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09.01.2022, Jamal Tuschick

Urszene vor Fensterauge

Über der Wasserlinie verliert der Himmel sein brennendes Morgenrot. Das Formenspiel der Wolken spiegelt sich. Das ist eine Urszene meines Lebens. Solange ich zurückdenken kann, nimmt mein Tag an einem Fenster mit freiem Blick auf den Bodden Gestalt an. Jeden Morgen komme ich auf meiner Reise ans Ende der Nacht da an. Ich habe die Welt mit diesem Fensterauge zu sehen gelernt.

Blick auf den Bodden von Althagen um 07.30 h am 09.01. 2022 © Jamal Tuschick

Urbaner Schick mit unverstelltem Bodden-Blick

Kein Haus der Gemeinde Tillwitz steht dem Bodden näher als das Skipperhus. Sein Reetdach wacht über sieben Zimmer und einer Mansarde, die sich leicht in eine stadtfeine Wohnung verwandeln ließe.

Urbaner Schick mit unverstelltem Bodden-Blick

So könnte man das Penthouse annoncieren. In Tillwitz gibt es dafür keinen Markt. Bürger:innen mit Schöner wohnen-Ideen entfalten sich in ihren eigenen Häusern oder pendeln bloß in die Weiler zwischen Baum und Borke; so sagen manche Spaßvögel zu dem Streifen zwischen offener See und Bodden. Seit zwanzig Jahren lebe ich von Einnahmen aus Vermietungen und Verpachtungen, auch wenn sich in der Agentur Höckelheim länger schon Vilde Fiskerstrand um das operative Geschäft kümmern. Ich habe meinen Schnitt gemacht, als die alte Seefahrer:innenschule in Ferienwohnungen umgewandelt wurde. Eine ganzjährige Nachfrage heizt einen Markt auf, der von wenigen bespielt wird. Sperrwerke aus engmaschigen Zugehörigkeitsbegriffe distanzieren fremde Akteure. Ich profitiere von Manövern ehemaliger Stasi- und HVA-Schlapphüte in unserem Kreis. Angeblich besuchen unsere Fachleute schon mal jemanden mit einer Glock oder Beretta im Anschlag. Gebildet nennt mich mein westdeutsch-ostwestfälischer Liebhaber Tillmann eine amante mare-Baltico-mafiosa. Ich widerspreche nicht, obwohl ich niemandes Mätresse bin.

Ich halte mich an die Mick Jagger-Devise: „Never complain, never explain.“

Doch wahr ist, die dörflichen Durchstechereien sind mafiös von jeher. Die Anschlussfähigkeit der ’Ndrangheta in dieser Gegend gibt mir kein Rätsel auf.

*

In der DDR war Wohnraum ein staatliches Schlüsselgut. Die Bewirtschaftung unterlag keiner ökonomischen Regulierung. Es wurden politische Preise aufgerufen. Dabei rief sich der Staat zweimal zur Kasse, so wenn er Energie zu Preisen unter den Stromentstehungskosten abgab. Er investierte in sein Image wie ein aufgehender Stern am Schlagerhimmel. Niedrige, vierzig Jahre stabil gehaltene Mieten firmierten als Markenzeichen.

Der Staatsrat war stolz wie Bolle auf seinen Wohnungsbau im Plattenstil. Etwas Revanchistisches verschaffte sich da Genugtuung. Die Platte erteilte auch der feudal-bourgeoisen Vorkriegsarchitektur eine ideologische Abfuhr. Das Hochhaus erschien wie ein Leuchtturm im Kleinbürgerparadies. Die Nomenklatura sah in der Platte ein Ideal verwirklicht, ungeachtet des inkorporierten, überall seine Fäden webenden Mangels. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Platte eine pädagogische Funktion hatte und der Volkserziehung zur Gemeinschaft diente. Aber es geht doch in diese Richtung. Ein auf Arbeit fokussiertes, anti-bürgerliches, von den Ressentiments des kleinen Mannes gesteuertes Gemeinwesen fand sich in der Plattenbausiedlung perfekt verkörpert. Der Direktor wohnte auf einer Etage mit dem Pförtner. Der Pförtner nahm die Tram zum VEB, den Direktor holte ein Chauffeur im Wolga ab.

Aber sonst.

Aber sonst waren alle gleich.

Niemand bekam normal eine Wohnung. Zumal für Unverheiratete und Kinderlose gab es nichts. Das Kinderzimmer im Elternhaus galt als zumutbarer Wohnraum. Welche Bedeutung hatte diese Tatsache für meinen Werdegang?

Dazu bald mehr.