MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.12.2021, Jamal Tuschick

Heimliche Grandiosität im Morgenrock der Melancholie

Eine Gehaltserhöhung kurbelt das Eheleben von Valeria und Michele an. Der Mann zieht seine Frau ins Schlafzimmer, um sie mit den Einzelheiten einer sogar rückwirkend erfolgenden Verbesserung ihrer materiellen Lage vertraut zu machen. Der Stolz des kleinen Angestellten fährt auch seine Gattin hoch. Das Paar erlebt einen brillanten Moment eingeschworener Verbundenheit. Längst aufgegebene Erwartungen scheinen sich doch noch zu erfüllen.

„Michele (schloss) die Tür, nahm mich euphorisch bei den Händen und sagte: ‚Mama, wir sind reich.‘“

Natürlich entspricht das Hochgefühl einer Scheinblüte. Die Emanationen des Scheiterns bestimmen das Sichtbare und das Unsichtbare in den Verhältnissen der Erzählerin, die sich in einem Morgenrock aus Melancholie besonders wohlzufühlen scheint. Valeria hadert schon lange nicht mehr. Sie wurde auf Ergebenheit getrimmt. Im Gegenzug setzt sie Selbstkritik sparsam ein. Großartig müssen die anderen sein. 

Alba de Céspedes, „Das verbotene Notizbuch“, Roman, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Suhrkamp/Insel, 24,-

Kaum weniger interessant als die Isolation von Phänomenen, die (auf der allwissenden Ebene) eine verborgene Grandiosität anzeigen, ist der Umstand, dass Michele nach dem positiven Statusschock nun auch als Vater energischer sein möchte. Wenigstens in einem Augenblick gesteigerten Seins wähnt er sich der äußerst autonom agierenden Tochter gewachsen.

Auch das ist ein Trugschluss. Mirelle geht mit einem wohlhabenden Anwalt aus, der Michele in jeder Hinsicht deklassiert. Zu den Signalen der Suprematie zählt ein Alfa Romeo.

Die Eigenmächtigkeit der Tochter verhöhnt den Vater. Mirelle setzt Michele herab, indem sie sich nicht der nachbarschaftlich-verbindlichen Ordnung unterwirft. Das beschreibt den Prozess einer sozialen Evolution. M. kapitalisiert Freiheitsgewinne mit der Rücksichtslosigkeit jener, die wissen, dass ihre Spielräume eng sind.

Valeria fürchtet, dass Mirelle längst als Geliebte des Nobilitierten ihre bürgerlichen Ansprüche verzockt hat. Die Mutter steigt der Tochter nach, kommt ihr aber nicht so auf die Schliche, dass sich die Abwegige im engsten Familienkreis einem peinlichen Verhör unterziehen ließe.

Brüderliche Gattenliebe

Michele Cossati nennt seine Frau Mama. Er hält sie für so durchschaubar, dass er es wagt, sie leer zu finden; während Valeria erfüllt ist von einem Geheimnis. 

In der Hochzeit des italienischen Neorealismus und so auch in dessen Farben gönnt sich die Hausfrau und Mutter das Vergnügen klandestiner Aufzeichnungen, in denen sich die leuchtende Tristesse der konkreten Nachkriegsära spiegelt.

Liebesgabe oder Kontribution 

26.November 1950 - Dem feiertäglich ausschlafenden Gatten holt Valeria im Trafik an der nächsten Ecke Zigaretten. Die Autorin verschweigt, ob das Päckchen als Liebesgabe oder als Kontribution einer Tributpflichtigen auf der Schleiflackoberfläche des Nachttischs deponiert werden wird.  

Valeria greift erst einmal nach diesem und jenem im Kiosksortiment. 

Gezaust von den Forderungen des Tages sucht sie bald beinah hektisch ein Versteck, wenn auch nur für die Harmlosigkeit eines Schulheftes, dass ihre Aufzeichnungen aufnehmen könnte. Die Idee ist gewagt, Valeria weiß nicht, wie sich der Anspruch auf einen privaten Gedanken als einem durchsetzbaren Recht formulieren ließe. Zum ersten Mal bemerkt sie, dass es in der Wohnung keinen Flecken gibt, der ihr allein gehört.

Die Familie sitzt wie eine Laus im Pelz ihrer Intimität.

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte.“

Nun fiebert Valeria den Stunden entgegen, wenn sie allein ist. Dann überfällt sie das Schreibfieber. Valeria weiß sofort, wie gefährlich ihre Passion ist. 

Valeria himmelt ihre „maßvolle, seitlich geneigte … Handschrift“ an.

*

In ihrem Tagebuch bestimmt Valeria mit zunehmender Genauigkeit die Koordinaten ihrer Existenz. Sie spürt dem Eigensinn ihrer Kinder und ihres Mannes nach. Verheiratet ist sie mit einem Angestellten, der sich in postadoleszenter Grandiosität vor der Einsicht in seine Beschränktheit bewahrt. Einmal berührt Michele seine Frau mit dem Zugriff des Begehrens und löst so eine Kaskade von Empfindungen aus, von denen er nichts erfährt. Wie anders könnte Valerias Leben sein, wäre Michele nur weniger brüderlich in seiner Liebe.

Valeria folgt der Spur ewiger Unsicherheit angesichts Micheles geringem Einkommen.

Ein auf der Straße geflüstertes Kompliment wirft sie aus der Bahn. Von Blumen, die in ihrem Wohnhaus ausgeliefert werden, glaubt sie in einem wahnhaft-flüchtigen Augenblick, der Strauß sei für sie. Sie will ihren Mann mit einem neuen Unterkleid bezaubern und verheddert sich in der Überlieferung peinlicher Kaufmodalitäten.    

Sie kämpft mit ihrer Tochter Mirella, um sich von ihrer Mutter sagen lassen zu müssen, nicht weniger schwierig gewesen zu sein. Sie selbst erkennt beschämt Eifersucht und Konkurrenz in ihrem Verhalten. 

*

Nichts gelingt. Alles formt sich zur Enttäuschung. Die Enttäuschungen liefern Formulierungen. Valeria sehnt sich nach ungestörten Momenten einerseits. Andererseits entbehrt sie die Fülle eines vertrauensvoll und ergeben brummenden Familienbetriebs. Mirella sieht dem zwanzigsten Geburtstag entgegen und verbindet damit eigene Vorstellungen, die für die Mutter kaum annehmbar sind.

Valeria macht eine Agentin aus sich; indem sie ihrer von einem reichen Anwalt (womöglich unangemessen) verehrten Tochter nachstellt und sie ausspioniert. Die Mutter unterhält sich mit der Frage, was sie sich ohne die Gatter des Zwangs ihrer Jugend herausgenommen hätte. Welche Dummheiten ihr erspart geblieben sind.

„Heute Abend habe ich vor ihrem Büro auf Mirella gewartet. Um von ihr nicht gesehen zu werden, beobachtete ich den Hauseingang aus einiger Entfernung, bereit, in einer Milchbar zu verschwinden.“  

Sie entspannt sich an ihrem Arbeitsplatz, den sie schließlich auch an einem Samstag aufsucht, um an ihrem Büroschreibtisch mit ihren Aufzeichnungen fortzufahren. Der Direktor, ein Ausbund an Distinktion und gütiger Machtentfaltung, überrascht Valeria, um ihr zu gestehen, dass er sich bei jeder Gelegenheit dem familiären Trubel entzieht, indem er Termine außer der Reihe vorschützt. Er sucht Ruhe in den stillen Firmenräumen. Nun teilt er das Geheimnis eines unbotmäßigen Absentierens mit einer Angestellten. Fast sofort stellt sich eine heikel-verlockende Intimität ein. Valeria assoziiert mit den Gesten ihres Chefs ein dezentes Buhlen, in dem sich ein Interesse erhält und verlängert, dass bereits vor ihrer Hochzeit vorhanden gewesen sein könnte. Die Einschätzung erfolgt auf der Basis von Stimmungen und Ahnungen, denen Valeria gewöhnlich keinen Wahrnehmungsraum gewährt. 

Doch gewisse Veränderungen in ihrem Leben machen sie empfänglich für den verschleierten Flirt mit einem in jeder Hinsicht überragenden Mann.

Mirellas Brautrausch hebt Valeria an und treibt sie um. 

Der Direktor nutzt den Dienstweg als Schleichpfad. Behutsam kommt Valeria ihm entgegen.  

Aus der Ankündigung

Eigentlich sollte Valeria im tabaccaio nur Zigaretten für ihren Mann besorgen – kauft dann aber verbotenerweise ein schwarzes Notizheft und ahnt nicht, welche Konsequenzen dies haben würde. Es sind die Nachkriegsjahre in Rom, und Valeria führt das bescheidene und unscheinbare Leben einer Frau der Mittelschicht. Sie ist Mutter, Gattin und Büroangestellte. Mehr sieht niemand in ihr, seit Jahren hat sie ihren eigenen Namen nicht gehört, sogar ihr Mann nennt sie »mamma«. Doch als sie beginnt, in das Notizheft zu schreiben, verändert sich allmählich etwas in Valeria. Sie sondiert ihr Inneres, geht auf die Suche nach ihren eigenen Sehnsüchten und Ängsten. Irgendwann beginnt sie, sich kleiner Lügen zu bedienen, sich heimlich mit ihrem Chef zu treffen und die Forderungen ihrer Kinder zu übergehen. Bis sie glaubt, einen Schritt zu weit gegangen zu sein.

Elena Ferrante nennt es ein »Buch der Ermunterung«, für viele Generationen war Das verbotene Notizbuch ein Schlüsselroman menschlicher Beziehungen und weiblicher Identität – und nun kann das fesselnde, intime und zeitlose Meisterwerk endlich wieder gelesen werden.

Alba de Céspedes wurde 1911 in Rom geboren, als Tochter eines kubanischen Vaters und einer italienischen Mutter. Ihr erster Roman fiel wegen seiner zu selbstbestimmten Frauenfiguren der Zensur zum Opfer. Während des Krieges war de Céspedes im aktiven Widerstand und wurde zweimal inhaftiert. Später arbeitete sie als Radio- und Fernsehjournalistin, schrieb Prosa, Lyrik und fürs Theater. Ihre Romane waren internationale Bestseller.