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04.01.2022, Jamal Tuschick

„… irgendwer hat immer fotografiert …“

© Jamal Tuschick

Pressetext

Die Ausstellung „… irgendwer hat immer fotografiert …“ wird von der Stiftung Reinbeckhallen Sammlung für Gegenwartskunst realisiert und ist mit Mitteln der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Das Deutsche Historische Museum ist Kooperationspartner beim Dokumentationsprojekt Biografie und Geschichte. Private Fotografie in Ostdeutschland 1980–2000 und wird im Anschluss ausgewählte Fotografien und Alben in seine Sammlung aufnehmen. Die Ausstellung wird kuratiert von Dr. Friedrich Tietjen in Zusammenarbeit mit Marit Lena Herrmann, Dr. Katja Müller-Helle und Student*innen der Humboldt-Universität zu Berlin.

„Der Schubladenfotograf“ - Ein Reflex auf den Glossar zur Ausstellung

Die Legende sagt aus: „Das Bild war nie Gegenstand einer Erzählung. Es erinnert sich niemand mehr an den Nachmittag (der Aufnahme).“

Man sieht zwei Kinder im Garten verkehrt herum auf einer Bank sitzen. Sie tragen Anoraks. Es könnte Frühling sein. Oder Herbst. Ein langer Schatten droht dem Sonnenflecken im Rücken der Fotografierten. Eine Mauer grenzt das Geschehen ab und gibt ihm die private Note, die das Dokument in der Retrospektive zur Memorabile dann doch nicht macht.

Einer der Porträtierten erinnert sich „vage … an den Geruch des gummierten Baumwollstoffes unserer Jacken“. Er recherchiert den Impuls, der den Schnappschuss auslöste.

„Gedichte wie Schnappschüsse“, hieß eine lyrische Devise, die zum Rock’n’Roll aufschließen sollte. Daran erinnert mich der ebenso eingefrorene wie abgesunkene Augenblick und das beinah rührende Begehren des involvierten Betrachters, der Sache Bedeutung zu geben. Die Feststellung einer Bedeutung entspräche genau dem Aufwertungsvorgang, der nicht stattfindet. Alle Imagination und jeder Wille zum Symbol und zur Metapher verfehlen das Ziel. Das Bild markiert keine biografische Erhebung. Die Belanglosigkeit aber ist das eingefrorene Glück. 

Die Feststellung einer Entfremdung

Ein Paar in Badesachen am Ufer. Sie sitzt auf Steinen. Er sucht seine Position im Verhältnis zu seiner Bequemlichkeit und nicht im Verhältnis zu ihr. Trotzdem könnte die Legende

„Margit Sch. und Klaus D., kurz nachdem sie ihre Trennung beschlossen hatten“

(nach einer Spekulation im Glossar) ironisch gemeint gewesen sein.

Ich liefere die Copyrightangaben: Dieter Hacker: Der Schubladenfotograf in: Volksfoto – Zeitung für Fotografie, Nr. 1, 1976, S. 5 – 15.

Die Unterstellung eines auflockernden Charakters der Unterschrift basiert auf offensichtliche Blindheit. Klaus interessiert sich nicht für Margit. Sein Geltungsdrang treibt ihn in den Vordergrund, während Margit sehr wohl auf Klaus reagiert. Sie hält Körperkontakt. Ihre Partien neigen seinen zu. Er lässt sich das höchstens gefallen.

Beide zeigen Frisurenehrgeiz. Margit trägt eine Brille, die sie beinah vollständig bekleidet erscheinen lässt. Das Paar suggeriert einvernehmlich, kein typische Badeseevergnügen anzustreben. Vielmehr sieht das Arrangement wie eine Inszenierung von Freizeit aus.  

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„1976 gründeten Andreas Seltzer und Dieter Hacker die Fotozeitschrift VOLKSFOTO – Zeitung für Fotografie, welche für sieben Mark pro Heft erhältlich war. Insgesamt erschienen sechs Ausgaben, die unter Mithilfe von Gastbeiträgen und eingesandten sowie öffentlichen Fotografien entstanden. In diesen wurde das Thema der Amateurfotografie vor allem in Abgrenzung zur professionellen Fotografie diskutiert und anhand von Artikeln über politische Fotografie …“ Quelle

„Der Trabi unter den Kameras“*

© Jamal Tuschick

*„Der Trabi unter den Kameras“ Quelle

Das Gehäuse der Pouva Start entstand im Spritzguss aus Bakelit. Produziert wurde die Mittelformat-Kamera ab 1951 in der DDR von Karl Pouva. Verkaufspreis 16,50 Mark. 1,7 Millionen Mal wurde die Kamera verkauft, vor allem an und für Jugendliche. 

Weiter aus dem Pressetext

In den Jahren zwischen 1980 und 2000 wurden in Ostdeutschland zahllose Fotografien aufgenommen, in Alben montiert, allein oder mit Verwandten und Bekannten angeschaut und Geschichten dazu erzählt. Viele der Bilder gleichen sich. Die Alben schon weniger. Und die Geschichten zu den Bildern und den Alben könnten verschiedener oft kaum sein.

Die Forschungsausstellung geht auf das seit Anfang 2020 laufende Dokumentationsprojekt Biografie und Geschichte. Private Fotografie in Ostdeutschland 1980–2000 zurück. In mittlerweile mehr als 50 Albengesprächen erzählten Albenbesitzer*innen, welche Rolle die private Fotografie für sie vor, während und nach dem Untergang der DDR spielte. Von den dramatischen Ereignissen im Herbst 1989 gibt es zwar relativ wenig private Aufnahmen. Doch umso eindrücklicher lässt sich in den Alben verfolgen, wie mit der Fotografie die Gemeinschaftlichkeit von Familien, Arbeitsbrigaden, Jugendcliquen und anderen Gruppen hergestellt, organisiert und manchmal über alle gesellschaftlichen Brüche hinweg erhalten und stabilisiert wurden. Denn dass ein politisches System verschwindet und ein neues etabliert wurde, wird in diesen Alben allenfalls in Details sichtbar: Man posierte nicht mehr stolz neben einem Trabant, sondern neben einem Golf. In manchen Urlaubsalben wird die Ostsee von Mallorca verdrängt; in anderen stehen Jahr um Jahr die gleichen Zelte am selben Strand. Und viele Fotograf*innen wechselten von der Schwarz-weiß- zur Farbfotografie, was meist ökonomische Gründe hatte – es war preiswerter, die Filme den neuen Drogerieketten zu übergeben, als sie in den heimischen Dunkelkammern abzuziehen.