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08.01.2022, Jamal Tuschick

Retardierende Schöpfung

„Drei Treppen und die Sphinx zeigt ihre Kralle.“ Heiner Müller

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„Heute träumte mir, ich sei eine kleine Erbse mitten im Atlantischen Ozean. Ich erhob mich aus den Wellen und sagte: Mit mir fängt die Landbildung an! Darauf zerschellte ich am afrikanischen Kontinent.“ Hans Jürgen von der Wense 

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„Ich fand merkwürdige Concepte seiner … Gedichte mit vielen Correkturen.“ Eduard Mörike über Hölderlins Nachlass aus der Hand von Hölderlins Schwester Marie.

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Gesine Cresspahl (Uwe Johnsons schöneres Ich, siehe z. B. Jahrestage 1 - 4) erscheint auf allen Schauplätzen ihres expatriierten und vor Heimweh retardierenden Schöpfers als frische Person in raschelndem Taft. Verstoßen vom Schicksal der deutschen Teilung, sichert sie sich selbst hinter einem Schild aus Anmut. Wie Johnson entbehrt sie das baltische Fluidum als Lebenselixier. Daran erinnern Johnsons frühe Kartographierung seiner Seelenlandschaft.

Andy Warhol, Jackie III. © Jamal Tuschick

Narrative Transition

Den ersten Erzähleinfall stiftet ein Bild. Ich sehe das „Selbstbildnis Carl Philipp Fohrs“ im Heidelberger Kurpfälzischen Museum.  

Bei einer Lesung in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz. In der zweiten Reihe faltet Ingomar von Kieseritzky die Hände. Ich sehe ihn oft bei Lesungen. Kieseritzky ist in einem Alter, da weiß man, wo Gott wohnt. „Drei Treppen und die Sphinx zeigt ihre Kralle“ (Heiner Müller).

In Träumen, die zur Produktion gehören (siehe Gestaltete Träume), überquere ich fußläufig den eisigen Brenner, ohne außer Atem zu geraten. Fohr (1795 – 1818) wanderte mit seinem Bernhardiner nach Italien. Das war Künstlermode, im römischen Café Greco sprach alle Welt hessisch.  

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so.

Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf gesellschaftliche Gestaltungshemmnisse.  

Im Café stritten die Parteien. Die Nazarener:innen waren in Feindschaft den Landschaftsmaler:innen verbunden. Fohr war ein gefördertes Talent, Prinzessin von Baden ließ ein Stipendium springen und stockte noch einmal auf. Fohr überwarf sich mit seinem Freund und Kammergenossen, dem Kasseler Maler Ludwig Sigismund Ruhl. Ein Duell wurde nötig, es fand in aller Form statt und ging aus wie das Hornberger Schießen. Bald hatte man sich beruhigt, nur die Freundschaft lahmte. Fohr ertrank dann im Tiber, wen die Götter lieben. Sie kennen den Text.

Wo noch einmal Uwe Johnson auf Fohr und Ruhl zu sprechen kommen, ich weiß es nicht mehr. Kassel und Heidelberg liegen in weiter Ferne, als der Debütant sich eine Figur erschafft, die noch viel zu wenig als narrative Transition … Er verkörpert den kantigen Mecklenburger und Pommerschen Hartschädel voller verschwiegenem Spott und einer unterdrückten Sottisenproduktion, um nicht gesprächig herüberzukommen, während er sich in der ultra-nicen Gesine Cresspahl verpuppt.

Gesine erscheint auf allen Schauplätzen ihres expatriierten und vor Heimweh retardierenden Schöpfers als frische Person in raschelndem Taft. Verstoßen vom Schicksal der deutschen Teilung, sichert sie sich selbst hinter einem Schild aus Anmut. Wie Johnson entbehrt sie das baltische Fluidum als Lebenselixier. Daran erinnern Johnsons frühe Kartographierung seiner Seelenlandschaft.

Uwe Johnson, „Karsch, und andere Prosa“, mit einem Nachwort von Walter Maria Guggenheimer, Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre von Norbert Mecklenburg, Suhrkamp, 15,-

Umsiedler:innen versus Flüchtlinge

Gesine wächst als Tochter eines klischeehaft handfesten Witwers in (dem nach dem Mecklenburger Klütz gezeichneten) Jerichow heran. In der konkreten Nachkriegszeit muss sie sich mit Einquartierten arrangieren. Sie betrachtet die Fremden mit scheeläugiger Freundlichkeit. Sie agiert im Dienst der Gemeinschaft, nach den Vorschriften irgendeines guten Geistes. Für sie sind die ungebetenen Gäste Flüchtlinge. Die offizielle Sprachregelung greift noch nicht. Die DDR ist in der sowjetisch besetzten Zone noch nicht angekommen. Noch spricht kein Mensch von Umsiedler:innen.

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Der Pappkamerad im Holzschnitt: „Ich ... war ja selbst Umsiedler und bejahte die räumliche Trennung der beiden Nachbarvölker ... Wir hatten versucht, die anderen auszurotten; nun würden die anderen uns ausrotten, Auge um Auge, Zahn um Zahn!“

Heiner Müllers „Umsiedlerin“ reagiert auf Motive in Anna Seghers gleichnamigen Erzählung (1950). Erzählt wird eine lange Geschichte. Sie fängt mit der Bodenreform 1945 an und endet mit der Kollektivierung landwirtschaftlicher Betriebe. 1960 ist das ein abgeschlossener Prozess. Müller lässt alle Schichten antanzen, die Verwerfungen des Kriegs schreiben die Partitur der Verteilungskämpfe. Ein Bürgermeister stieg vom Melker auf, es geht aber nicht allen gut. Den Neubauern Ketzer ernährt sein neues Land nicht, er beendet die Verelendung im Sozialismus mit Suizid. Auf der Parteilinie schließen sich Sozialismus und Selbstmord aus, Müller, weit davon entfernt, Dissident zu sein, bringt es bloß nicht fertig, sich von der Wirklichkeit zu verabschieden. Aus dieser Wirklichkeit zieht er den Umsiedler Fondrak, der sich unter Kommunismus „Bier aus der Wand“ vorstellt und lieber in den Westen geht, als eine Neubauernstelle anzutreten. Obwohl Fondrak die Umsiedlerin Niet geschwängert hat.

Müller will seine „Umsiedlerin“ als Komödie verstanden wissen, so versteht sie aber keiner. Seine Konflikte sind alltäglich. Sie drehen sich um Traktoren, Motorräder, Arbeitskräfte, Bier, Frauen und Ideen, die erst einmal kapiert werden müssen: „Was die Mehrheit/Beschlossen hat, das kann die Mehrheit auch /Umschmeißen.“

Ein Bauer wird zum „Umzug aus dem Ich ins Kollektiv“ gezwungen. Auch er möchte mit sich Schluss machen. In der LPG beantragt er umgehend einen Krankenschein: „Zehn Jahr saß er uns im Genick, der Hund / Zwei Jahr und länger ließ er sich dann bitten / Und wieder stößt er sich an uns gesund. / Ich wollt‘, ich hätt‘ ihn nicht vom Strick geschnitten.“

Niet übernimmt Ketzers Hof. Das ist der utopische Moment bei Müller. Die Umsiedlerin repräsentiert eine Bereitschaft zum Aufbau der jungen Republik.

Das Stück wird schnell abgesetzt, wegen zu viel Wahrhaftigkeit nicht nur vermutlich.

In Seghers’ „Umsiedlerin“ (1950) spielen die dürftigen Verhältnisse der Migrant:innen die Hauptrolle. Als ihre Landsleute Niet fragen, warum sie sich anstrenge, als sei sie „daheim“, antwortet sie: „Weil man gerecht war.“ Der Zugriff glückt mit beiden Händen, die Gesellschaft und das Individuum ziehen an einem Strang. Niet bleibt nicht „Flüchtling“, sie findet einen Platz im Trubel ihrer Gegenwart. Müller zeigt sie (und jeden) nicht übertrieben optimistisch. Doch ist er auf keinen Eklat gespannt: „Wir waren ganz heiter, fanden das so richtig sozialistisch, was wir da machten.“

Noch in der Nacht der Premiere werden Schauspieler verhört. Man legt ihnen nah, sich mit „der verbrecherischen Regie“ herauszureden. Müller wirft man „Nihilismus“ und „Schwarzfärberei“ vor, sein Spezi Tragelehn fährt zur Bewährung in den Braunkohletagebau ein. „Die Umsiedlerin“ verschwindet in einem Futteral des Schweigens. Erst 1976 inszeniert Fritz Marquardt „Die Umsiedlerin“ als Mumienschanz unter dem Titel „Die Bauern“ an der Berliner Volksbühne.

Erzwungene Weltläufigkeit

Die bodenständige Gesine nimmt gemeinsam mit Johnson Fahrt auf; dies im Kontext einer erzwungenen Weltläufigkeit. Stets findet sie sich besser zurecht als ihr Liebhaber. Denn das ist Johnson unter anderem. Gleichzeitig verwirklicht er sich in Gesine. So erkläre ich mir die Ambivalenz von erzählerischem Drive und der Beharrungslust auf personelle, psychologische und geo-biografische Konstellationen.  Johnson transportiert sich bis zum Schluss in Kassibern, die er seiner Gesine unterjubelt. Als er in Amerika einen Grund findet, um zu bleiben, bevölkert er die Arena seiner Beobachtungen mit Gesine und ihrer Tochter Marie. Siehe Jahrestage 1 - 4.

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Aus dem Verlagstext zu den „Jahrestagen“

„Tag für Tag, über ein Jahr hinweg, erzählt Gesine Cresspahl ihrer zehnjährigen Tochter Marie aus der eigenen Familiengeschichte, vom Leben in Mecklenburg in der Weimarer Republik, während der Herrschaft der Nazis, in der sich anschließenden sowjetischen Besatzungszone und den ersten Jahren in der DDR. Zugleich schildert der Roman das alltägliche Leben von Mutter und Tochter in der Metropole New York im Epochejahr 1967/1968, inmitten von Vietnamkriegs- und Studentenprotesten.
In den Jahrestagen entfaltet Uwe Johnson ein einzigartiges Panorama deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert – eine 'Lese-Weltreise' (Reinhard Baumgart) in die bewegte New Yorker Gegenwart des Jahres 1968 und zugleich in die Geschichte einer deutschen Familie seit der Weimarer Republik.“

Mit Uwe Johnsons „Jahrestagen“ reise ich nach Klütz in Mecklenburg-Vorpommern und stelle mir da Johnson in in New York vor. Er hat die Wohnung von Hannah Arendt und einen Blick auf den Hudson. Täglich schlachtet er die „geschwätzige Tante Times“ aus. Er erfindet Gesine mit Heinrich und Lisbeth Cresspahl als redlich gestorbene Eltern noch einmal. Diese Umdeutungen, in denen viel Grobkörniges feinstofflich wird, zählen zu den interessanten internen Volten des Werks. Behutsam nimmt Johnson eine biografische Flussbegradigung vor.

Gesine möchte „in Deutschland nicht noch einmal leben“.

Der alte Crisspahl wusste einst zu sagen: „Worüm geihst du nich wech, dat du kein Schult krichst?“