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25.12.2021, Jamal Tuschick

Die Mutter wünscht ihm die Pest des Scheiterns an den Hals. Ihr ist der Sohn zu lebensblöd für ein großes Werk. Dass es ihm trotzdem gelingt, empfindet sie als gefährliche Ungerechtigkeit.

Symbolfoto © Jamal Tuschick

Totalfiktion

Da das Kind kaum sprach, glaubte man, dass es nicht lesen könne. Von seinem Schweigen schloss man auf das Schriftvermögen. Gustave Flaubert war Der Idiot der Familie. Indes enthielt jeder Satz für den Knaben materielle Präsenz. Gustave nahm ihn als Geschenk an und arrangierte ihn auf der Tafel seiner Imagination. Antigone von Pechstein referiert das. Jeder Satz sitzt. Für Gustave besaß Sprache die Unmittelbarkeit körperlicher Maßnahmen. Diese Wahrnehmung verursachte eine Krise - die Krise der abweichenden Auffassung. Sie sonderte Flaubert ab und verurteilte ihn.

Flaubert war der Idiot seiner Familie, sagt Satre.  „Ich wollte“, so erläutert er seine Auffassung von Flaubert, „eine Methode und einen Menschen zeigen.“ Quelle

Die entscheidende Frage lautet: Wie wird der Depp zum Genie?

„Beschränkt man sich auf das, was man sieht, verfehlt man die Dimension der symbolischen Repräsentanz. Eine Ärztin mag verrufen sein, doch ihr Medizinerinnenmandat sichert sie auf der Domäne symbolischer Autorität. Der Analysand unterstellt dem Analytiker etwas, worauf sich dann sein Begehren richtet. Das ist zwar eine Illusion, aber, so sagt es Antigone, sich auf Lacan beziehend, „eine notwendige Illusion. Die einzige Möglichkeit, eine neue Bedeutung aufzubieten, ist der mutwillige Illusionismus einer Totalfiktion.“

Gustave ging davon aus, dass sein Sprachempfinden für andere überprüfbar war. Er ging so weit, anderen, in einem Übertragungsvorgang, einen Vorsprung einzuräumen. Leute reagieren auf die Einladung, indem sie das Kind vorführten. Gustave ließ sich düpieren. Lacan weiß:

„Wer sich nicht düpieren lassen kann, ist eigentlich der Dumme.“

Gustave halluzinierte das ihm Versagte. Er erschrieb sich seinen Platz in der Familie und in der Gesellschaft.

*

Gustave startet sein eigenes Programm, bei dem das Symbolische vor dem Imaginären kommt. Der Kriseninhaber erlebt sich gesteigert, wenn er die Welt in sich erfindet. Dabei geht er über die dialogische Struktur von Interaktionen hinaus. Gleichzeitig fällt er archaisch hinter ihr zurück, indem er sein Leben monologisiert. In den Augen der Sozialkompetenten erscheint er deshalb naiv.

*

Plötzlich ist er da und spielt seine Rolle in der Dauergroteske des Second Empire. Europa ist die Weltsonne, seine Reiche und Regierungen kennen keinen anderen Gegner:innen als die Feind:innen am Gartenzaun. Man hat sich zu wenig Mühe gegeben, dieses Phänomen einer matronenhaften Sonderrolle zu analysieren. Ein halbes Dutzend Mutterländer unterhält auf allen Kontinenten Marionettenregimes. Die Kolonialmächte setzen Potentat:innen ein und ab. Den stärksten Motor aller Entscheidungen liefert das wirtschaftliche Interesse. Ausgerechnet der selbstermächtigte Putschist Napoleon III. (1808 - 1873), bürgerlich Charles Louis Napoleon Bonaparte, trägt die Entschlossenheit zur Schau, sich an die Spitze des Kartells zu stellen. Verdiente Spötter der Nation verstummen angesichts des landesherrschaftlichen Selbstdarstellungsgenies. Sie staunen mit dem ungelenken Rest um die Wette, ob der theatralischen Einfälle von oben.

Der Kaiser belohnt schlecht dichtende Lobhudler:innen und lässt Balzacs Schinken unter den Tisch des Freiverkäuflichen fallen. Flaubert und Baudelaire haben ständig Ärger. Sie verkörpern die Moderne gegen eine kapriolende Restauration.

Der Ehrgeiz des Bürgerkaisers läuft auf eine Katastrophe hinaus, die keiner kommen sieht. Gleichzeitig avanciert Paris zur Hauptstadt der Epoche, zu einem permanenten Weltereignis, dem europäischen Puls. Baudelaires Gesellschaftsdiagnosen etablieren neue Krankheitsbegriffe, die der Psychoanalyse voraneilen. Geniale Mediziner wie Jean-Martin Charcot werden sich bald auf Flaubert & Baudelaire stützen, während das politische Frankreich der Regression Monumente baut. Das Amalgam von Ungleichzeitigkeit und Verdichtung fordert in den 1920er Jahren von Walter Benjamin lange Séancen in Paris. Ich gehe gleich weiter zu Benjamin. Ich glaube, das hat ihn gefesselt: ein selbstermächtigter Kasper auf dem Thron, der sich eine herrliche Stadt bauen lässt so wie der Wittelsbacher Ludwig sich seine bayrischen Herrenhäuser, im Übrigen versagt, und die intelligentesten Bürger:innen Frankreichs so sauer macht, dass sie in die Krempen ihrer Hüte beißen.

Den Nationaldichter Pierre-Jean de Béranger nennt Flaubert einen „dreckigen Bourgeois“. Seine Heldin Emma Bovery charakterisiert er als „Perverse“, die sich von einem schön gemalten Jesus herausfordern lässt, aber sehr wohl auch auf Geld begeistert reagiert. Ein Prozess wegen des Verstoßes gegen die öffentliche Moral etc. wird am 29. Januar 1857 eröffnet. Madame B. erscheint der Strafkamarilla „als Gefahr für junge Mädchen und Frauen“. Die in gerichtlichen Streit geratene Romanfigur habe „schon als Kind im Beichtstuhl … sinnliche Lust empfunden“. Der himmlische Bräutigam löste den Wunsch aus, vollständig erkannt zu werden.

Susanne Stemmler bemerkt bei Flaubert eine „Obszönität des Sehens“, die sich in marodierenden Indiskretionen gegenüber Krankheitsbildern zum Beispiel beweist. Flaubert ignoriert Zutrittsverbote. Ostentativ, wenn nicht wütend, setzt er sich über Beschränkungen hinweg, um seiner Beschreibungsmonomanie zu frönen.

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„Und das war alles. Sie existierte nicht mehr.“ Flauberts Fazit im Fall von Madame B.

Die Anklage findet Flauberts unpersönlichen Ton „lasziv“. Gott und Geld als Kulminationspunkte einer bloß materiell begriffenen Existenz: das ist revolutionär. Flauberts Anfang bildet schon den Höhepunkt. Dies vollzieht sich in bis zur Lächerlichkeit verbrauchten Verhältnisse, denen nichts Großartiges in Aussicht gestellt ist. Es herrscht eine Push-up-Mentalität. Man überspielt die Wirklichkeit und zieht sich mit Eskapismus aus der Affäre.