird.  

Valeria greift erst einmal nach diesem und jenem im Kiosksortiment. 

Gezaust von den Forderungen des Tages sucht sie bald beinah hektisch ein Versteck, wenn auch nur für die Harmlosigkeit eines Schulheftes, dass ihre Aufzeichnungen aufnehmen könnte. Die Idee ist gewagt, Valeria weiß nicht, wie sich der Anspruch auf einen privaten Gedanken als einem durchsetzbaren Recht formulieren ließe. Zum ersten Mal bemerkt sie, dass es in der Wohnung keinen Flecken gibt, der ihr allein gehört.

Alba de Céspedes, „Das verbotene Notizbuch“, Roman, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Suhrkamp/Insel, 24,-

Die Familie sitzt wie eine Laus im Pelz ihrer Intimität.

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte.“

Nun fiebert Valeria den Stunden entgegen, wenn sie allein ist. Dann überfällt sie das Schreibfieber. Valeria weiß sofort, wie gefährlich ihre Passion ist. 

Valeria himmelt ihre „maßvolle, seitlich geneigte … Handschrift“ an.

Brüderliche Gattenliebe

In ihrem Tagebuch bestimmt Valeria mit zunehmender Genauigkeit die Koordinaten ihrer Existenz. Sie spürt dem Eigensinn ihrer Kinder und ihres Mannes nach. Verheiratet ist sie mit einem Angestellten, der sich in postadoleszenter Grandiosität vor der Einsicht in seine Beschränktheit bewahrt. Einmal berührt Michele seine Frau mit dem Zugriff des Begehrens und löst so eine Kaskade von Empfindungen aus, von denen er nichts erfährt. Wie anders könnte Valerias Leben sein, wäre Michele nur weniger brüderlich in seiner Liebe.

Valeria folgt der Spur ewiger Unsicherheit angesichts Micheles geringem Einkommen.

Ein auf der Straße geflüstertes Kompliment wirft sie aus der Bahn. Von Blumen, die in ihrem Wohnhaus ausgeliefert werden, glaubt sie in einem wahnhaft-flüchtigen Augenblick, der Strauß sei für sie. Sie will ihren Mann mit einem neuen Unterkleid bezaubern und verheddert sich in der Überlieferung peinlicher Kaufmodalitäten.    

Sie kämpft mit ihrer Tochter Mirella, um sich von ihrer Mutter sagen lassen zu müssen, nicht weniger schwierig gewesen zu sein. Sie selbst erkennt beschämt Eifersucht und Konkurrenz in ihrem Verhalten. 

Aus der Ankündigung

Eigentlich sollte Valeria im tabaccaio nur Zigaretten für ihren Mann besorgen – kauft dann aber verbotenerweise ein schwarzes Notizheft und ahnt nicht, welche Konsequenzen dies haben würde. Es sind die Nachkriegsjahre in Rom, und Valeria führt das bescheidene und unscheinbare Leben einer Frau der Mittelschicht. Sie ist Mutter, Gattin und Büroangestellte. Mehr sieht niemand in ihr, seit Jahren hat sie ihren eigenen Namen nicht gehört, sogar ihr Mann nennt sie »mamma«. Doch als sie beginnt, in das Notizheft zu schreiben, verändert sich allmählich etwas in Valeria. Sie sondiert ihr Inneres, geht auf die Suche nach ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten. Irgendwann beginnt sie, sich kleiner Lügen zu bedienen, sich heimlich mit ihrem Chef zu treffen und die Forderungen ihrer Kinder zu übergehen. Bis sie glaubt, einen Schritt zu weit gegangen zu sein.

Elena Ferrante nennt es ein »Buch der Ermunterung«, für viele Generationen war Das verbotene Notizbuch ein Schlüsselroman menschlicher Beziehungen und weiblicher Identität – und nun kann das fesselnde, intime und zeitlose Meisterwerk endlich wieder gelesen werden.

Alba de Céspedes wurde 1911 in Rom geboren, als Tochter eines kubanischen Vaters und einer italienischen Mutter. Ihr erster Roman fiel wegen seiner zu selbstbestimmten Frauenfiguren der Zensur zum Opfer. Während des Krieges war de Céspedes im aktiven Widerstand und wurde zweimal inhaftiert. Später arbeitete sie als Radio- und Fernsehjournalistin, schrieb Prosa, Lyrik und fürs Theater. Ihre Romane waren internationale Bestseller.