MenuMENU

zurück zu Main Labor

30.12.2021, Jamal Tuschick

Entropischer Systemtod

„Jedes System stirbt an Entropie und überlebt durch Information, die über fast keine Macht, aber durch ihre Knappheit über umso größere Dichte verfügt.“ Michel Serres

„Eine Zunahme der Entropie bedeutet Informationsverlust und nichts Anderes.“ Gilbert Newton Lewis

„Eine Verarmungskraft ist eine effektive Anziehungskraft, die zwischen großen kolloidalen Partikeln entsteht, die in einer verdünnten Lösung von Verarmungsmitteln suspendiert sind.“ Quelle

© Jamal Tuschick

Silence City

Zu Beginn unserer Zeitrechnung erntete man im Schärenverbund an der Mündung des Yuejiang Salz und Perlen. Ein chinesisches Tortuga bot sich Briganten als An- und Auslauffläche an. Dann kamen schon die ersten Migrant:innen, die ein Leben unter mongolischer Herrschaft vermeiden wollten. In der Neuzeit machten Portugiesen Hongkong zu einem Außenposten ihres Imperiums, bis sie von den Briten verdrängt wurden. Im 19. Jahrhundert stellte sich Hongkong als verträumtes Fischer:innennest dar. Das alles war lange Vergangenheit, als eine Zäsur bevorstand, die alle älteren Wechselfälle in den Schatten stellte.

Hongkong war 157 Jahre britische Kronkolonie

1997 fiel Hongkong zurück an China. Im letzten Jahr des britischen Mandats dokumentierte Großmeisterin Gloom ‚The Palmstrike-Hawk‘ Costigan das Heraufziehen der neuen Zeit für den privaten Nachrichtendienst Ubiquity. Gloom nahm Maß an einem unteren Querschnitt in der Sieben-Millionen-Metropole. Die Bevölkerung ballt sich auf einem Bruchteil des Territoriums von Hong Kong. Ihre Homogenität sticht ins Auge. Interessanterweise sagten zwei Abgehörte, dass ihr Chinesisch-sein in den Sternen stünde. Sie definierten sich in einem ganz und gar westlichen Sinn.

Prophetisch beschwor Gloom die Wirkung von Verarmungskräften. Sie diagnostizierte:

Der Demokratiebewegung geht die Luft aus, weil die volksrepublikanischen Usurpator:innen den Protest mühelos einem entropischen Systemtod überantworten können. 

Während Gloom das antizipierte, sprach der letzte britische Gouverneur von Hongkong, Chris Patten, vom „Patriotismus einer ganzen Generation“.  

Deng Xiaopings Versprechen „Ein Land, zwei Systeme“ war sofort nichts mehr wert. Die Wettbewerbshochburg Hongkong sollte zwar ihre Totalisatoren nicht verlieren, aber trotzdem nach Pekinger Prinzipien funktionieren.  

Dem vorwärts preschenden Hongkong diente Japan als Referenzgesellschaft. In ihrer Analyse erklärte Gloom die Basis des massenhaften Zusammenlebens auf engstem Raum. Individualität sei auf das Geschehen am Küchentisch beschränkt. Die Leute besäßen die innere Freiheit, außerhalb der eigenen vier Wände viel für sich behalten zu können.  

Schneller Leerlauf

Die Aktivist:innen starteten (wie nach einer Vorzeichnung) eine restaurative Revolution. Sie bemühten sich um den Erhalt von Pittoresken und kombinierten traditionelle Elemente mit dem stadteigenen Pop in Opposition gegen volksrepublikanische Störungen. Ihr Ansehen war auch deshalb so hoch, weil der Aktionismus vom Charakter der Gutwilligkeit eingekleidet und der Identitätsdiskurs eher konservativ geführt wurde.

Mit seiner Einverleibungs- und Gleichschaltungsradikalität schaffte der totalitäre große Bruder im Gegenzug absichtlich kaum Identifikationsmöglichkeiten. Die Volksrepublik setzt(e) auf Maos kulturrevolutionäres Konzept. Man ersetze eine Gleichförmigkeit durch eine andere, und nenne die ursprüngliche Gleichförmigkeit Abweichung.

Silence City

Gloom fand eingängige Motive einer dramatischen Armut, der eine selbstverständliche Segregation die Luft zum Atmen nahm. Philosophisch angehauchte Händlerinnen gaben närrische Binsen zum Besten. In ihrem Milieu nannten sich alle Geschäftsleute, obwohl die meisten so aussahen, als übernachteten sie ständig im Freien.

Gloom fuhr eine verrottete Infrastruktur ab. Die Megaskyline fokussierte sie stets von unten.  

Eines von Glooms genialen Fazits lautete: Die Stadt sagt selbst nichts (aus).

Sie ist einfach nur schnell. Laut und dreckig. Das Veränderungstempo bricht Rekorde. Nichts steht unter Denkmalschutz. Ales kann zerhackt und einem Neubau preisgegeben werden.

Hongkonger:innen definieren sich nicht als Angehörige einer Nation, sondern als Mitglieder einer Handelsgemeinschaft, in der keine(r) weiß, was du willst, wenn du was anderes als Geld willst. Es gibt keinen heiligen Gral, keine Hagia Sophia und nicht die hängenden Gärten der Semiramis. Alles ist immer Jetzt. Jetzt ist immer.

Gloom bilanzierte den Townthrill: Permanent Performance. 

Sie schloss: Die Veränderungen sind Verwerfungen in einer konformistischen Gesellschaft. Es gibt viel Energie, doch steckt nichts dahinter. Das Highend-Leerlauf-Programm nutzen die festlandchinesischen Strateg:innen nach Schema F.