MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.12.2021, Jamal Tuschick

Feiern, bis der Arzt kommt

„Ist das Weiche beständiger, besitzt es größere verbindende Kraft als das Harte?“ fragt Michel Serres. Gleich darauf führt er aus: „Tatsächlich gilt von allem, was existiert, dass es sich zugleich öffnet und schließt.“  

*

Um eine „richtige … Party zu vermeiden“, beginnt die mit der Autorin identische Erzählerin in der letzten Woche vor ihrem vierzigsten Geburtstag mit der kleckernden Bewirtung von Freund:innen. Die erste Vorfeier genießt Katherine an einem strahlenden Wintertag im erweiterten Familienkreis am Nordufer des Ärmelkanals in Folkestone. Gatte H. klagt über Bauchschmerzen. Katherine nimmt den Mann zunächst als Spaßbremse wahr. Ihr Mitgefühl hält sich in engen Grenzen.

„Ich gehöre zu den vielen Frauen meines Alters, deren Autismus jahrzehntelang unentdeckt blieb“, bekennt die Autorin. 

Zwei Tage später lässt sich H.s Einlieferung in ein Krankenhaus nicht mehr vermeiden. 

Katherine May skizziert eine Brückenkonstruktion vom Altruismus zum Egoismus auf dem Sockel der Erkenntnis, dass Altruismus eine Funktion des Egoismus ist. Sie schildert den Weg vom Mitleid zur eigenen Verzweiflung aus. Erst enerviert die Ehefrau das abgebrühte Personal so lange, bis man H. hilft/operiert, dann (erst) erkennt sie die Bedeutung des Patienten für ihr Überleben. Sie leidet unter der Vorstellung, „dass ich H. verlieren könnte und dann alleine weiterleben, überleben müsste“.   

Geteilter Schlaf

„Im Leben kann es Phasen geben, die sich wie Winter anfühlen.“

2001 öffnete Roger Ekirch für das Publikum ein Zeitfenster, das Jahrhunderte verschlossen war. In dem Essay Sleep We Have Lost: Pre-industrial Slumber in the British Isles publizierte er im Rahmen einer archäologischen Entdeckung die These vom divided sleep. Die erste Phase (premier sommeil/prima sonno) geistert durch die Literatur, ohne besondere Vorzeichen. Man neigt dazu, das Phänomen zu überlesen. Und doch wissen wir in unserer lichtverschmutzten Welt nicht mehr, was den ersten Schlaf von seinem jüngeren Bruder in der Zeit vor der Industriellen Revolution unterschied; dass Leute zwischen zwei Schlafschichten mitunter ihre Nachbarn besuchten, bevor sie sich wieder ins Bett legten. 

Man fand heraus, dass in den Schlafpausen der Prolaktingehalt im Blut steigt. „Offenbar haben die wachen Nachtstunden ihre ganz eigene Endokrinologie.“  

Katherine May, „Überwintern. Wenn das Leben innehält“, aus dem Englischen von Marieke Heimburger, Suhrkamp, 22,-

Katherine May bemerkt, dass wir keine Idee davon haben, was „in diesem Grenzbereich zwischen Wachsein und Schlafen“ passierte. Unsere Vorfahren könnten Erfahrungen gesammelt haben, die außerhalb unseres Horizonts liegen. Vielleicht, so die Autorin, rühre die eigene Schlaflosigkeit nicht allein von Zukunftsängsten, sondern von all dem hellen Flimmern und Pulsen, das uns wie eine zweite Luft umwirbelt. 

Aus der Ankündigung

Es gibt Zeiten, da liegt unser Leben »auf Eis« und wir fühlen uns wie aus der Welt gefallen. Durch eine Krankheit oder den Verlust eines geliebten Menschen, durch Arbeitslosigkeit. Auch ein freudiges Ereignis wie die Geburt eines Kindes kann uns aus dem Gleichgewicht bringen. Katherine May nennt diese Zeiten des Rückzugs, die ihr selbst nur allzu vertraut sind, »Winter«. Und wie auch in der winterlichen Kälte alles ruht, um Kraft für den Frühling zu sammeln, so gibt May sich dem »Überwintern« hin. Sie reist nach Tromsø zu den Polarlichtern, schwimmt im eisigen Meer, schwitzt in der Sauna und feiert das Winterfest Santa Lucia. Sie besinnt sich auf das Wesentliche und gibt sich der Ruhe und inneren Einkehr hin – bis sie sich wieder bereit fühlt, mit neuer Energie weiterzumachen.

Wir können uns unsere Winter nicht aussuchen. Aber wie wir überwintern, schon. Ein wunderbares Buch über die heilsame Kraft des Innehaltens.

Katherine May schreibt Romane und Sachbücher, u. a. über das Aspergersyndrom. Sie verfasste zahlreiche Artikel für u. a. die Times und unterrichtete Creative Writing an der Christ Church University in Canterbury.