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07.01.2022, Jamal Tuschick

Search & Destroy

„Wir starben nicht an jenem Tag im November 1972.“

Aus einem Spiegel von 1972

„Über dem nördlichen Teil Südvietnams hingen tiefe Regenwolken. Nur wenige US-Piloten wagten es, ohne Bodensicht mit ihren Jagdbombern auf die Nationalstraße 1 zwischen Đồng Hà und Quảng Trị hinabzustoßen. Sie wurden durch ein atemberaubendes Panorama entschädigt.

Denn unten pirschten keine Guerillas auf Dschungelpfaden. Unten rollte vielmehr eine gepanzerte, mechanisierte Armee in langen, dichten Kolonnen: Panzer und gepanzerte Mannschaftswagen, Lkw, Amphibien-Fahrzeuge, Flak-Raketen auf fahrbaren Abschußrampen, Flug- und Panzerabwehr-Kanonen und Artillerie.“ Quelle

*

Am 9. Oktober 1967 beschreibt Uwe Johnsons Lieblingsfigur und Alter Ego, die in New York lebende Mecklenburgerin Gesine Cresspahl, ein Zeitungsfoto, das dem kollektiven Gedächtnis eingespeist wurde. Ein Kind weiblichen Geschlechts treibt einen abgeschossenen US-Piloten vor sich her durch den Dschungel. Der junge Mann lässt den Kopf hängen „als seien ihm die Nackensehnen gerissen“ (Jahrestage). 

Das Bild kennen wir alle, selbst wenn wir es nicht gesehen haben. Es zeigt die wahren Machtverhältnisse in Vietnam. Die Amerikaner sehen nur wie Sieger aus. Sie müssen gewinnen, das können sie nicht. Die nordvietnamesischen Streitkräfte gewinnen, indem sie nicht verlieren. Sie haben dazu keine Alternative. Das macht die Sache leicht. 

Das Bild sagt das auf eine verstörend konkrete Weise auch noch als unsichtbares Klischee.

*

1965 geht man präsidial zum Prinzip Search and Destroy über. Den Erfolg der Taktik misst der Body Count. US-Verteidigungsminister Robert McNamara plädiert für möglichst viele feindliche Leichen zum Beweis der Effektivität von Search and Destroy. Daran denke ich, während ich eine Zahl verarbeite. Die New York Times behauptet, von 1961 – 1967 seien bei Kampfhandlungen in Vietnam 13.365 Bürger gefallen. Die Angabe überspielt den Umstand, dass Amerikaner seit 1955 in Vietnam mitmischten. Sie lösten Frankreich in der Rolle der Fehlermacherin ab. 1967 machen die Vereinigten Staaten schon so lange Fehler in Vietnam, wie das Tausendjährige Reich währte.

Das Fehlermachen kommt sie nicht teuer genug zu stehen. Das erklärt alles. Komplizierter ist es nicht. Sie können einen Zug nach dem nächsten in den Dschungel schicken, Anhöhen erobern und die Kuppen wieder aufgeben. Solange die Idee grassiert, die Frage nach dem Sinn könne vor Ort nicht geklärt werden, ist das Augenfällige egal.  

Vorübergehend verwaist

Die Großmutter unterweist die vorübergehend verwaiste Enkelin in ihrer Familiengeschichte. Zwar schimmert die Vergangenheit wie Gold und Seide. Weitreichend und tiefsinnig erscheint Hu'o'ng der biografisch-antike Grund ihrer Existenz. Doch vollzieht sich das Schöne auf einer Folie der Unfreiheit. Das französische Kolonialregime bestimmt die Regeln zurzeit der großmütterlichen Jugendblüte.

Als emanzipierte junge Frau entscheidet sich die Erzählerin für einen attraktiven und vom Gleichberechtigungsgedanken beseelten Gatten, der dannHu'o'ngs Opa werden darf, ohne indes davon noch all zu viel mitzukriegen.

Zum Umgebungsbild

Ständig treiben die Sirenen Hu'o'ng und ihre Oma aus ihrer Notunterkunft in die Bunker. Oft sind das bloß vollgelaufene Gräben. Das Brackwasser schwitzt Fäulnis. Es stinkt nach Lilien. Gespenster aus Nässe hängen leger wie Orang-Utans in Bäumen. Feuerschiffe streichen über Wipfel, ihre Flügel segeln. Feuerschiffe - fliegende Kanonenboote – Gunships.

Jemand ruft: „Hoan ho hoa binh“ – Es lebe der Frieden.

„Giang Song“ sagen Vietnames:innen zu ihrer Heimat – Berg und Fluss.   

Über den Köpfen der bombardierten Bevölkerung könnten Kameras an Bord einer Lockheed YO-3, einem ultraleisen Flugzeug, near-silence, das Geschehen am Boden dokumentieren. Sie filmten dann eine Kraterlandschaft mit unschönen Grüßen der B-52.

Die Anspannung verwandelt versehrte Palmen und Mangobäume in zugespitzte Totempfähle.

Nguyễn Phan Quế Mai, „Der Gesang der Berge“, Roman, aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Suhrkamp, 23,- 

Die Großmutter bricht mit einer Tradition, als sie 1937 ihren Bräutigam Hùng als Ehemann in ihrem Elternhaus einquartiert. 1940 kommt Hu'o'ngs Mutter Ngọc, als erste Tochter und zweites Kind ihrer Mutter zur Welt. Noch während des Zweiten Weltkriegs bricht die Tapfere & Tüchtige ohne die von ihr gegründete Familie, wenn auch im Tross der eigenen Eltern nach Hà Nôi auf, wo sie größere Aufgaben erwartet. Unterwegs gerät sie zwischen zwei japanische Einheiten. Vor ihr steht der Feind, und hinter ihnen brennt das Dorf ihrer Herkunft.

Da endet das erste Kapitel des zweiten Erzählstrangs. Die Geschichte wiederholt sich für die vom Kampf geprägte Aktivistin einer Generation ungefähr auf halber Strecke zwischen der französischen Übernahme im 19. Jahrhundert und der Befreiung Vietnams in den 1970er Jahren.     

Blauer Friedenshimmel

In einer Atempause zwischen Angriffen wundert sich Hu'o'ng über den blauen Friedenshimmel gleich nach einer Attacke. Sie bedenkt die großmütterliche Weisheit:

„Trong cái rủi có cái may - In jedem Unglück steckt ein Glück.“

Das Sprichwort tröstet in prekärer Lage. Die Ausgebombten campieren auf der Erde in dem gewaltsam umgepflügten Garten. Oma sattelt von Lehrerin auf Händlerin um. Ihre neuen Aufgaben erzwingen solitäre Mobilität. Omas Angst um die Enkelin entkräftigt jene mit Techniken, die unter dem Begriff „Kick-Poke-Chop“ kursieren. Im Netz finde ich dazu den passenden Titel “Kick the groin, poke the eyes, chop the neck to save your life”. Quelle

Carpet Bombing

Huo̓ng hört auf den Spitznamen Guave. So nennt eine Großmutter, die im vietnamesischen Ahnenreich vernehmbar vor sich hin munkelt, die Enkelin. Auf der 2012er-Gegenwartsleiste des Romans erinnert sich Huo̓ng an amerikanische Luftangriffe, denen die Zivilbevölkerung schutzlos ausgeliefert war. 

Die US-Streitkräfte antworten auf eine nordvietnamesische Bodenoffensive mit Luftschlägen. Die Operation Linebacker desavouiert die US-Propaganda. Die Weltmacht kämpft schon lange nicht mehr gegen eine Waldläufer:innenmiliz, die Schrapnellsplitter wie Faustkeile einsetzt; so zurückgebombt in die Steinzeit. 

Einst versprach der amerikanische Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay, „Vietnam in die Steinzeit zu bomben.“ 

Die Vietnamesische Volksarmee verfügt nun über Panzer, Amphibienfahrzeuge und Raketen auf mobilen Rampen.  

Aus einem Spiegel von 1972

„Amerikas elf Jahre alter Vietnamkrieg (ist) unversehens wieder jung und abermals gänzlich anders: Das zerbombte, 'wirtschaftlich angeblich schwer notleidende Nordvietnam (geht) zum operativen Bewegungskrieg mit konventioneller Kampfführung über'.“ Quelle  

Eine Szene Anfang der 1970er Jahre

„In dem Moment zerstört eine Sirene unseren Augenblick des Friedens. Aus einem Lautsprecher, der an einem Baum befestigt ist, schallt eine Frauenstimme: »Achtung, Bürger! Achtung, Bürger! Amerikanische Bomber im Anflug auf Hà Nô. Entfernung einhundert Kilometer.“

Die Großmutter und ihre Enkelin rennen um ihr Leben. Sie klappern die provisorischen Bunker ab. Das sind vollgelaufene und voll besetze Kuhlen im Lehm.

Am nächsten Tag setzt die Evakuierung der städtischen Bevölkerung ein. Hu'o'ng und ihre Großmutter wandern in die Provinz Hòa Bình, um da in einem Dorf gleichen Namens einen Platz bei alten Bauern zu finden.

„Dort werden uns die Bomben nicht finden.“

Das erklärt die Großmutter, eine keineswegs greise Lehrerin mit volkserzieherischem Ehrgeiz.

„Der Krieg zerstört vielleicht unsere Häuser, aber unseren Mut kann er nicht brechen.“

Die Geflüchteten schlafen auf dem Fußboden im Wohnzimmer des Ehepaars Tùng. Angriffen entgehen sie in einer Höhle. Hu'o'ng bannt das Grauen des Luftterrors in märchenhaft metaphorischen Bildern.

„Riesige Metallvögel (donnern) über uns hinweg.“

*

Ein abgestürzter Pilot bringt Hu'o'ng zum ersten Mal in die Not einer unmittelbaren Begegnung mit dem Aggressor. Als Gefangener der Volksbefreiungsarmee nimmt der Amerikaner ein langes Blutbad. Er passiert eine Strecke aus zerfetzten Gliedmaßen und aufgerissenen Bauchhöhlen, aus denen Gedärme quillen, während die das Grauen einfriedenden Mangrovenwälder ihre verheißungsvoll-betäubenden Aromen abgeben. Vermutlich sieht er zum ersten Mal die Wirkung seiner Waffen.  

„Giê´t thă`ng phi công Mỹ. Giê´t nó đi, giê´t nó!“, rief jemand.

Hu'o'ngs Eltern erfüllen Aufgaben in der Armee. Das Kind lebt bei der supernormalen Großmutter, die als Lehrerin auch noch unter den extremen Bedingungen des Bombenterrors den Schulbetrieb aufrechterhält. Sie flicht der Enkelin einen Korb voller Binsen, in denen der Weisheit letzter Schlüsse stecken. Angst und Entbehrungen haben ihre äußere Schönheit zerstört. Keiner kann sich mehr vorstellen, „dass sie mal als cành vàng lá ngọc gegolten hatte – ein Jadeblatt an einem Zweig aus Gold“.

„Am 18. Dezember 1972 sahen wir von der Höhle aus zu, wie unsere Stadt sich (in einem achtundvierzigstündigen Bombardement) in einen Feuerball verwandelte.“

...

„Zwölf Tage und Nächte brannte Hà Nô.“

Am 14. Dezember ordnet Nixon wieder einmal die Verlegung von Bombenteppichen in Nordvietnam an. Der Präsident will die Annahme von Bedingungen erzwingen, die in zivilen Parallelaktionen seit dem Mai 1969 in Paris verhandelt werden. Kein Jahr später wird Telford Taylor, einst US-Chef-Ankläger bei den Nürnberger Prozessen, nach Hà Nô reisen, um amerikanische Kriegsgefangene loszueisen.

Wir erinnern uns, siehe https://www.textland-online.de/index.php?article_id=1919:

Nach Abschluss der Beweisaufnahme betritt Telford Taylor am 13. Februar 1946 die Bühne.

Philipp Gut stellt den „Brigadegeneral (als) „Herr(n) über die Nürnberger Nachfolgeprozesse“ heraus. Er stilisiert Taylor zur Ikone:

„Eleganz (und) Entschlossenheit verbinden“ sich bei dem „exzellenten Schreiber (zu einer) gewinnende(n), schlanke(n) Persönlichkeit“.

„Er war angezogen von den Frauen und die Frauen waren angezogen von ihm.“

Aus Philipp Gut, „Jahrhundertzeuge Ben Ferencz. Chefankläger der Nürnberger Prozesse und leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit“, Piper, 345 Seiten, 24,-

Taylor nimmt es auf sich, „persönlich für die Anklage zu plädieren“.

137 Tage hat sich das Gericht den „verzweifelten Unsinn“ der Massenmörder angetan. Man fragt sich, mit welchen Erwartungen die Angeklagten argumentierten. Taylor erkennt keinen ernsthaften Versuch einer Entkräftigung der Vorwürfe. Taylor erklärt die Taten zum Kriegszweck und entzieht sie dem Rahmen der militärischen Mittel. Er entlarvt eine abgedeckte, den Umständen vor dem alliierten Tribunal nicht einfach anpassbare Rechtfertigung, die vermutlich mehr als einem Täter den Schlaf sichert. Die Rede ist von Überzeugungen, die als Exkulpationsautomatik begriffen werden.

Zurück zum Roman.

Die Terrorisierten suchen Zuflucht in Bunkern.

„Diese Unterstände sind praktisch überall. Auf buchstäblich jeder Straße stößt man alle paar Meter auf etwas, das aussieht wie eine versenkte Mülltonne, aber groß genug ist, um einem Erwachsenen Schutz zu bieten.“ Quelle

Aus der Ankündigung

Hu'o'ng wächst bei ihrer Großmutter auf, mitten im vom Krieg gebeutelten Hanoi der frühen 1970er Jahre. Der Vater ist auf den Schlachtfeldern verschollen, ihre Mutter folgte ihm in der Hoffnung, ihn zu finden. Und die Großmutter erzählt Hu'o'ng an den vielen langen Abenden die Geschichte ihrer Familie, eine Geschichte, die in Frieden und Wohlstand ihren Anfang nimmt, aber im Zuge fremder Besatzung, Landreform und Krieg eine Geschichte von Vertreibung, Flucht und unsäglichem Leid wurde. Doch die Frauen ihrer Familie sind stark und entschlossen, dem Schicksal eine lebenswerte Zukunft abzutrotzen.

Ein Familienepos, das ein ganzes Jahrhundert atmet, die bildgewaltige Geschichte eines leidgeprüften Volkes, ein beeindruckender historischer Roman, erzählt von einer vietnamesischen Autorin – so hat man von Vietnam im zwanzigsten Jahrhundert noch nicht gelesen.

Zur Autorin

Dr. Nguyễn Phan Quế Mai wurde 1973 geboren und erlebte als Kind und Jugendliche die Folgen der Zerstörung ihres Landes durch den Vietnamkrieg. Sie studierte mittels eines Stipendiums in Australien und Großbritannien. Sie hat elf Bücher auf Vietnamesisch und Englisch publiziert, darunter Belletristik und Lyrik ebenso wie Sachbücher. Der Gesang der Berge ist ihr erster Roman in englischer Sprache und ein mehrfach preisgekrönter internationaler Bestseller. Sie lebt derzeit mit ihrer Familie in Bishkek, Kirgisistan und verbringt regelmäßig viel Zeit in Vietnam.