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16.01.2022, Jamal Tuschick

Eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde

In einer narrativen Verästelung tief im Wurzelwerk des Romans erzählt Petra Rautiainen von englischsprachigen Sam:innen; in einer Gegend, in der die meisten noch nicht mal die Amtssprache der inländischen Dominanzgesellschaft beherrschen. Ja, oft noch nicht einmal wissen, mit welcher obrigkeitsstaatlichen Nationalität sie verbunden sind. Extrem ursprünglich lebende Nomad:innen, die überhaupt nicht wussten, dass sie nominell Finn:innen waren, hielten sich während des Zweiten Weltkriegs - wegen der Wehrmachtpräsenz - für Untertanen des Deutschen Reichs.

Der Grund für das erlesene Wissen in schulbildungsfernen Breiten: Ende des 19. Jahrhunderts migrierten lappländische Rentierzüchter:innen als gesuchte Spezialist:innen nach Alaska.

Samische Trapper:innen

Am 8. August 1732 bestimmte Carl von Linné in der Lule-Lappmark das Rhododendron lapponicum. „Die … violett-rot blühende Lappland-Alpenrose … gehört zur Familie der Heidekrautgewächse“ (Quelle) – ist also gar keine Rose. Die samische Schamanin Saara Valva beglückt mit dem seltenen Kraut ihren Liebhaber, den finnischen Kulturwissenschaftler Väinö Remes.

Saara schenkt Väino einen Setzling, den er zu ehren verspricht.

„Ich lasse diese Pflanze keinen Augenblick aus den Augen.“

Saara stammt aus der Gegend von Alakurtti. Sie betrachtet sich als Akkala-Sámi. 

„Unser Interesse für die Akkala-Lappen wurde noch mehr dadurch gesteigert, dass sie sowohl in Finn- als Lappland für das allerzauberkundigste Volk des Nordens gelten.“ Matthias Alexander Castrén

Saaras Kompetenzen im Spektrum zwischen traditioneller Heilkunst und Schulmedizin stehen außer Frage. Auch Väinö täuscht niemanden mit falschen Angaben zu seinen Qualifikationen. Die Liebenden haben sich an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz kennengelernt. Das ist ein geheimes, der Gestapo unterstelltes, von der Wehrmacht geführten Gefangenenlager nahe Inari. Die Gemeinde am Inarijärvi fungiert als Dreh- und Angelpunkt samischer Belange.

Die Grausamkeiten nehmen kein Ende. Obwohl der Krieg für Deutschland längst verloren ist, drehen sich die Vernichtungsmühlen auch noch in den entlegensten Gegenden des tausendjährigen Reichs und seiner Trabanten weiter.

In dem Lager finden anatomische Vermessungen, Selektionen und Liquidationen nach „rassischen“ Gesichtspunkten statt.

Petra Rautiainen, „Land aus Schnee und Asche“, Roman, auf Deutsch von Tanja Küddelsmann, Insel Verlag, 22,-

Drei Jahre später. Die elfjährige Sámi Bigga-Marja läuft vor allem davon, was nach Stadt und Staat riecht. War auch sie ein Opfer jener Versuche, mit denen die „genetische Minderwertigkeit“ einzelner Volksgruppen in den Jahren der finnisch-deutschen Allianz pseudowissenschaftlich belegt werden sollte?

Anzugträger erschrecken Bigga nicht weniger als Uniformierte. Die Autorin dröselt die Traumatisierung ihrer jüngsten Heldin in Flucht- und Ausflucht-Episoden auf. Sie beobachtet eine generationsübergreifende Solidarität der Sam:innen, die so kurz nach dem Krieg von einem tiefen Misstrauen gegenüber der finnischen Obrigkeit beherrscht werden.

Als Bigga wieder einmal in die Wildnis ausrückt, spürt sie Olavi auf. Der ebenso vielseitige wie undurchdringliche Waldläufer hat als Wärter in dem eingangs erwähnten Lager gearbeitet.  

Frühling ist, wenn die Mücken noch nicht stechen und der Frost nicht mehr beißt.

Olavi versteht sich gut mit Biggas Großvater. Piera schwört auf sein Fallensteller-Knowhow. Der samische Trapper verteidigt eine überkommene Lebensweise. Piera erkennt darin ein kostbares Erbe, während er den mehrheitsgesellschaftlichen Finnländer:innen als Repräsentant der Rückständigkeit erscheint.

Widersprüche zwischen samischer Tradition und dem finnisch-postfaschistischen Modernitätsphantasma treiben Petra Rautiainens Geschichte an. Das böse Ideal einer arischen Gesellschaft verpuppt sich in demokratiekompatiblen Begriffen und Verkehrsformen. Doch der Ungeist lebt weiter. Er bedroht Minderheiten und formalisiert die Gegnerschaft zwischen den Träger:innen von Staatsideen und den Vertreter:innen regionaler Autonomie.  

Skandinavisches Outback - Was zuvor geschah

1944 tritt der Militärbeamte und Dolmetscher Väinö Remes seinen Dienst in einem geheimen, der Gestapo unterstellten, von der Wehrmacht geführten Gefangenenlager nahe Inari an. Die Gemeinde am Inarijärvi fungiert als Dreh- und Angelpunkt samischer Belange in Lapplands finnischem Zipfel. Im Übrigen sagen sich da Elch und Ren gute Nacht.

Zwischen medizinischer Versorgung und Hinrichtung

Kommt ein Trupp verletzter Gefangener an, erhalten manche eine Heilbehandlung ihrer Schusswunden, während andere kurzerhand erschossen werden.   

Väinö ist restlos infiziert von der Pest des nationalsozialistischen Gedankenguts. Seine arglose Grausamkeit schließt vor ihm jeden humanitären Spielraum. Fromm beteiligt er sich an den mörderischen Verheerungen, die wenige Jahre nach Kriegsende ihre letzten Opfer fordern. Spielende Kinder entdecken das vor der Räumung verminte und schlussendlich dem Erdboden gleichgemachte Lager. Ein Junge tritt auf eine Sprengfalle.

Seltsame Wallfahrten

1947 später bezieht die weltläufige Fotografin Inkeri Lindqvist in Enontekiö ein Haus.

Vorgeblich ist Inkeri gekommen, um den Wiederaufbau in einer entlegenen Gegend journalistisch zu dokumentieren. Für eine ethnologisch folkloristierte Reporterin stellt Inari ein paar Fragen zu viel.

Was führt die „Flachlandfinnin“ im Schild?

Wegen der Wohnungsnot bleibt ein Vormieter einfach in seiner vertrauten Umgebung. Olavi Heiskanen war Wachmann, Seelsorger, Gärtner und Vertrauter eines Kaarlo Lindqvist in dem Lager bei Inari, bevor er Inkeris Untermieter wird.

Er klärt seine Wirtin erst einmal nicht auf, sondern schweigt sich lange aus.

Einst traf Olavi der Blitz. Zumindest geht so eine Legende. Eine andere Mär behauptet, Inkeris Haus stünde auf einer Wasserader. Die neue Besitzerin arrangiert sich schnell mit den vom Mangel an allen Stellen bestimmten Alltag im skandinavischen Outback.

„Das Land war aufgerieben, zerstört, verbrannt. Die meisten Bäume hatte man im Krieg gefällt, und die, die man nicht gefällt hatte, waren ebenfalls verbrannt.“

Die ursprüngliche Bevölkerung „pilgert“ zu den Kaminen ruinierter Häuser. Inkeri registriert samische Eigentümlichkeiten. Ihre Erzählfunzel leuchtet einer ungewissen Gegenwart heim.

Väinö unterfüttert das Roman-Jetzt mit seinem Bericht aus einer bestialisch stinkenden Todeszone.

Zwei Achsen ziehen sich durch Petra Rautiainens Samen-Saga „Land aus Schnee und Asche“. Väinö träumt im letzten Kriegsjahr von einem groß-finnischen Reich nach faschistischem Vorbild. Gleichzeitig begegnet er den übermächtigen Waffenbrüdern (und verkappten Usurpatoren) mit allergischer Abneigung.

Die Bürger:innen von Inari und die seminomadischen Hirten an der Peripherie zeigen sich der Journalistin gegenüber einigermaßen aufgeschlossen. Inkeri erweitert ihr Repertoire. Sie avanciert zur Kunstlehrerin. Aus lässt sie sich über ihre Vergangenheit als Großwildjägerin in Kenia. Wer denkt da nicht an Tania Blixen?

Petra Rautiainen erzählt zumal von den Nöten einer ethnischen Minorität in ihrem angestammten Verbreitungsgebiet. Auch nach Fünfundvierzig kursieren in der finnischen Mehrheitsgesellschaft diskriminierende Vorstellungen und Begriffe über die angeblich „degenerierten“ Sam:innen.

Aus der Ankündigung

Finnland 1947: Die Journalistin und Fotografin Inkeri lässt sich in einem kleinen Ort in Westlappland nieder, um den Wiederaufbau des durch den Krieg verwüsteten Landes zu dokumentieren. Die junge Samí Bigga-Maja und ihr Großvater eröffnen Inkeri den Einblick in eine Kultur und Lebensweise, die im Zuge des Wiederaufbaus von den Finnen unterdrückt zu werden droht. Und gleichzeitig ist Inkeri aus persönlichen Motiven in Lappland: Sie will herausfinden, was mit ihrem Mann geschehen ist, der während des Krieges spurlos verschwand. Als ihr ein Tagebuch aus Kriegszeiten in die Hände fällt, scheint sie das Rätsel endlich lösen zu können …

In Petra Rautiainens kraftvollem und bewegenden Debüt steht die Schönheit des arktischen Lapplands den brutalen Machenschaften der Nazis und ihrer finnischen Kollaborateure gegenüber. Ein spannungsgeladener und gleichzeitig tief poetischer Roman, der sich der Wahrheit der Vergangenheit stellt und geschehenes Unrecht wiedergutzumachen versucht.

Petra Rautiainen, geboren 1988 in einem kleinen Dorf in Ostfinnland, hat Geschichte und Kulturwissenschaft studiert und promoviert aktuell über die mediale Repräsentation der Samí. Land aus Schnee und Asche ist ihr Debütroman.