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2022-01-04 10:00:04, Jamal Tuschick

Die Königin von Saba hieß bürgerlich Duarte de Martinez. Sie zählte zum Küchentross von Salvador Allende. Als jener, entmachtet von Pinchot, sich 1973 gezwungen sah, an einem „historischen Scheideweg“ (Isabel Allende) seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols geben, glückte Duarte de Martinez die Flucht nach Deutschland. Sie zählte zu den Allende-Chileninnen, die im Westen landeten. Die enthusiastisch-sozialistische Köchin heuerte in der Burggaststätte des sagenhaften Otto Wundersamen an und wurde bald seine Geliebte. In drei Reihen drängten sich Männer am Buffet, um die wie auf einer Bühne hochfahrende, dramatisch rauchende „Indianerin“ zu bestaunen. Stammgäste gaben ihr dann auch den Namen Königin von Saba. © Jamal Tuschick

Die Königin von Saba

Die Stadt wird von Stimmungen regiert, die sich an den Übergängen zwischen ihren Vierteln ablösen wie Staffelläufer. In Bornheim fällt das Licht anders auf die Straßen als im Nordend.

Im Gedächtnis der Leute ist Bornheim ein Quartier, in dem das bäurische Element wie durch eine Drainage in den proletarischen Acker rann. Heute muss man diese soziale Melange mit Wohlstand und Heimlichkeit zusammen denken. Der Einheimische hat sich aus dem Erscheinungsbild seines Verbreitungsgebiets zurückgezogen. In der zugezogenen Menge auf der Berger Straße geht er unter. Die von ihm behaupteten Provinzen verbergen sich hinter Schildern aus Unauffälligkeit. Touristen könnte er viel erzählen, nur wozu. Allein auf der Eulengasse, dem großen Kopf eine kritische Miene angehängt, der Schritt schwer von der Last über den unteren Extremitäten, hält man ihn für ungesellig. Trifft man ihn aber unter seinesgleichen, entsteht ein anderes Bild.

Die Königin von Saba* gehört zum Spiel der schwankenden Verhältnisse. Sie findet sich in der Sportgaststätte im Prüfling ein. Der Wirt betreibt sein Geschäft als Herzensangelegenheit. Er heißt Hans Bamberger und ist gelernter Metzger. Der Königin wird zum Vorwurf gemacht, dass der sich so lang nicht gezeigt hat.

„Ich war krank“, sagt sie. Ihre Auskunft zieht Häme nach sich, so einfach kann das Leben sein. Die Königin stellt die Ellenbogen auf die Theke, gibt das Kinn an die Hände, ewig könnte sie so verweilen. Sie interessiert, ob die kleine Kneipe in der Turmstraße schon wieder neu eröffnet wurde. Sie befleißigt sich völlig überflüssiger Ortsangaben. Sie muss alles aufzählen, was zwischen der Sportgaststätte und der Turmstraße bemerkenswert ist. Herr Bamberger unterstützt sie mit zusätzlichen Feststellungen. Er könnte mit der Königin so weit gehen, nachzusehen, wo der Asphalt auf der Rendeler Straße Schaden genommen hat, um später über die Ursachen zu spekulieren.

Zurzeit heißt die Kneipe in der Turmstraße Turmstübchen. Sie hieß auch schon Turmbistro. Der Königin fallen die alten Namen nicht ein. Sie bestellt Malteser, drei Doppelte auf einmal. Weil nur zwei große Schnapsgläser im Eisfach sind, werden vier Gläser vor ihr aufgestellt. Sie betrachtet die Reihe mit Wohlgefallen. Sie sucht das Gespräch mit dem schwulen Rentnerpaar, der Verrückten, die jeden wie einen Vormund anspricht, dem Briefträger, dessen kleinbürgerliche Fassade seit Jahren stündlich zusammenbrechen kann, und der mit siebenundvierzig noch so unangetastet wie eine Abiturienten wirkenden Frau hinter der Theke. Sie sieht bourgeois aus, ist das aber nicht.

Die Königin ist zufrieden, dass auch an dieser Stelle alles beim Alten geblieben ist. Jedes Mal, wenn sie ein Glas hebt, bringt sie einen Trinkspruch aus.

Auf dem Messeplatz steht ein Riesenrad. Die Königin möchte es mit bloßen Händen in Schwung bringen. Sie könnte sich in den Bornheimer Hang eingraben ... einem modernen Menschen so unähnlich wie möglich.

Im Ostpark machen Schwäne Jagd auf Hunde. Die alten Frauen aus dem Riederwald sind immer noch am Leben. Die Königin erweitert den Kreis an einem Wasserhäuschen.

Der Anblick eines Paares verschlingt ihre Aufmerksamkeit. Sie sieht Otto mit einer Frau. Das ist Jana, aber wem sage ich das.

*Bürgerlich heißt die Königin von Saba Duarte de Martinez. Sie zählte zum Küchentross von Salvador Allende. Als jener, entmachtet von Pinchot, sich 1973 gezwungen sah, an einem „historischen Scheideweg“ (Isabel Allende) seinem Leben die Bedeutung eines nationalen Symbols geben, glückte Duarte de Martinez die Flucht nach Deutschland. Sie zählte zu den Allende-Chileninnen, die im Westen landeten. Die enthusiastisch-sozialistische Köchin heuerte in der Burggaststätte des sagenhaften Otto Wundersamen an und wurde bald seine Geliebte. In drei Reihen stauten sich Männer am Buffet, um die wie auf einer Bühne hochfahrende, dramatisch rauchende „Indianerin“ zu bestaunen. Stammgäste gaben ihr dann auch den Namen Königin von Saba.