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26.12.2021, Jamal Tuschick

Die Ewigkeit zwar ohne Gott, aber mit Shakespeare und Schnaps

Als DDR-Genie rechnet HM mit Amerika 'just for fun' (Adorno) ab. Da ist alles nur Schaulaufen und Kapitalismuskritik aus einem Supermarkt der Argumente. HM weiß, dass viele Phänomene seiner Gesellschaft keine Chance haben, historisch zu werden. Unsere DDR-Wahrnehmung begnügt sich; während wir die amerikanischen Schichten gründlich voneinander scheiden. Jedes Imperium fordert eine Maßstab bildende Genauigkeit heraus. Die Satelliten- und Auxiliargesellschaft DDR könnte sich ihre Geschichte als halbkünstlerische Keramik im Stil der D‘Annunzionalen Republik von Fiume ins Regal stellen.  

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Um nicht mit seiner Gesellschaft gemeinsam fadenscheinig zu werden, hebt HM sich und die Sache an.  

„Die DDR ist meine Erfahrung, die kann nur ich beschreiben.“

Auf das „nur“ kommt es an. Heiner Müller trifft die Feststellung 1961 - zu einem Zeitpunkt, als er mit Verhaftung rechnen muss. Eine Inszenierung der „Umsiedlerin“ an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst, Manfred Krug sitzt im Publikum, der Sonntag, heute „Freitag“, brachte vorab einen Auszug, wird als zersetzend wahrgenommen. Der Zentralrat will den Dramatiker und seinen Regisseur B.K. Tragelehn im Gefängnis sehen. Der Amtsweg verlangt eine Absprache mit der Berliner SED-Bezirksleitung. Deren 1. Sekretär, Paul Verner, beruft sich auf eine Chruschtschow-Direktive des XX. Parteitag der KPdSU aus dem Jahr 1956: „Für Ideologie wird nicht mehr verhaftet.“

Der Staatsrat lenkt ein, allerdings erwartet man von Müller Selbstkritik. Er kommt der Forderung in der Gewissheit nach, „größer als die DDR“ zu sein. Er stellt diese Größe nicht dispositiv in den Raum, sondern als Tatsache. Müller begrüßt den Bau der Mauer „als freudiges Ereignis“. Die Mauer sei eine Chance, „freier zu arbeiten. Jetzt können wir offen und hart diskutieren.“

„Die Wälder sind gebaut / aus Schweigen und Geäst.“ (Aus „Kleines Kirchenlied“)

In diesem Hoffnungsüberschuss zirkuliert die frühe Lyrik. Die hingeworfene Bemerkung am Rand einer Hotelrechnung oder auf einer Kneipenblockseite mit der Zeche im Zentrum kann eine Zeile sein, die einem Gedicht gehört, das nach zig verworfenen Anläufen schließlich doch noch seine Form gefunden hat. Die Nachwelt als Kronzeuge der Bedeutung ist da noch weit weg. Sie rückt bald auf; bis HM schließlich zum Sänger der letzten Dinge wird ... die Ewigkeit zwar ohne Gott, aber mit Shakespeare und Schnaps.

 

Symbolfoto © Jamal Tuschick

DDR-Genie

Seit Jahrzehnten sucht mich die Vorstellung heim, in Heiner Müllers uferlosem Werk auf eine Notiz zu stoßen, die sich in abstoßender Kürze auf mich bezieht. So etwas wie: Gestern nach dem Zahnarzt Tuschick auf der Schönhauser Allee getroffen. Schien kaum bei sich, ignorierte einladende Bemerkungen. Nur mit Mühe gelang es mir, ihn zum Verweilen im Prater zu überreden.   

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Es gibt ja diese post-koitalen Bademantelbilder. Manchmal versteige ich mich zu der Idee, HM könne dazu Flipflops getragen haben. Vieles, was ich lange für Zustimmung gehalten habe, lese ich heute als Abwehr. HM wehrt sich gegen alle möglichen Zuständigkeitserwartungen. Er verwahrt sich dagegen, als Orakel belagert zu werden.

Ein anderes Phänomen. Früher fand ich HMs Themenzugänge wunderbar stichhaltig. Heute erscheinen sie mir manchmal vorsätzlich plump; so als habe HM sein Fragen stellendes Gegenüber unauffällig beleidigen wollen.  

Das Verhältnis eines Theatergotts zu seinem Metier fing in einer norddeutschen Spelunke an.

HMs Verhältnis zum Theater begann in einer Mecklenburger Kneipe. Gegeben wurde Wilhelm Tell. Der Debütant vermisste ein Pferd im Stück. Deshalb war die Inszenierung eine Enttäuschung. Auf der gleichen Linie liegt HMs erste Amerikaerfahrung. Angeblich geht sie von Karl May aus. Dessen Kritik am weißen Unwesen bestimmte dann HMs Perspektive. So geht die Erzählung. Sie mäandert durch das Erzgebirge und mündet vorläufig in Mecklenburg. Da nimmt ein amerikanischer Sieger dem Erzähler eine Flasche Anisschnaps weg.

„Das hat ein bisschen die antiamerikanische Einstellung … wiederbelebt, die von Karl May.“

Zwischen Karl May und dem Kriegsende pfercht HM einen verreckten Treck.

„Und ich hatte eine Flasche Schnaps liegen sehen.“

In den Geschirren liegengebliebener Fuhrwerke blähen sich die Zugtierkadaver in ihren Verwesungsfestivals. Ich müsst mal darauf achten. Im Werk von HM wimmelt es von toten Pferden.    

Auxiliargenossenschaft DDR

HM sagt noch Dritte Welt. Das Highend-Amerika habe den globalen Süden inkorporiert. Da wächst der Dschungel aus der Zivilisation. Die Barbarei verkleidet sich als Zerfall und natürlich „bilden sich dauernd neue Zellen“.

Als DDR-Genie rechnet HM mit Amerika just for fun (ist ein Stahlbad, Adorno) ab. Das ist alles nur Schaulaufen und Kapitalismuskritik sowie Kritik an der klinischen Segregation, ohne die Wohnheimpolitik der DDR auf die Schandliste zu setzen. HM weiß, dass viele Phänomene seiner Gesellschaft keine Chance haben, historisch zu werden. Unsere DDR-Wahrnehmung begnügt sich; während wir die amerikanischen Schichten gründlich voneinander scheiden. Jedes Imperium fordert eine Maßstab bildende Genauigkeit heraus. Die Satelliten- und Auxiliargesellschaft DDR könnte sich ihre Geschichte als halbkünstlerische Keramik im Stil der D‘Annunzionalen Republik von Fiume ins Regal stellen. Wer, außer ein paar Betrunkenen, würde das Geschirr von den Borden reißen. Die alte Bundesrepublik ist doch auch nur noch Nebelland und allen soweit unbekannt, außer jenen bald sagenhaft-versprengten Boomer:innenbrigant:innen, die sich ins Jetzt durchgeschlagen haben und allezeit aus ihren Mastkörben aufs Vordeck der Gegenwart schiffen.