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2022-01-01 08:54:10, Jamal Tuschick

Zwischen Obsession und Compulsion

„Wir Menschen sind ... kognitiv ... weiter als ... unsere Biologie. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen der neurophysiologischen und hormonellen Grundlagen des Fight-or-Flight-Geschehens, denn sie sind in uns veranlagt.“ Bert te Wildt, Timo Schiele, „Burn On: Immer kurz vorm Burn Out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft“

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Wir pendeln „zwischen Obsession (Fixierung auf etwas Unangenehmes) und Compulsion (der Versuch, das Unangenehme zu neutralisieren)“. Roland Paulsen, „Die große Angst. Warum wir uns mehr Sorgen machen als je eine Gesellschaft zuvor“

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Philosophie „ist im Grunde darauf ausgerichtet, das meine, das Individuum in seiner Zufälligkeit, das sie denkt, auszulöschen; und infolgedessen kann nichts törichter sein als der Narzissmus von Philosophen, die ihre Gedanken als ihre reklamieren, während, je mehr ein solcher Gedanke nur der eines Individuums ist, an das Individuum gebunden bleibt, umso weniger dieser Gedanke also taugt.“ Adorno

Solar Fire & Kernvisonäre Lockdowns

„Es sind die von Wissenschaftshistorikern … so geliebten Labore, die Teilchenbeschleuniger, die Kernreaktoren bis hin zu dem verblüffenden (kernfusionären International Thermonuclear Experimental Reactor), denen es gelingt, mittels wahrhaft extremen Lockdowns einige Mikrosekunden lang Fusionen ähnlich der zu generieren, die die Sonne erstrahlen lässt.“ Michel Serres

Nach Serres produzieren die Lockdown-Experimente „Schächte, Pfützen, Isolate des Universums innerhalb der Erde“. Er beklagt die Resultate und verfrachtet sie in die Ablage für limitierte Produkte.

Bioklastischer Termitenbau

In Bruno Latours (Corona-Essay) „Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown“, aus dem Französischen von Hans-Joachim Russer und Bernd Schwibs, Suhrkamp, 16,- „steht Kafkas Figur Gregor Samsa allegorisch für unsere Situation im Angesicht von Pandemie und Klimawandel. Wir sind auf dem Erdboden der Tatsachen gelandet und haben realisiert, dass es kein Zurück in die alte, von grenzenloser Mobilität und Ressourcenraubbau geprägte Normalität geben kann. Stattdessen müssen wir uns neu in jener hauchdünnen kritischen Zone verorten, die Leben auf dem Planeten Erde ermöglicht.“

Tödliche Nachbar:innen

Plötzlich sind alle eine Gefahr füreinander

„Denn außerdem treibe ich, wie man mir unablässig wiederholt, eine Aerosolwolke vor mir her, deren feine Tröpfchen winzige Viren verbreiten, die in die Lungen geraten und meine Nachbarn töten können – sie würden in den Betten der überfüllten Krankenhäuser ersticken.“

Für das erzählende Ich, das den Autor nicht verleugnet, wurde das Leben in der Pandemie zur Heimsuchung. Latour knüpft an ältere Überlegungen. Ich skizziere:

Und dann kam die Pest im Rattenpelz der Neuzeit.

Die Pest war eine unabweisbare Invasorin. Mit staatsmännischer Gewalt ließ sie sich nicht einhegen. Solange man wenig über sie wusste, stritt der Glaube mit dem Aberglauben. Die Reaktionsreigen im Pestkontext erinnert an die Ermächtigungsinszenierungen im Zuge der Corona-Pandemie. Der Soziologe behauptet, dass wir das Europa, in dem die Pest mächtig war, vergessen müssen. Unsere Geschichte, so Latour, erklärt die Gegenwart nicht mehr. So wie die Pest ohne effektive Antagonist:innen Europa im Griff hatte, so übermächtig sei nun der Temperaturanstieg.

„Der Boden Europas hat ein anderes Wesen angenommen.“

Wir, die wir uns sesshaft finden, befänden uns längst auf der Wanderung. Sind wir so blind, wie es die Leute waren, die von der Pest überfallen wurden? Es geht nicht mehr allein darum, wer die ökonomischen Hebel bewegt. Vielmehr äußert sich die Erde selbst zu unserem Nachteil.

Sagt Latour.

Er erklärt das auf die übliche Weise mit dem Schwinden von Kräften. Die Erfinder:innen der Globalisierung werden zu Opfern der Geister, die sie riefen. Wie stets in einer Lage, die Chronist:innen barbarisch nennen, plädieren die einen für Abschottung und die anderen für Öffnung. Aufzugehen in einem größeren Verband und Teil der großen Wanderung zu werden, berührt ein menschheitsgeschichtliches Motiv, in dem Angst und Aufbruch zusammenspielen. Latour holt Hilfe bei Dostojewski, der „in der ersten Blüte des Liberalismus (erkannte, dass) rationales Denken keinen entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten“ hat.

Europa begreift das Ausmaß seiner Schwäche. Bruno Latour schreibt: „Europa … zählt in etwa noch so viel wie eine Haselnuss, die in einem Nussknacker steckt.“ „Die aufgeklärten Eliten“ verfahren nach der Harald Schmidt Devise: Für mich reicht’s noch. Früher sagte man: Nach mir die Sintflut.

Bioklastischer Termitenbau

„Mir ist, als hätte auch ich eine wirkliche Verwandlung durchgemacht. Ich erinnere mich noch, wie unschuldig ich früher mitsamt meinem Körper herumreisen konnte. Jetzt spüre ich einen langen CO2-Schweif, den ich hinter mir herziehen muss, der mir verbietet, ein Flugticket zu kaufen und wegzufliegen.“

Latour definiert die Stadt als „Exoskelett seiner Bewohner:innen“. Er rückt die pandemisch geprägte Urbanität in die Nähe von bioklastischen Termitenbauten.

Aus der Ankündigung

Als im März 2020 wegen des Corona-Virus Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, fanden sich viele Menschen wie verwandelt. Sie saßen zwischen ihren wohlbekannten Wänden und fragten sich: Was ist mit mir, was ist mit uns geschehen? Die wechselseitige Abhängigkeit von anderen wurde ihnen ebenso bewusst wie die von einer Umwelt, die längst keine natürliche mehr ist.
In Bruno Latours Essay steht Kafkas Figur Gregor Samsa allegorisch für unsere Situation im Angesicht von Pandemie und Klimawandel. Wir sind auf dem Erdboden der Tatsachen gelandet und haben realisiert, dass es kein Zurück in die alte, von grenzenloser Mobilität und Ressourcenraubbau geprägte Normalität geben kann. Stattdessen müssen wir uns neu in jener hauchdünnen kritischen Zone verorten, die Leben auf dem Planeten Erde ermöglicht.

Bruno Latour, geboren 1947 in Beaune, Burgund, Sohn einer Winzerfamilie. Studium der Philosophie und Anthropologie. Bruno Latour ist Professor am Sciences Politiques Paris. Für sein umfangreiches Werk hat er zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, darunter den Siegfried Unseld Preis und den Holberg-Preis. Zuletzt erschienen von ihm: Cogitamus (eu 38), Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen (2014) und Das terrestrische Manifest (2018).