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27.12.2021, Jamal Tuschick

Information und Energie

Kurzschlüsse zwischen Abstraktion und Konkretion, zwischen Energie und Information erzeugen Hotspots. Michel Serres filtert „aus dem Verhältnis von Licht und Schatten Informationen über den Weltraum und die Weltzeit“.

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Die Kombination von Erfahrung und Abstraktion beschleunigt die soziale Evolution, die wiederum die biologische überholt. Die Ungleichzeitigkeit auf dem Feld der Anpassung überfordert stets viele, während sie manche beflügelt/beschleunigt, siehe Tesla, private Raumfahrt etc. Michel Serres liefert solchen Prozessen ein geistiges Fundament. 

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„Die Unbekannte X hat, für sich genommen, keinerlei Wert und kann doch jeden Wert annehmen“, sagt Serres. Dazu passt - ex negativo - ein Wort von Adam Mitzner: „You can‘t frame something which does not exist.“

„Das Geld, das algebraische X und der Buchstabe können, weil bar jeder Bedeutung, alle Bedeutungen annehmen. Das Abstrakte oder Virtuelle lässt sich also in allen drei Fällen auf etwas Konkretes anwenden.“
Serres poliert den Punkt an anderer Stelle. Er untersucht das Verhältnis von erd- und menschheitsgeschichtlichen Hotspots auf der Linie Tektonik, Vulkanismus, Einschläge aus dem All und den Tsunamis des Wissens. Plötzlich ist alles da. In einem Jahrhundert werden hundert Fragen geklärt; in einem geografischen Raum zehn Genies geboren. 

Wir erzählen uns immer die gleichen Wasser- und Feuergeschichten. Nach einer Legende verantwortete Archimedes das Bubenstück mit den Brennspiegeln im 3. Jahrhundert, als vor Syrakus römische Kriegsgaleeren, vom Sonnenlicht getroffen, in Flammen aufgingen. Das sei, so Serres, ein „im Wortsinn blitzartiger Übergang von der optischen Geometrie zur todbringenden Schlacht (gewesen) … eine Rückkehr von der Information zur Energie“. 

Kosmische Konversation

Seit Tagen genieße ich Michel Serres‘ Analyse „Das Verbindende“. Hier schon einmal ein paar Perlen vor der Besprechung.

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„Die Kultur folgt der Natur in einer Art Exodarwinismus, der Mutationen und Selektionen rascher und mit größerer Anpassungsfähigkeit ablaufen lässt als die Evolution des Lebens selbst. Wenn der Frühling kommt, legen wir die Mäntel schneller ab, als uns die Haare ausfallen.“ 

Michel Serres, „Das Verbindende. Ein Essay über Religion“, aus dem Französischen von Stefan Lorenzer, Suhrkamp, 16,-

„Die meisten die Erde bevölkernden Arten legen über alle Breitengrade hinweg ein mehr oder weniger ähnliches Verhalten an den Tag, während sich unsere Kulturen, Sprachen, Konventionen oder Verträge binnen kürzester Distanzen und unter vergleichbaren klimatischen Bedingungen oft erheblich unterscheiden.“ 

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„Galileis wahre Erfindung ... war der Zusammenhang, den er zwischen Mathematik und Erfahrung herstellte. Den Griechen, die darum keine exakte Wissenschaft von der Welt kannten, war deren Schnittpunkt verborgen geblieben. Galilei dagegen setzt Gleichung und Versuchsanordnung zueinander in Beziehung. Durch einen so blendenden wie fruchtbaren Kurzschluss zwischen einer virtuellen und …“

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Was wir heute als primitive Vorgänger:innen unserer raffiniertesten Zeitmessungen deuten, diente Leuten, die sich kaum an die Zeit gebunden fühlten, als astronomische Wegweiser:innen. Michel Serres weist darauf hin, dass wir die „Erfindung der Breitengrade … der Sonnenuhr verdanken“.  

 „Thales, heißt es, kam auf seinen Satz, indem er zu einer bestimmten Uhrzeit den Schatten, den eine der drei großen Pyramiden in Gizeh warf, mit dem eines aufrecht stehenden Menschen verglich.“  

Aus der Ankündigung

Agen 1945, Vincennes 2019: Die Angaben am Ende von Michel Serresʼ letztem Buch markieren die Eckdaten seines Lebenswegs und unterstreichen, wie lange er sich mit den darin verhandelten Fragen beschäftigt hat. Geboren als Sohn eines Flussschiffers in Südwestfrankreich, wurde Serres zunächst Seemann, später Philosoph an der Pariser Sorbonne und Mitglied der prestigereichen Académie française. Zeitlebens kreiste sein Denken um das Verbindende: Boten wie Hermes, den Schutzgott der Reisenden, Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Auch in diesem Versuch über die Religion, der Summe eines Gelehrtenlebens, steht das Verbindende im Vordergrund: Religion begreift Serres dabei als das, was Menschen horizontal miteinander und vertikal mit dem Jenseits oder dem Reich der Ideen verbindet. Auf das analytische Zeitalter der Trennungen, Zersetzungen und Zerstörungen, unter anderem der unseres Planeten, so das Vermächtnis des großen Universalgelehrten, folgt ein Zeitalter der Verbindungen. Wollen wir die großen Herausforderungen unserer Gegenwart meistern, müssen wir auf globaler Ebene kooperieren.

Michel Serres, geboren am 1. September 1930 in Agen, war ein französischer Mathematiker und Philosoph. Er absolvierte die École navale, um eine Laufbahn als Marineoffizier zu beginnen. Ab 1952 besuchte er die École normale supérieure, an der er 1955 seine Agrégation in Philosophie erhielt. Im folgenden Jahr trat er erneut in die Marine ein und fuhr jahrelang zur See. Serres war ab 1969 Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Sorbonne und wurde 1984 parallel zum Professor an der Stanford University ernannt. Ab 1990 war er außerdem einer der vierzig »Unsterblichen« der Académie française. 2012 erhielt Serres den »Meister-Eckhart-Preis« der Identity Foundation und der Universität zu Köln. Serres starb am 1. Juni 2019 in Vincennes.