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2022-01-05 09:11:21, Jamal Tuschick

„Wir starben nicht an jenem Tag im November 1972.“

Aus einem Spiegel von 1972

„Über dem nördlichen Teil Südvietnams hingen tiefe Regenwolken. Nur wenige US-Piloten wagten es, ohne Bodensicht mit ihren Jagdbombern auf die Nationalstraße 1 zwischen Đồng Hà und Quảng Trị hinabzustoßen. Sie wurden durch ein atemberaubendes Panorama entschädigt.

Denn unten pirschten keine Guerillas auf Dschungelpfaden. Unten rollte vielmehr eine gepanzerte, mechanisierte Armee in langen, dichten Kolonnen: Panzer und gepanzerte Mannschaftswagen, Lkw, Amphibien-Fahrzeuge, Flak-Raketen auf fahrbaren Abschußrampen, Flug- und Panzerabwehr-Kanonen und Artillerie.“ Quelle

Zitternd wie junges Laub

Huo̓ng hört auf den Spitznamen Guave. So nennt eine Großmutter, die im vietnamesischen Ahnenreich vernehmbar vor sich hin munkelt, die Enkelin. Auf der 2012er-Gegenwartsleiste des Romans erinnert sich Huo̓ng an amerikanische Luftangriffe, denen die Zivilbevölkerung schutzlos ausgeliefert war.

Nguyễn Phan Quế Mai, „Der Gesang der Berge“, Roman, aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Suhrkamp, 23,-

Die US-Streitkräfte antworten auf eine nordvietnamesische Bodenoffensive mit Luftschlägen. Die Operation Linebacker desavouiert die US-Propaganda. Die Weltmacht kämpft schon lange nicht mehr gegen eine Waldläufer:innenmiliz, die Schrapnellsplitter wie Faustkeile einsetzt; so zurückgebombt in die Steinzeit.

Einst versprach der amerikanische Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay, „Vietnam in die Steinzeit zu bomben.“

Die Vietnamesische Volksarmee verfügt nun über Panzer, Amphibienfahrzeuge und Raketen auf mobilen Rampen.

Aus einem Spiegel von 1972

„Amerikas elf Jahre alter Vietnamkrieg (ist) unversehens wieder jung und abermals gänzlich anders: Das zerbombte, 'wirtschaftlich angeblich schwer notleidende Nordvietnam (geht) zum operativen Bewegungskrieg mit konventioneller Kampfführung über'.“ Quelle

Eine Szene Anfang der 1970er Jahre

„In dem Moment zerstört eine Sirene unseren Augenblick des Friedens. Aus einem Lautsprecher, der an einem Baum befestigt ist, schallt eine Frauenstimme: »Achtung, Bürger! Achtung, Bürger! Amerikanische Bomber im Anflug auf Hà Nô. Entfernung einhundert Kilometer.“

Die Großmutter und ihre Enkelin rennen um ihr Leben. Sie klappern die provisorischen Bunker ab. Das sind vollgelaufene und voll besetze Kuhlen im Lehm.

Am nächsten Tag setzt die Evakuierung der städtischen Bevölkerung ein. Hu'o'ng und ihre Großmutter wandern in die Provinz Hòa Bình, um da in einem Dorf gleichen Namens einen Platz bei alten Bauern zu finden.

„Dort werden uns die Bomben nicht finden.“

Das erklärt die Großmutter, eine keineswegs greise Lehrerin mit volkserzieherischem Ehrgeiz.

„Der Krieg zerstört vielleicht unsere Häuser, aber unseren Mut kann er nicht brechen.“

Die Geflüchteten schlafen auf dem Fußboden im Wohnzimmer des Ehepaars Tùng. Angriffen entgehen sie in einer Höhle. Hu'o'ng bannt das Grauen des Luftterrors in märchenhaft metaphorischen Bildern.

Riesige Metallvögel (donnern) über uns hinweg.“

Aus der Ankündigung

Hu'o'ng wächst bei ihrer Großmutter auf, mitten im vom Krieg gebeutelten Hanoi der frühen 1970er Jahre. Der Vater ist auf den Schlachtfeldern verschollen, ihre Mutter folgte ihm in der Hoffnung, ihn zu finden. Und die Großmutter erzählt Hu'o'ng an den vielen langen Abenden die Geschichte ihrer Familie, eine Geschichte, die in Frieden und Wohlstand ihren Anfang nimmt, aber im Zuge fremder Besatzung, Landreform und Krieg eine Geschichte von Vertreibung, Flucht und unsäglichem Leid wurde. Doch die Frauen ihrer Familie sind stark und entschlossen, dem Schicksal eine lebenswerte Zukunft abzutrotzen.

Ein Familienepos, das ein ganzes Jahrhundert atmet, die bildgewaltige Geschichte eines leidgeprüften Volkes, ein beeindruckender historischer Roman, erzählt von einer vietnamesischen Autorin – so hat man von Vietnam im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht gelesen.

Zur Autorin

Dr. Nguyễn Phan Quế Mai wurde 1973 geboren und erlebte als Kind und Jugendliche die Folgen der Zerstörung ihres Landes durch den Vietnamkrieg. Sie studierte mittels eines Stipendiums in Australien und Großbritannien. Sie hat elf Bücher auf Vietnamesisch und Englisch publiziert, darunter Belletristik und Lyrik ebenso wie Sachbücher. Der Gesang der Berge ist ihr erster Roman in englischer Sprache und ein mehrfach preisgekrönter internationaler Bestseller. Sie lebt derzeit mit ihrer Familie in Bishkek, Kirgisistan und verbringt regelmäßig viel Zeit in Vietnam.