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02.01.2022, Jamal Tuschick

Kollaps der bikameralen Psyche

Jede Existenz ist eine chaotische periodische Funktion.“ Michel Serres

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Julian Jaynes (1920 - 1997) beschreibt die Evolution des Bewusstseins als einen Prozess, in dem Sprache säkularisiert wurde. Der Riss geht durch die Antike.

Der Psychologe Julian Jaynes erklärte den Ursprung des Bewusstseins als Kollaps der bikameralen Psyche

In dieser Erzählung war vor Odysseus alles Mengenlehre und göttlicher Auftrag. Die Menschen existierten zufrieden in einem schizophrenen Zustand. Sie hörten Stimmen, die Stimmen gehörten Gött:innen. Die Gött:innen lieferten Imperative. Erst Odysseus habe die Mandatsträger für so erreichbar gehalten, dass ihre Überlistung als Möglichkeit am Horizont aufschien. Mit Homer sei das Bewusstsein zur Sprache gekommen. Soweit Jaynes These vom Ursprung des Bewusstseins aus dem Breakdown of the Bicameral Mind. Wann immer die Helden Homers im Krieg um Troja unter Stress gerieten, nahm ihnen eine innere Stimme die Last fälliger Entscheidungen ab. Laut und klar vernahmen Achill und Agamemnon Befehle aus der rechten Hirnhälfte.

Aus dem Spiegel/Dez. 1988: „Heute hört nur noch die archaische Nachhut der Schizophrenen die Botschaft aus dem Rechtshirn; beim Normalmenschen herrscht dort Funkstille.“ Quelle

Soziale Schwerkraftverluste

In ihrem Debüt erzeugt Ariane Koch Stimmungen, die an vorbewusste Einordnungen sozialer und psychologischer Phänomene erinnern. Das erzählende Ich deliriert durch seine Zustände ohne einen zentralperspektivischen Maßstab. Widersprüche grassieren im Orientierungsdesaster. Die soziale Schwerkraft scheint aufgehoben. 

„Der Gast ist sehr allein mit mir.“

Mit dieser Ansage steigt die Erzählerin in die Arena. Macht sie den Gast zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Experiments? Zumindest erlaubt sie diese Lesart ihres Verhaltens.

„Er soll mein wissenschaftliches Experiment werden, meins allein. Ich müsste ihn nur genügend füttern und wissen lassen, dass ich die Hausherrin bin.“  

Ariane Koch, „Die Aufdrängung“, Roman, Suhrkamp, 14,-

Die Erzählerin abstrahiert ihre Erfahrungen und unterlegt die Verallgemeinerungen den zaghaften Routinen des von ihr wie einen Probanden beobachteten Gastes. 

„Anfangs gibt man sich noch Mühe und putzt die Zähne und klappt die Klobrille wieder hinunter. Anfangs tut man noch so, als wäre man nur auf der Durchreise und zöge bald von dannen.“

Der Gast oszilliert zwischen Mammut und Hippie. Mit „verblendetem Gesicht“ nimmt er zur Kenntnis, was er gleich wieder vergisst. Er vollendet sich in butleresker Diensteifrigkeit. Seine Herrin weiß keinen Grund für ihre Klage, die gleichwohl aus dem Parlando ein Lamento macht.

Aus der Ankündigung

Eine junge Frau fristet ihr Dasein in einem zu großen Haus in einer zu kleinen Stadt neben einem dreieckigen Berg. Als dort ein Gast auftaucht, nimmt sie ihn kurzerhand bei sich auf. Der Gast ist ihr so vielversprechend neu wie fremd und wird schnell zum einnehmenden Mittelpunkt, aber auch Opfer inquisitorischer Machtfantasien. Bis er den Fängen der zunehmend obsessiven Hausherrin schließlich entkommt und sie selbst, wieder allein, eine lang ersehnte Reise antritt und nun ihrerseits zur Gästin wird.

Die Aufdrängung ist ein wunderbar eigensinnig erzählter Roman, der Fragen nach dem Bekannten und Unbekannten, nach Herkunft und Heimat, nach Assimilation und Integration, nach Privatsphäre und Gastfreundlichkeit stellt. Ein Debüt, dessen Lust am Fabulieren und Fantasieren mitreißt.

Ariane Koch, geboren 1988 in Basel, studierte u. a. Bildende Kunst und Interdisziplinarität. Sie schreibt – auch in Kollaboration – Theater- und Performancetexte, Hörspiele und Prosa. Die entstandenen Texte wurden vielfach aufgeführt und ausgezeichnet. Die Aufdrängung ist ihr Debütroman.