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05.01.2022, Jamal Tuschick

KUNST & HALLEN. KUNSTSINN ÜBER MAUERN HINWEG. Die Kunsthalle Rostock in den Reinbeckhallen

Kunst ohne Auftrag

„Und so reißen Medien, Fernsehen, soziale Netzwerke, Bildschirme aller Art all die Zeremonien an sich, die im archaischen Polytheismus die Massen verhexten.“ Michel Serres

*

Heiner Müller zitiert Lion Feuchtwanger, um sein Interesse an Zement* zu begründen:

„Was mich an der Geschichte interessiert, ist das Feuer, nicht die Asche.“

So geht es mir auch. Das Nachbrennen der DDR in den Emanationen eines historisch-materialistischen Widerhalls widerspricht subkutan jeder Kunst ohne Auftrag.

*1927 schreibt Walter Benjamin: „Fjodor Wassiljewitsch Gladkow hat in Russland Epoche gemacht. Sein Hauptwerk Zement war der erste Roman aus der Periode des Wiederaufbaus. Alsbald wurde die Umwelt, die er darin aufstellt, Schauplatz; von der Prosa aus eroberte sie die Bühne, auf der Zement sich nun seit Monaten behauptet“. Wie stets in utopischen Märchen des sowjetischen Anfangs: zeigt sich in Zement ein zur Rückständigkeit tendierender Mann aus dem Volk. 

*

„Manchmal wenn ich meine Privilegien geniesse / Zum Beispiel im Flugzeug Whisky von Frankfurt nach (West) Berlin / Überfällt mich, was die Idioten vom SPIEGEL meine / Wütende Liebe zu meinem Land nennen“ HM

1973 führt Müller aus:

„Ich wäre froh, wenn „Zement“ begriffen würde als ein Beitrag gegen die politische Weltverschmutzung durch antisowjetische Propaganda; die Darstellung der Kämpfe und Mühen von gestern als eine Ermutigung im heutigen Klassenkampf; die Helden des Stücks als Vorbilder, die nicht in allem vorbildlich sind: Man kann von ihnen auch noch lernen, das und das besser zu machen als sie.“

Müller weiter:

„Was im ersten Jahr Provokation ist, ist im zweiten Jahr Repräsentation und im dritten die Erfüllung.“

Repräsentation ist ein Schlüsselbegriff bei Müller. Repräsentation führt zu Selektion. Darunter macht es Meister Müller nie, wenn er auch noch so pleite ist und weiter nichts zur Verfügung steht als der Deputatschnaps. Den kriegt der wegen einer Müllersache relegierte Tragelehn 1961 zu seiner Bewährung. Müller nimmt den Schnaps und überlässt Tragelehn die Werktätigkeit.

Thomas Florschuetz, ohne Titel (Palast der Republik), 2006/07 © Jamal Tuschick

„Der Palast der Republik, in dem sich das Parlament der DDR befand und der als zentraler Ort für Kulturveranstaltungen genutzt wurde, wurde seit Anfang 2006 schrittweise abgebaut ... Zum Zeitpunkt der Aufnahmen erinnert nur noch ein nacktes Stahlgerippe in der Mitte Berlins an den Palast der Republik ... Thomas Florschuetz fotografierte im März 2006 im bereits ruinösen Gebäude.“ Quelle

Aus dem Pressetext

Für diese Ausstellung reisen Werke aus dem Bestand der Kunsthalle Rostock nach Berlin in die Reinbeckhallen. Die Themen Ausstellungspolitik, die eigene Sammlung und insbesondere ihr Dialog mit dem Berliner Kunstleben werden aus Sicht beider Institutionen beleuchtet.

Ausgangspunkt der Ausstellung sind Objekte aus der Sammlung der Kunsthalle Rostock: Gemälde, Skulpturen, Druckgrafiken und Fotografien, von 1908 bis heute. Aber auch Einrichtungsgegenstände und die dokumentarische Präsentation von realisierten Ausstellungen geben einen Eindruck vom Programm und der Atmosphäre der Kunsthalle Rostock wieder.

Norbert Bisky, Tunnel, 2012 © Jamal Tuschick

Andreas Mühe, Beispiel aus der Hagiographie Biorobotica © Jamal Tuschick