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02.01.2022, Jamal Tuschick

Optimismus ist nur ein Mangel an Information

Das Gift knallte sofort durch die Blut-Hirn-Schranke. Wladimir behauptete, der Heinermüllersatz „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“ sei in Wahrheit von Billburroughs. Joe kannte eine Steigerung zu der Herabsetzung. „Sei wie das Wasser“ sei in Wahrheit gar nicht von Bruce Lee, sondern von Miyamoto Musashi. Das war starker Tobak. 

Symbolbild © Jamal Tuschick

Heloten des Ostens

„Im Herzen ein totes Deutschland, sitzt er/ Unter der Sonne wie ein alter Schnee.“

Eben in der Welt gesehen: „In der gegenwärtigen Nato-Russland-Krise müssen sich die Nato-Partner fragen, ob sie nicht selbst dazu beigetragen haben, den Gegner ins Leben zu rufen, den sie jetzt zu fürchten haben.“ Quelle

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Die westliche Perspektive auf die Entzauberung des Warschauer Pakts geht von einer historischen Konsequenz aus, die Putin wie ein Kaugummi in die Länge zieht. In der Verlängerung triumphiert der aus Schaden klug gewordene Verlierer über die 89er-Sieger.

Das ist eine narrative Leistung nicht zuletzt. Für die Russ:innen war das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende schwerer als eine konkrete Nachkriegszeit. Es wurde gestorben „wie in einem offenen Krieg“.

„Man schätzt, dass allein in Russland zwischen 1989 und 1995 1,3 bis 1,7 Millionen Menschen vorzeitig starben.“ Vor allem Menschen mittleren Alters erlagen „psychischem Stress“ in Prozessen, die das Überkommene finalisierten.

Winner Take Nothing - Der Sieger geht leer aus

So heißt eine Sammlung Kurzgeschichten von Ernst Hemingway. Ivan Krastev und Stephen Holmes versäumten es, mit dem Titel zu punkten. Er überschreibt perfekt Putins Psychogramm in ihrer „Abrechnung“ „Das Licht, das erlosch“, aus dem Englischen von Karin Schuler, Ullstein, 366 Seiten 26,-

Putin erkennt den westlichen Kanon nicht an. Er hält die Sieger der Geschichte für korrupter und amoralischer als die Heloten des Ostens mit ihrem herausposaunten oder unter den Teppich gekehrten Egoismus/Zynismus. Er argumentiert wie Heiner Müller, der sagt:

„Was der Sozialismus (aka die 89er-Verliererin) hinter sich hat, das hat der Kapitalismus (aka 89-Sieger) noch vor sich.“

In einem Gedicht von Heiner Müller geistert ein „alter Chirurg“ herum, der „für die Touristen … wie Hemingway“ aussieht.

„Im Herzen ein totes Deutschland, sitzt er/ Unter der Sonne wie ein alter Schnee.“

Seinen Traumspeerfisch sucht er auf einem Glasboden. Ich glaube, HM hat gern Hemingway gelesen. Das Ranzige und der Machomoder arbeiteten sich zwar zu Lebzeiten von Mr DDR („Du kannst DDR zu mir sagen“) durch die Filter der Wahrnehmung, doch ließ sich das (in beiden deutschen Staaten) einfach ignorieren. Irgendwo beschreibt Hemingway einen Kampf in karibisch-maritimem Milieu. Die Gegner könnten nicht ungleicher sein. Der eine verkörpert die Gewalt im Kolossal, der anderer erscheint als Zausel im Zenit der Geringfügigkeit. Der Zausel gewinnt. Das ist die Moral von der Geschichte. Hemingway empfiehlt, bei sich anbahnendem Ärger jene vor allem zu beachten, die frei von allen Anzeichen der Grandiosität dem Geschehen beiwohnen. Da sitzt die Gefahr, wo sie unscheinbar wirkt. So trickst die Evolution mit kleiner Stimme und laufendem Rotz zum Beispiel. Ein Kindergartenschwarm im freien Lauf kann, richtig eingesetzt, größeren Schaden anrichten als ein Ringverein. Das Dilemma veranschaulicht ein Gazetten-Titel: Bubis verprügelten Mann

Man sollte das nicht falsch verstehen im Sinne von Mann beißt Hund.