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2022-01-09 07:42:40, Jamal Tuschick

Kombatt:innen im Kulturkampf

Andy Warhol, Elvis Presley/Dimitrij Nabaldjan, Lenin © Jamal Tuschick

Andy Warhol, Jackie III./Chuck Close, Richard, 1969 - The Cool an the Cold im Gropiusbau © Jamal Tuschick

Der kalte Krieg und ich - Ostberlin 1980 - Wenn Klassenfeinde unter einer Decke stecken

Sie waren Psycholog:innen, Philosoph:innen und Philolog:innen. Sie kamen aus guten Familien und sie glaubten an den Sozialismus.

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„Als MfS-Offizier hat man auch in der Familie Führungsaufgaben.“

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„Das Wesentliche im Universum ist nicht das Organische, sondern die Information“. Heiner Müller

Zwischen Kunst und Kader

Inge zitierte Sartre: „Sollte der Kommunismus sich als unmöglich erweisen, ist das Menschheitsprojekt im Ganzen nicht interessanter als ein Ameisenstaat.“

Wir waren in der Wohnung einer Bekannten. Die Bekannte war verreist. So wurde mir das erklärt, dass ich mich nicht wunderte, wenn Inge in der Immanuelkirchstraße eine Wohnungstür aufschloss und alle Pflanzen aussahen wie gerade gegossen. Wir begingen unsere kleinen Zimmerfluchten aus der Welt, im Übrigen plauderten wir über den nie überwundenen Faschismus in der Bundesrepublik. Indem ich Inges Ressentiments bestätigte, machte ich es mir leicht. Ich redete ihr nach dem Mund. Vielleicht wäre es gar nicht nötig gewesen. Ich hatte mir nie überlegt, ob die DDR einen Vorsprung für sich reklamieren konnte; egal auf welchem Feld. Das hielt ich für ausgeschlossen.

Nichts schmälerte meinen Hochmut.

Die Immanuelkirchstraße splitterte in der Winsstraße. Da schoss Wind wie auf einer Eisbahn zum Alexanderplatz. Die Straße war Kanal und Korridor für einen lebenswichtigen Luftaustausch.

Inge korrigierte meine Aussprache. Bei Thomas Brasch und Winsstraße lag ich falsch mit meinen Betonungen. Das störte Inge. Ich hielt ihre Korrekturen für den Ausfluss einer tiefen Störung. Inge schlief mit dem Klassenfeind. Daran konnte kein Zweifel bestehen.

Inge zählte zu den „jungen Falken“. So bezeichnete man im Politbüro die Töchter und Söhne der Gläubigen; jener, die für ihre Überzeugungen im Kampf gegen die Nazis Schwerstes auf sich genommen hatten. In der Ikonografie der Nomenklatura breiteten die Falken geschwisterlich die Schwingen (ihre Hoffnungsüberschüsse) aus.

Inge erzählte, wie unbeliebt sie im Haus Brasch einst gewesen. Hausherr Horst zirkulierte damals als stellvertretender Kultusminister im engsten Kreis der Macht. Ihn kainte das „falsche Exil“ England. Gleichzeitig adelte Horst ein früher und deutlicher Antifaschismus. An seinem Status hingen Bewährungsauflagen.

Horst musste besonders schneidig den Parteistandpunkt vertreten.

Seine rebellischen Söhne gefährdeten ihn.

Begabung ist nach Johannes R. Becher die Fähigkeit, in gesellschaftlich aufschlussreiche Situationen zu geraten. Das sagte ich mir immer wieder, während ich hinter den feindlichen Linien herumstolzierte.

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Feindliche Nachrichtendienstoffizier:innen vereinten sich nach den Gesetzen der Research Community

Bevor eine Vertrauensblase platzt, durchläuft jeder eine Phase, in der er sich selbst widerspricht. Er bekämpft den eigenen Verstand und Instinkt. Er will ganz einfach nicht die Brustwärme des Vertrauens auf einem Abtritt des Misstrauens verlieren. Er will nicht auskühlen.

Ich sage das nur so dahin. Ich ging nach den Prinzipien des Laotse vor … 控制对手是开始 Kòngzhì duìshǒu shì kāishǐ … und brauchte deshalb kein Vertrauen. Die tschekistisch-professionelle Inge reizte mich gerade wegen ihrer Amazonenattribute. Ich unterhielt auch harmlose Verhältnisse und genoss die Unterschiede zwischen supernormalem und hyperkapitalistischem West-Style und der betonkommunistischen Sophie-Seitenscheitel-Sexyness.

Inge hätte mich mit bloßen Händen umbringen können, ohne sich zu verausgaben. Vielleicht gibt Ihnen das auf ihrem durchgesessenen Sofa eine Vorstellung von der Hitze und dem Drive, der für mich lediglich Alltag war.

Wir hatten ein Wochenende in der Tschechoslowakei verbracht und waren mit Malév Hungarian Airlines von Schönefeld nach Budapest geflogen. Ich glaube, das war Stasi-Standard in der Deluxe-Version. Wenn ich Inge von der Fahne zu gehen drohte, kam sie mit Heiner Müller an, oder sie machte mich zum Helden in einem Roman, der von einer Familie handelte, die Inge mit mir gründen wollte. Ihre Ehe stellte sie als Zweck- und mehr noch als Zwangsgemeinschaft dar. Das entschärfte die Kinderlosigkeit des Paars in einem Land, in dem eine Frau mit Dreiundzwanzig Spätgebärende war.

Inges Mann Klaus fuhr einen Tatra 603. Der Wagen war mit seiner Einzelradaufhängung und dem Heckmotor das Markenzeichen des tschechoslowakischen Geheimdienstes. In der DDR ließen sich Minister im Tatra chauffieren.

Ich war, wie gesagt, nicht blauäugig.

Inge bat mich, ihr bei ihren literarischen Gehversuchen zu helfen. Ich monierte Inges Vorliebe für Schachtelsätze, angefeuert von ihrer vorgeblichen Bewunderung für meinen mühelosen Stil. Die Art, wie sie über ihre Familie redete, machte mich stutzig.

Inges Halbschwester sei aus einem „Irrtum“ ihrer Mutter hervorgegangen. Die Mutter habe den Irrtum aus ihrem Leben gestrichen, „da saß der Irrtum noch vor seinem Terrarium in der Remise“.

Inge in halterlosen Weststrümpfen, das war eine Sache. Das andere war die Grausamkeit totalitärer Verkehrsformen im Ostblock. Ich operierte ohne Schusswaffen und vertraute allein auf meine waffenlose Close-Range-Combat-Kompetenz. Ich übertreibe nicht, wenn ich mich daran erinnere, weltweit einer der besten Palmstriker gewesen zu sein.

Ich liebte den Geruch der Gefahr. Manchmal glitt ich mit Inge in die Tiefsee artifizieller Entspannung. Dann spürte ich, wie sich ihre eisernen Loyalitätsriegel lockerten und die Feindin im Gegenlicht kapitalistischer Verheißungen anders zu atmen anfing. Well, dachte ich dann.

Hohenschönhausen war ursprünglich eine Großküche. Man findet das Gefängnis auf keinem Stadtplan. In seiner Umgebung residiert Markus Wolfs Computer-Abteilung, die realsozialistische Version von Q‘s Labor experimentiert da. Im kriminaltechnischen Institut des Ministeriums für Staatssicherheit in der Genslerstraße 13 verbaut man für Entführungsaktionen schalldichte Zellen in Westfabrikaten. Quartiermacher für die Staatssicherheit der DDR war das NKGB. Dieses Institut der engagierten Rechtspflege nahm Maß am ersten sowjetischen Geheimdienst. Die deutschen Verbündeten wurden mit dem „Tscheka“-Terrorstil vertraut gemacht. „Tscheka“ steht für „Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“. Gegründet wurde der Staatssicherheitsdienst 1917. Es ging den Tschekisten in der Unmittelbarkeit der Nachkriegszeit nicht nur darum, Geständnisse zu erpressen, die Geständnisse mussten in jedem Fall unterschrieben werden. Sie produzierten Gulag-Absolventen. Die Signatur unter einer druckvoll zustande gekommenen Zugabe ist eine Manie geblieben, ob es sich nun um ein Kapitalverbrechen handelt, oder um das Versenden einer Flaschenpost.

Abtrünnige Stasi-Mitarbeiter büßen nach den Urteilsverkündungen in Hohenschönhausen. Weibliche Häftlinge arbeiten ab Urteil in der Küche. Die Vernehmer dienen dem Außenhandel, sie sorgen für Devisen, indem sie Geständnisse produzieren, die zu langen Haftstrafen führen und von der Bundesrepublik im Freikaufmodus abgekürzt werden. Das bleibt ihr Business, bis beinah zu dem Tag, als Erich Mielke sich über die Bedingungen in seinem eigenen Gefängnis beschwert, obwohl er als erster und einziger Gefangener auf den Rosenhof darf. Der Mensch braucht Natur und sei es in einer Schrumpfform - diese Erholung für das Auge erhält der Häftling nur als Gratifikation für besonderes Entgegenkommen. Dann zupft der Vernehmer an der Gardine und der Bearbeitete erntet einen Blick auf Grünzeug.

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Widerstand und Exil waren die Adelsattribute der DDR-Gründergeneration. Die Kinder der Überzeugten wurden zu Wachsamkeit erzogen. Der Klassenfeind stand überall. Die Geburt des Sozialismus aus allen Übeln des niedrigen Menschseins verlief kompliziert. Eine dünne Decke von höchstens zehn Prozent der Bevölkerung schützte das neue Deutschland mit der Bereitschaft zum bewaffneten Kampf. Die Besten waren musisch und militärisch begabt. Sie verstärkten mit ihren Fähigkeiten und ihrem Glauben das MfS. Auch in der Volksbühne und am BE trugen ihre Ideen Früchte.

In dieser Welt ging Inge ein und aus. Sie changierte zwischen Kunst und Kader.