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28.12.2021, Jamal Tuschick

Last Exit Tod - Die letzten Worte des Dutch Schulz aka Heiner Müller

Zum Schluss hat der Meister keine Handschrift mehr. Er kann nur noch Maschine schreiben: „Als Rechtshänder wäre ich älter geworden.“

Die Todesnähe entmachtet den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Heiner Müller (1929 - 1995) wehrt sich mit chemischen Keulen, doch wird der Tod Heimat („der tod wird heimat“). Das ganze Wissen und die Gabe, es zu bündeln, gehen dahin.

„Man tritt immer weiter aus der Bibliothek heraus und schreibt immer mehr in der eigenen Blindheit.“

© Jamal Tuschick

Im Frost der Entropie

Die Aussicht auf den „gemeinsamen Untergang (der Systeme) im Frost der Entropie“ öffnet den Blick für „eine Wirklichkeit jenseits des Menschen“

HM hielt sich ein Leben lang „mit Worten aus dem Abgrund“. Schließlich fing er an, die Stummen zu beneiden. Er sehnte das Schweigen herbei.

Noch einmal zurück auf Los, wo Rimbauds „trunkene Schiffe“ mit Hoffnung in den Stauräumen vor den Azoren ankern. HM meditiert über Shakespeare und Schiller, das Unfertige gibt sich in den Entwürfen, so wie der Druck sie zeigt, oft nicht zu erkennen. Das Eigentümliche bei HM ist die Gleichzeitigkeit basaler, brachialer und artifizieller Muster, egal in welchem Stadium. In vielen Fällen scheint ihn die einfachste Melodie zu reizen, das Dichten auf einem Ton. Vielleicht hätte er jetzt dem Naheliegenden zwischen Ton und Thron Tribut gezollt oder zwischen Ton und Ton unterschieden. Ich glaube, dass Worte HM ablenken und sonst wohin führen konnten, dass er von Brot auf Brecht wie vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen konnte, oder wie von Kot auf Not. Durch die Jahre variiert er lyrische Figuren aus einer Palette zwischen Gewalt (Klassenkampf), Gruben (Gräbern) und Beischlaf. Messer, Träume und maritimes Dekor kreuzen eine durchgehende phantasmagorische Spur, die von konkreten Mitteilungen unterlaufen wird.

Von Brecht lernt HM positive Formulierungen für negative Aussagen. Er nimmt davon Abstand in einer Verdichtung der ersten großen Koalition in der Bundesrepublik als reaktionärer Veranstaltung:

„Unter Kiesinger tänzelt Brandt / Für das gemeinsame Vaterland / Der Konzerne“.

Wenn nach Strindberg das Theater „die Allgemeinplätze einer Epoche“ auf die Bühne bringt, dann bringt HM Allgemeinplätze seiner Zeit auch in seiner nicht-dramatischen Produktion unter. Das verweist darauf, dass er in den 1960er Jahren Gedichte als Vorformen von Stücken versteht. HM dichtet sich in eine Elastizität hinein, die es ihm erlaubt, eine lapidare Darstellung wie „das Vaterland der Konzerne“ in Schwingung zu versetzen. Hier wäre nach jeder philologischen Taxierung die Lyrik nur ein Vorgeschmack der dramatischen Hauptsache. HM lotet Agitprop-Chancen aus. Geht es um Agitprop, spielt HM stets Brecht an, der sagt, Agitprop taugt nur dann, wenn sie töten darf.

© Jamal Tuschick