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2021-12-29 07:50:22, Jamal Tuschick

„Eine Menschheit, die sich von Kindergesichtern nicht anrühren lässt, ist keinen Pfifferling wert.“ Hilal Sezgin

Massengräber der Hoffnung in den Wüsten von Europa

Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Oft waren Verworfene die ersten Weißen an fernen Gestaden.

Sie formulierten den europäischen Standpunkt auf einem Berg von Leichen.

Chamoiseau schildert Massengräber der Hoffnung, ausgehoben von Schergen an Peripherien. Er findet unter die Haut gehende Bilder für das Grauen. Die Migrant:innen geraten aus Metropolen in ewignächtliche Randgebiete. Chamoiseau entdeckt die Wüsten von Europa. Der in Calais planierte Dschungel bricht durch den Asphalt der Pariser Boulevards. Auch dieser Dschungel ist eine europäische Lektion so wie „die vielen kleinen Menschen, von Geburt Staatenlose, Unberührbare, ewige Parias, nirgends zugehörig, verbannt in das Reich der Medusen und gesunkenen Boote“.

Patrick Chamoiseau, „Migranten“, Essay, auf Deutsch von Beate Thill, Verlag Das Wunderhorn, 18,-

Chamoiseau erwähnt die Ausdauer der Migrant:innen. Sie ist das stärkste Streitmittel einer neuen Bürger:innenrechtsbewegung, so sagt es Hilal Sezgin, sich auf Angela Davis berufend.

Chamoiseau erklärt das Internet zum Gehör der Welt. Es versende, „was die Bestie gerissen und gefressen hat“. Für die Barbaren gäbe es keine Insel der Seligen mehr, wo sie ungestört schalten können. Das ist bestimmt zu optimistisch. Chamoiseau besteht darauf, ermutigend zu wirken:

„Die Mondialität ist eine Ahnung, von der die gesamte Menschheit in ihrer Diversität ergriffen wird, und die über die Erde in ihrer Weite und Tiefe hinweg alle miteinander verbindet.“

Aus der Ankündigung

Patrick Chamoiseau anwortet mit seinem Essay auf das Ohnmachtsgefühl zweier Künstlerinnen: Hind (Meddeb) ist Filmemacherin, sie hat die Räumung des »Dschungels« in Calais dokumentiert und die Zerstörung des Lagers von Geflüchteten an der Metrostation Stalingrad im Zentrum von Paris gefilmt; und Jane, eine junge Schriftstellerin, die von ihren Eindrücken berichtet, wenn sie die Geflüchteten mit einem Frühstück versorgt.
Unter der Herrschaft des Maximalprofits verlieren alle, bis auf einige wenige. Dabei wurde der Reichtum des Westens von allen erbracht, nicht zuletzt von den Menschen in den Kolonien, aber auch über Generationen von den Arbeitnehmern. Dieser Reichtum steht daher allen zu. Die kulturelle, menschliche Seite der Globalisierung ist die »Mondialität«, das Bewusstsein, dass die Welt eins ist. Die Migranten zeigen auf, dass den großen Gewinnern diese Welt nicht gehört. Chamoiseau beschreibt die vitale Kraft der Migranten, ihre Vision zu leben – »etwas Besseres als den Tod findest du überall«, wie es im Märchen heißt. Es gibt kein Leben ohne Bewegung, keine Vitalität ohne Wanderschaft. »Die neoliberale Barbarei hat auf ihre eigene Weise die Welt verriegelt, es wäre völlig verfehlt zu glauben, dass dieser Riegel uns schützt.« Chamoiseaus Essay endet mit einer »Erklärung der Dichter«, die zum Widerstand gegen Intoleranz, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Anderen aufruft.

Patrick Chamoiseau, geboren 1953 auf Martinique, studierte in Frankreich Recht und Sozialwirtschaft und arbeitete zunächst als Sozialarbeiter. Er zählt zu den wichtigsten Schriftstellern der Karibik. In seinen zahlreichen Texten beschäftigt er sich hauptsächlich mit der kreolischen Kultur und seiner Herkunftsinsel Martinique. Für seinen Roman »Texaco« erhielt er 1992 den Prix Goncourt, den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs. Sein Roman Die Spur des Anderen kam 2015 auf die Shortlist des Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt.

Beate Thill, geboren 1952 in Baden-Baden, studierte Anglistik und Geographie. Seit 1983 arbeitet sie als literarische Übersetzerin der Sprachen Englisch und Französisch, mit dem Schwerpunkt Literatur aus »dem Süden«, v. a. aus Afrika und der Karibik. Daneben arbeitet sie als Dolmetscherin, verfasst Texte zur Übersetzungstheorie und für den Rundfunk. Sie ist Übersetzerin des kongolesischen Lyrikers Tchicaya U Tam’si, des karibischen Autors Édouard Glissant, des Tunesiers Abdelwahab Meddeb und der Algerierin Assja Djebar. 2014 erhielt sie den Internationalen Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin für ihre Übersetzung des Romans Das Rätsel der Rückkehr von Dany Laferrière.