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13.01.2022, Jamal Tuschick

Im Visier der Sonne verläuft die Grenze zwischen Mecklenburg und Pommern. Die Aufnahme entstand auf der pommerschen Seite. So oder so ist das alles UweJohnsonLand. Nach dem Krieg kommt Johnson als Geflüchteter nach Güstrow. Das ist nicht weit weg von Waren an der Müritz, wo zur gleichen Zeit Heiner Müller als Sachse sich Mecklenburger Gemeinheiten gefallen lassen muss. Man bindet den „Ausländer“ an einen Marterpfahl. Das ist eine andere Geschichte. © Jamal Tuschick

Das Wort stellt sich vor die Dunkelheit des Nichts

For every image of the past that is not recognized by the present as one of its own concerns threatens to disappear irretrievably. (The good tidings which the historian of the past brings with throbbing heart may be lost in a void the very moment he opens his mouth.)” Walter Benjamin

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“Beauty is the first test. There is no permanent place in the world for ugly mathematics.” G.H. Hardy

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Das Wort stellt sich vor die Dunkelheit des Nichts. Chaim Nachman Bialik

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„Selbst wenn die Geschichte zu nichts anderem zu gebrauchen wäre, eines muss man ihr zugute halten: Sie ist unterhaltsam.“ Marc Bloch

Irritierend entspannt

„Aus Jerichow bekam Gesine Cresspahl noch Pakete, als sie längst in Frankfurt Geld verdiente.“

So beginnt eine Geschichte mit dem Titel „Geschenksendung, keine Handelsware“. Der Titel erinnert an ein obsoletes Post-Procedere.

Aus dem Spiegel vom Oktober 2019:

„Nach dem Mauerbau 1961 passierten jedes Jahr etwa 25 Millionen Pakete und Päckchen die innerdeutsche Grenze.“ Quelle

Der Autor macht gleich klar, dass seine Heldin, in der er sich vorbildlich ver- und entpuppt, bei der Annahme und Abgabe von Dingen auf dem Postweg einem hintersinnig-rabiaten pommerschen Komment gehorcht; ohne im/vom Westen je so weit verbogen zu werden, dass die Gültigkeit der heimatlichen Vorschriften sich von ihr in Frage stellen ließen.

Uwe Johnson, „Karsch, und andere Prosa“, mit einem Nachwort von Walter Maria Guggenheimer, Vorschläge für Johnson-Leser der neunziger Jahre von Norbert Mecklenburg, Suhrkamp, 15,-

In ihrer Ursprungsumgebung erscheint die Expatriierte als ledige Mutter und Tochter eines verschwiegenen Witwers weiterhin vertrauenswürdig genug, um sie wegen westdeutschem Klopapier anzuhauen.   

„Die Alten blieben (Gesine), und dankten nicht besonders.“  

Als eine von ihnen ist die Abgesprengte nämlich stets auch Emissärin, eine Beauftragte der Gemeinde in der weiten Welt von Frankfurt und Düsseldorf. Das soll ihr von allein einfallen, was ihre Leute brauchen. Der Abstand macht sie zur Verwandten. Gesine wäre kein Paradegeschöpf aus dem Kosmos eines Heimwehkranken, würde sie ihre haltlose Abhängigkeit nicht vollkommen anerkennen. 

Uwe Johnson transportiert sich bis zum Schluss in Kassibern, die er seiner Gesine unterjubelt. Zweifellos entspricht sie seinem Ideal. Als er in Amerika einen Grund findet, um zu bleiben, bevölkert er die Arena seiner Beobachtungen mit Gesine und ihrer Tochter Marie. Siehe Jahrestage 1 - 4.

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Aus dem Verlagstext zu den „Jahrestagen“

„Tag für Tag, über ein Jahr hinweg, erzählt Gesine Cresspahl ihrer zehnjährigen Tochter Marie aus der eigenen Familiengeschichte, vom Leben in Mecklenburg in der Weimarer Republik, während der Herrschaft der Nazis, in der sich anschließenden sowjetischen Besatzungszone und den ersten Jahren in der DDR. Zugleich schildert der Roman das alltägliche Leben von Mutter und Tochter in der Metropole New York im Epochejahr 1967/1968, inmitten von Vietnamkriegs- und Studentenprotesten.
In den Jahrestagen entfaltet Uwe Johnson ein einzigartiges Panorama deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert – eine 'Lese-Weltreise' (Reinhard Baumgart) in die bewegte New Yorker Gegenwart des Jahres 1968 und zugleich in die Geschichte einer deutschen Familie seit der Weimarer Republik.“

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Mit amerikanischer Hochtechnologie in die Steinzeit geprügelt

Im nächsten historischen Augenblick lebt Gesine in New York. Das Kleid knistert, in dem sie eine gute Figur macht, während sie in einem Coffee Shop die beste Zeitung der Welt liest. Am 16. November 1967 findet der amerikanische Oberbefehlshaber die vietnamesische Lage „sehr ermutigend“. In informierten Kreisen zweifelt niemand daran, dass die Nordvietnames:innen an einer Deeskalation kein Interesse haben. Sie erscheinen zwar als (mit amerikanischer Hochtechnologie in die Steinzeit geprügelte) Verlierer:innen, in Wahrheit, so sagt es der Außenminister, erlauben sie aber gar keine Entspannung. Vielmehr erbitten die vermeintlichen Verlierervietnames:innen immer neue zerstörerische Sendungen, um sich dann vor der Weltpresse gelassen zu zeigen - nicht bramarbasierend unbeeindruckt, sondern irritierend entspannt.

Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.

Sie wollen, dass die Vereinigten Staaten ihr Engagement unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten neu bedenken und in der Unterstützung eines korrupten Regimes bald keinen Nutzen mehr erkennen.

Entweder lächeln sie wie Auferstandene in die Kameras; oder sie zeigen, was der Feind angerichtet hat. Sie wissen, wie lächerlich es in den Ohren der Weltöffentlichkeit klingt, wenn der US-Präsident sagt: Sie lassen uns nicht aufhören, sie zu bombardieren.

Johnson beweist ein besonders gutes Gehör für Zwischentöne. Er fischt im und filtert aus dem Trüben der staatlichen Lüge als einem politischen Mittel. In einer desaströsen Lage nutzt mitunter auch die Wahrheit nichts. 

Gesine liest einen Artikel, der dem Mafiageschehen in Catanzaro gewidmet ist. Catanzaro ist der Sitz einer Erzdiözese. Die Angeklagten erscheinen in einem dreiundzwanzig Meter langen Käfig.  

Die New Yorker Familien

Die Mafia macht sich flott mit Carlo Gambino und Joseph Bonanno. Gesine überfliegt den „langen Bericht, süffig vor Konkretem, über die Familien … auf Long Island“: Sie macht sich über die Necknamen der Kriminellen lustig. Joseph Bonanno firmiert in Johnsons Übersetzung als „Joe die Banane“. Die Erzählung wird ihm nicht gerecht. Joseph Bonanno war ein in Castellammare del Golfo auf Sizilien geborener Glückspilz, dessen Zugehörigkeit zur Bruderschaft der Castellanos lange außer Frage stand. In dreifacher Hinsicht sprengte er den Rahmen seiner Verhältnisse. Erstens war er der jüngste Boss einer New Yorker Familie. Zweitens überlebte er sein Todesurteil. Dessen Vollstreckung von kollegialer Hand misslang so oft, dass es schließlich ausgesetzt wurde. Drittens verstieß er mit der Veröffentlichung einer Autobiografie gegen die Omertà. Seine Einlassungen boten dem Star-Staatsanwalt Rudolph Giuliani Anlass zu Anklageerhebungen.

Obwohl er als regulärer Kombattant und als Regelbrecher sowohl seinen Anspruch auf eine zivile Existenz als auch auf die mafiöse Alternative verwirkte, gelang Bonanno ein Rückzug aus dem Geschäftsleben. Er kam in den Genuss eines Feierabends in Arizona. Der Ruhestand steht in den Sternen, als Gesine ein bisschen wie mit spitzen Fingern das Gewese dieser unwirschen Italo-Amerikaner zur Kenntnis nimmt. Donald Trumps Vater steht als Mogul ohne landsmannschaftliche Bindungen Schmiere. Auch das interessiert Gesine nicht. Das Edelfräulein aus dem Vorrat aufhellender Phantasien eines Unglücklichen behält vor allem den Fortgang des Vietnamkriegs im Blick. Am 9. Oktober 1967 beschreibt sie ein Zeitungsfoto, das dem kollektiven Gedächtnis eingespeist wurde. Ein Kind weiblichen Geschlechts treibt einen abgeschossenen US-Piloten vor sich her durch den Dschungel. Der junge Mann lässt den Kopf hängen „als seien ihm die Nackensehnen gerissen“.

Das Bild kennen wir alle, selbst wenn wir es nicht gesehen haben. Es zeigt die wahren Machtverhältnisse in Vietnam. Die Amerikaner sehen nur wie Sieger aus. Sie müssen gewinnen, das können sie nicht. Die nordvietnamesischen Streitkräfte gewinnen, indem sie nicht verlieren. Sie haben dazu keine Alternative. Das macht die Sache leicht. 

Das Bild sagt das auf eine verstörend konkrete Weise.    

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Uwe Johnson brachte sich in den „Jahrestagen“ selbst ins Spiel, sprechend in einem „Saal voller Juden“. Er nimmt mit seinem Thema vorlieb. Das ist die deutsche Teilung. „Die Bestellung eines Nazis zum westdeutschen Bundeskanzler“ erwähnt er, ohne Beifall zu ernten. Er sagt:

“It wasn’t meant as a slap in the face of surviving victims, though the world felt it was.”

Man hört ihm nicht gern zu in diesem Saal. Er merkt es wohl und verzeiht sich die eigene Verstimmung nur halb. Er soll sich schämen. Der gastgebende Rabbi deckt ihn:

„Er ist ein Gast.“

„Draußen ist er ein Feind“, sagen andere. Man bringt Johnson bei, was alles zu wenig ist. Man sieht ihm an, wie beleidigend er das findet, als guter Deutscher die Hucke vollzukriegen. Er verzieht sich und überlässt seiner geschmeidigen Chronistin das Feld. Gesine macht solche Fehler nicht, wie sie Johnson unterlaufen.